Überraschung im Hallenbad: Der erste Blick kann trügen …

Schwimmbad 20% swFoto: Encourager68

Manchmal können wir uns ganz schön täuschen …

Neulich abends im Hallenbad. Ich ziehe mal wieder meine Bahnen und kraule auf der Aktiv-Bahn mit anderen um die Wette. Die Aktivbahn ist eigentlich eine Extrabahn für Schnellschwimmende. Eigentlich. Denn immer wieder mal mischen sich unglaublich langsam Schwimmende darunter. Die haben dort eigentlich nichts zu suchen. Eigentlich. Aber das scheint diese Leute nicht weiter zu stören. Wahrscheinlich denken sie: Ich bin doch aktiv – warum sollte ich hier nicht schwimmen?! Dass sie dabei fast ununterbrochen lange Schwimmstaus verursachen, interessiert sie anscheinend herzlich wenig. Langsam rudern sie rücklings die Bahn entlang, fast wie in Zeitlupe. Ein älterer Herr ist darunter, bei dem ich nicht wirklich weiß, ob er überhaupt schwimmen kann. Sein Schwimmstil erinnert mich eher an den eines gerade Ertrinkenden. Ich wundere mich immer wieder, dass die Bademeister nicht öfter angerannt kommen, um bei ihm erste Hilfe zu leisten und ihn aus dem Wasser zu zerren. Aber wahrscheinlich kennen sie ihre Pappenheimer schon recht gut. Andere schwimmende Existenzen auf der Aktivbahn kriechen dermaßen langsam durchs Wasser, dass es mich nicht wundern würde, wenn sie dabei parallel auf dem Beckenboden von einer Unterwasser-Nacktschnecke überholt werden würden.

Schrecklich nervig sind diese ‚Pseudo-Aktiven‘. Denn es besteht kaum eine Möglichkeit, auf der Bahn ein Überholmanöver durchzuziehen. Setze ich zum Überholen an, bekomme ich ziemlich sicher erst einmal unvermittelt ein paar Schläge oder Tritte versetzt, weil diese Typen mit all ihren Gliedmaßen quer über die Bahn zappeln und dabei weder nach vorne noch zur Seite schauen, sondern anscheinend das Blindschwimmen testen. Einige füllen mit ihren weitausholenden Armen die ganze Bahnbreite aus – obwohl sonst drei Trainierende nebeneinander kraulen könnten. Manchmal muss ich gezwungenermaßen drei unfreiwillige Stops auf nur einer einzigen 50-Meter-Bahn einlegen. Wer schon mal Schwimmtraining gemacht hat, kann vielleicht ermessen, welches Aggressionspotential sich dabei in kürzester Zeit aufbauen und mitunter auch entladen kann. Der positive Nebeneffekt: All die angestaute und energetisch relativ wirkmächtige Wut kann gleich in sportliche Schwimmenergie umgesetzt werden – wenn man denn mal freie Bahn hat …

Unter diesen Schneckentempo-Schwimmer_innen auf der Aktivbahn ist auch eine junge Dame mit blauer Badekappe. Sie ist schön braun gebrannt – stammt vermutlich aus einem südlicheren Land als Deutschland. Nachdem ich sie innerhalb von ca. 20 Minuten ein 36. Mal überholt bzw. überrundet habe, nutze ich ihre Pause am Beckenrand und spreche sie an. Vorsichtig beginne ich mit der Feststellung: „Sie schwimmen ja auch schon einige Zeit hier.“ „Ja“, meint sie. Ich frage weiter: „Und wie weit wollen sie hier heute noch schwimmen?“ „Hm“, erwidert sie, „so ca. 6 km insgesamt.“ Bei ihrer letzten Aussage fällt mir glatt der Kinnladen runter. Ich bin sprachlos. 6 km!!! Wahnsinn! Ich schwimme hier gerade mal so meine 2, manchmal auch 2 ½ km. Und diese Paddeltante, deren Kraulstil eher dem eines ertrinkenden Pudels ähnelt, will 6 km am Stück schaffen?? Ich frage sie, wie lange sie heute schon im Wasser ist. Sie: „Etwa 2 Stunden und 45 Minuten.“ Ich glaub‘, mein Hamster bohnert! Eine echte Marathonschwimmerin. Ich frage sie, wer sie ist und wo sie herkommt. Sie erzählt mir, dass sie hier studiert, eine Spanierin ist und auf Mallorca groß geworden ist. Dort würde sie auch immer so viel im Meer schwimmen. Mann, eine echte Mallorquinerin! Eine echte Eingeborene, die vielleicht sogar persönlich Dieter Bohlen kennt. Und dazu solch eine ausdauernde und durchtrainierte Persönlichkeit. Ich nehme all meinen Ärger zurück und zolle dieser kleinen Persönlichkeit meinen Respekt. Denn das muss einer erst einmal schaffen – sich etwa drei Stunden lang ununterbrochen in einem Hallenbad fortzubewegen – wenn auch die Geschwindigkeit dabei etwas zu wünschen übrig lässt. Aber sportlich ist das allemal. Da verzeih ich ihr heute auch die Nutzung der Aktivbahn. Wer so lange an einem Stück zu schwimmen vermag, ist wirklich aktiv. Diese blaue Badekappe werde ich mir also gut merken – und mich in Zukunft nicht mehr über diese Zeitlupenschwimmerinnen und -schwimmer aufregen. Jedenfalls nicht ganz so doll.

Welche Schlussfolgerungen sich für mich aus diesem Schwimmerlebnis ergeben:
  • 1. Der erste Eindruck kann gewaltig trügen.
  • 2. Unterschätze keine unscheinbaren Schwimmerinnen mit blauer Badekappe.
  • 3. Auf Mallorca wird nicht nur gebadet, sondern auch Schwimmtraining im Meer gemacht.
  • 4. Das Leben hält immer wieder auch amüsante Überraschungen für mich bereit.
  • 5. Beim Sporttreiben sollte es eigentlich nicht immer nur um schnelle Zeiten und gute Leistungen gehen. Eigentlich.
  • 6. Wer letztendlich die Aktivbahn benutzt, interessiert nicht einmal die Bademeisterinnen und Bademeister.
  • 7. Beim nächsten Besuch werde ich auch mal das Blindschwimmen probieren – und dann bei ganz bestimmten Badegästen (möglicherweise) umgehend und zielsicher auf Kollisionskurs gehen.

© Encourager68 (August 2014)

 

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5 Antworten zu Überraschung im Hallenbad: Der erste Blick kann trügen …

  1. kathi84 schreibt:

    Es ist immer wieder über die Maßen amüsant, mit welch charmanten Worten Du Deinem Ärger Luft machst. Eine herrliche Anekdote! Schön, dass aus dieser Erfahrung eine sehr interessante Geschichte und ein aufschlussreiches Gespräch geworden ist. Mehr davon!

  2. WuuuuUUUSCHHHhhhhhhh! Da war der Seestern wohl wieder schneller.

    Ich hatte glattweg ein knuffiges Kopfkino…in der Hauptrolle: Eine Wasserschnecke auf der Überholspur.

    Apropos Verschätzen:
    Ich hatte auch mal beruflich eine Begegnung mit einem Menschen, mit dem rein äußerlich betrachtet wohl kaum gut Kirschen zu essen sein würde, und am Ende entpuppte er sich als sehr kooperativ und wahrscheinlich als Opfer fremder Unterstellungen.
    Auf der anderen Seite gibt es Leute, denen man nie etwas Böses zutrauen würde und welche am Ende dann doch ausrasten.

    Was lernen wir daraus?
    Man sollte sich immer schön eine gesunde Vorsicht und eine Portion Misstrauen bewahren und trotzdem nicht allein das Schlechteste im Menschen vermuten, auch wenn es manchmal schwer fällt.
    Manchmal stößt man dabei auf positive Überraschungen….und manchmal auf des Pudels Kern.

    • mwehrstedt schreibt:

      Das hast Du schön geschrieben.
      Ja, finde auch, dass beides zusammengehört: Ein gesundes Misstrauen, aber auch eine muntere Offenheit für jeden Menschen. Es gibt noch viel zu lernen für uns – und auch ich brauche immer neue eine gute Portion Weisheit im Leben 🙂

  3. Na, da sind wir uns doch auch in diesem Punkt wieder einig! Prima! (-:

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