[Liebe / Freundschaft]: Wenn Eros uns verrückt macht vor Liebe …

FW 2 20%Eros ist nicht selten so schnell verglüht wie ein Feuerwerk – Foto: Encourager68 (2014)

Wie ist das mit der Liebe? Wie verhält es sich mit dem Eros, dem Gott der Liebenden? Ist er ein treuer Kumpane? Bleibt er an unserer Seite – in guten wie in schlechten Tagen? Man möchte hoffen, irgendwie ja. Aber irgendwie werden die meisten von uns auch schon die Erfahrung gemacht haben: Liebe lässt sich irgendwie nicht konservieren. Sie scheint nicht ewig haltbar zu sein. Wie kommt das aber?

Gerade schmökere ich in einem schon etwas in die Jahre gekommenen Büchlein des irischen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Clive Staples Lewis (1898-1963). Sein Titel: „Was man Liebe nennt. Zuneigung, Freundschaft, Eros, Agape“. Lewis schrieb es bereits 1960 im Alter von 62 Jahren (also mit einer recht guten Portion Lebenserfahrung). In seinem 5. Kapitel „Eros“ (S. 93-115) beschreibt er die Leidenschaftlichkeit des Zustandes, „den wir ‚Verliebtheit‘ nennen“ (93). Eros kann zwei Menschen ziemlich wild aufeinander machen. Das ist seine besondere Begabung, seine Kunst, seine Fähigkeit. Sein Problem, so Lewis: Eros ist relativ unbeständig und hat nicht unbedingt den längsten Atem. Lewis schreibt:

„Und dabei ist es ein grimmiger Spaß, daß Eros, der von der Ewigkeit her zu uns zu sprechen scheint, selbst nicht unbedingt von Dauer ist. Er ist bekannt als die sterblichste von allen Liebesarten. Die Welt widerhallt von Klagen über seinen Wankelmut. Verblüffend ist die Verbindung dieses Wankelmuts mit seinen Beteuerungen der Treue. Wer verliebt ist, will und verspricht lebenslängliche Treue. Liebe legt unaufgefordert Gelübde ab; sie läßt sich nicht davon abhalten. „Ich werde dir immer treu sein“ sind fast die ersten Worte, die sie spricht. Nicht geheuchelt, sondern aufrichtig. Keine Erfahrung kann sie von dieser Selbsttäuschung heilen.“ (113)

Eros scheint uns Menschen alle ein wenig blind zu machen – blind vor Liebe. Lewis geht aber nicht böse mit Eros ins Gericht. Denn Eros meint es aufrichtig und gut. Allein: Er kann das nicht halten, was er so selbstbewusst verspricht. Manchmal meinen wir, wir hätten den vollkommenen Liebespartner für’s Leben gefunden und gewonnen, werden am Ende aber eines Besseren belehrt. So auch die Erfahrung von C.S. Lewis:

„Wir haben alle schon von Leuten gehört, die sich alle paar Jahre von neuem verlieben, jedesmal ehrlich davon überzeugt, daß es „diesmal das Wahre“ sei, daß jetzt Schluß sei mit dem Umherschweifen, daß sie die wahre Liebe gefunden hätten und bis zum Tode treu sein würden.“ (113)

So stark mag das Gefühl des wahren Verliebtseins auf uns wirken. Wir sind uns wirklich sicher: Das wird ganz sicher richtig gut gehen. Eros überschüttet uns mit den allerintensivsten Emotionen und entzündet in uns ein wahres Feuerwerk der Liebe und des Glücks. Und deswegen sind sich frisch Verliebte ihrer ewigen Liebe auch oft so gewiss:

„Und doch hat Eros auf seine Art recht, wenn er dieses Versprechen gibt. Das Ereignis des Sich-Verliebens ist von solcher Art, daß wir zu Recht den Gedanken unerträglich finden, es könne sich nur um ein vorübergehendes Gefühl handeln. Mit einem einzigen kühlen Sprung hat sich Eros über die Mauer unseres „Ichs“ hinweggesetzt; er hat sogar die Lust altruistisch gemacht [Anm.: also selbstlos und uneigennützig], persönliches Glück als belanglos beiseite geschoben und die Anliegen eines anderen Menschen in die Mitte unseres Wesens eingepflanzt. Spontan und ohne Anstrengung haben wir das Gesetz (einem Menschen gegenüber) erfüllt, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.“ (113)

Eros schafft solch eine Intensität des Verliebtseins, dass wir alle eigenen Bedenken über Bord werfen. Wir vergessen uns selber, möchten alles für unser Gegenüber tun, was wir nur können (und das wirklich von Herzen) und unseren Partner auf eine Weise lieben, wie wir vielleicht sonst noch nie geliebt haben. Eros macht uns einfach so verrückt vor Liebe, dass wir uns selbst kaum mehr wiedererkennen können.

Das Problem dabei ist nur: In seinem jugendlichen Ungestümtsein „treibt [es] Eros, etwas zu versprechen, was Eros aus sich selbst nicht halten kann“ (114). Eros überschätzt sich in der Regel maßlos. Seine Gefühle sind mit ihm vollends durchgebrannt. Verstand und Vernunft sind auf der Strecke geblieben. Die Emotionen schlagen Kapriolen, und das eigene Reflexionsvermögen wird sorgfältig in der hintersten Kammer weggesperrt. Am Ende kommt nicht selten die große Ernüchterung. Lewis fragt: „Schaffen wir es, ein Leben lang in dieser selbstlosen Befreiung [des Eros] zu bleiben?“ Und seine nüchterne Antwort darauf: „Kaum eine Woche.“ (114)

Im Gegenteil: Nicht gerade selten wird Eros relativ schnell vom tristen Alltag des Lebens eingeholt. Gemeinsam landet man auf dem Boden der Tatsachen (manchmal weicher, manchmal härter). Das alte Ego erwacht wieder und beansprucht seine alte Hohheit. Lewis beschreibt das so:

„Auch die denkbar besten Liebenden leben nicht ununterbrochen in diesem höchsten Zustand. Bald merkt man, daß das alte Ego nicht ganz so tot ist, wie es sich benahm – genau wie nach einer religiösen Bekehrung. In beiden Fällen mag es für den Augenblick zu Boden gestreckt sein. Bald erhebt es sich wieder; wenn nicht auf die Füße, so doch wenigstens auf die Ellbogen; wenn nicht mit Gebrüll, so doch wenigstens mit einem schmollendem Murren oder einem bettelnden Gewinsel. Und Venus gleitet oft in bloße Sexualität zurück.“ (114)

Solch eine (wiederholte) Erfahrung kann durchaus schmerzhaft sein. Eros konnte seine Versprechen nicht halten. Er ist doch nicht so stark und mächtig, wie die Liebenden dachten. Manchmal wird aus einem heißen Liebesfeuerwerk sogar noch ein kalter Krieg. Gerade bei berühmten Persönlichkeiten kennen wir das in der Klatschpresse: Erst die ganz große Liebe – und dann später der böse Scheidungskrieg, wo mit Haken und Ösen gegeneinander gekämpft wird – um Kinder, Kapital und den eigenen guten Ruf.

Was kann ich vielleicht heute lernen aus diesen Zusammenhängen um Eros und das verrückte Verliebtsein?
  • 1. Verliebtsein kann wahnsinnig schön sein.
  • 2. Verliebtsein kann aber auch wehtun, wenn die ersehnte Liebe am Ende enttäuscht wird.
  • 3. Eros meint es gut mit uns. Sein Feuerwerk der Liebe ist echt und aufrichtig gemeint.
  • 4. Der göttliche Eros verhält sich allerdings meistens viel menschlicher, als uns lieb ist.
  • 5. Unsere Liebe füreinander ist menschlich und deshalb immer auch zerbrechlich. Es ist so wichtig, einander einzugestehen, dass wir keine Götter sind, sondern nur normale menschliche Wesen.
  • 6. Wir alle machen Fehler.
  • 7. Wir alle haben unsere blinden Punkte – Schwachstellen, die wir oftmals nur mit fremder Hilfe erkennen können.
  • 8. Eros meint es gut mit der Liebe. Aber allein kann er es nicht schaffen.
  • 9. Eros braucht gute Kameraden an seiner Seite, als da wären: die Vernunft, der Dialog, das Verstehen, das Suchen, die Barmherzigkeit, die Geduld – und vielleicht noch einen göttlichen Beistand: Die Agape (die Gottesliebe).
  • 10. Zusammen kann uns diese ‚Gemeinschaft der Liebe‘ vielleicht ein Leben lang gut zur Seite stehen.

PS. Weitere Beiträge zum Thema „Liebe / Freundschaft“ findet ihr hier.

Literaturverweis:
  • Clive Staples Lewis: Was man Liebe nennt. Zuneigung, Freundschaft, Eros, Agape. Übersetzung: Dorothee Degen-Zimmermann (Basel/Gießen 1979, 6. Auflage 1998).
  • Englische Originalausgabe: „The Four Loves, Affection – Friendship – Eros – Charity“ (Glasgow 1960).

© Encourager68 (2014)

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