Entdecke deine Bestimmung! – … und wachse in deiner Achtsamkeit

Warnemünde (2009) - 20 % swFoto: Encourager68 (Mai 2014)


„In der Nacht umwarb mich der Mond wieder, und Wolken zogen wie unwissende Formen der Zukunft vorbei. Ich war völlig zufrieden und fiel in einen tiefen Schlaf, zu tief, wie sich herausstellte.“ (S. 37)


Der erwachsen werdende und abenteuerlustige Buckelwal Hruna hat den Absprung geschafft. Er befindet sich im Roman „Das Lied der Wale“ (1981) auf seiner sogenannten „Einsamen Reise“. Jeder Buckelwal, der erwachsen und selbständig werden möchte, unternimmt diese aufregende und manchmal auch etwas einsame Fahrt durch die Meere dieser Welt. Hruna genießt die ersten Tage seiner Unternehmung in vollen Zügen. Er atmet die frische Meeresluft, freut sich über die Stille der tiefen Wasser, trifft manch andere Meeresbewohner und macht sich so seine Gedanken über das Leben und dessen Sinn.

Das Fatale: Solch eine „Einsame Reise“ birgt auch manche ungeahnten Gefahren in sich. Gerade für einen unerfahrenen jungen Buckelwal wie Hruna. Hruna schläft tief ein und vergisst dabei, dass auch Feinde in den weiten Meeren auf ihn warten. Und plötzlich befindet er sich mittendrin im bösen Schlamassel:


„Ein lautes Geräusch weckte mich, als etwas meine rechte Seite aufschlitzte. Ich tauchte steil, tauchte zum Grund, drehte einen weiten Kreis und sah hoch. Ein schlangenartiges Ding baumelte meterlang in das tiefe Blau. Darüber ragte drohend ein schwarzer Schatten – der Boden des Ungeheuer-Schiffes, vermutete ich. Vom Ende des Kabels hing ein zahnartiges Ding mit einem grausamen Haken.“ (Ebd.)


Der arme Hruna ist mitten unter die Walfänger geraten. Er schwimmt in der Höhle des Löwen. Sein tiefer Schlaf, seine Unachtsamkeit sind ihm zu einem bösen Verhängnis geworden. Ihm fehlt noch die so wichtige Lebenserfahrung. Seine Blauäugigkeit mitten im blauen Meer kosten ihm fast Kopf und Kragen:


„Ich versteckte mich im Seetang und sah zu, wie es [das schlangenartige Ding mit dem grausamen Haken = die Harpune; MW] hochgezogen wurde. Erst jetzt spürte ich ein Brennen an meiner rechten Seite, wo die Harpune mich gestreift hatte. Es war nur ein Kratzer, aber ich erschauderte, wie nahe ich dem Tod gewesen war. Noch schlimmer als die Angst war die Scham, daß ich in meinem Schlaf einen Feind mir so nah hatte kommen lassen. Ärgerlich sank ich in schwarze Tiefe.“ (Ebd.)


Wal - Datteln (2014) - 15 % swFoto: Encourager68 (Mai 2014)


Es ist nur ein Kratzer. Und dennoch tut die Wunde weh. Nicht nur körperlich. Noch viel mehr seelisch. Weil der Schmerz der Unachtsamkeit viel tiefer geht. Hruna will sich als Buckelwalmännchen bewähren. Er traut sich schon eine Menge zu. Er fühlt sich stark, klug und weitsichtig. Er empfindet sich schon als belastbar und selbständig. Doch dann wird er von der Wirklichkeit eingeholt. Ein tiefer Schlaf – und fast erleidet er seinen vorzeitigen Tod. Traurigkeit und Ärger überkommen ihn, und beschämt sinkt er hinab in die Tiefe. Er merkt und versteht: Er ist noch nicht der große und verlässliche Buckelwal, der er eigentlich schon sein wollte. Er muss sich eingestehen: Er macht noch kindliche Fehler. Das Leben ist nicht so einfach und eindimensional, wie er dachte. Überall lauern Untiefen und Gefahren. Eine kleine Ablenkung schon kann fatale Folgen für ihn haben. Als er wieder auftaucht, schaut er der tödlichen (menschlichen) Gefahr noch einmal ins Angesicht:


„Ein paar Minuten später stieg ich hinauf zum Atmen und sah das Schiff. Schwarz ragte es hoch aus dem Wasser und stierte mit seinen verschiedenfarbigen Augen. Die Wellen zerteilten sich vor seiner spitzen Nase, während es auf mich zukam.“ (Ebd.)


Hruna schaut seinem Feind direkt ins Angesicht. Schrecklich, dieses schwarze Ungeheuer. „Verschiedenfarbige Auge“ nehmen ihn ins Visier. Mörderisch kommt es ihm entgegen. Das hier ist kein Kinderspiel mehr. Hier geht es um Leben und Tod. Schrecklich bewusst wird das diesem Buckelwal-Teenie:


„Am Horizont zählte ich sechs weitere Schiffe. Eines war so groß wie vier andere zusammen – so groß wie eine Insel – und funkelte wie ein Nachthimmel im frühen Grau. Ich tauchte wieder und lag still auf dem Grund, Luft aufsparend. Das Schiff wartete lange über mir, und als meine Lunge fast nicht mehr konnte, tuckerte es geheimnisvoll davon.“ (Ebd.)


Hruna kommt noch einmal mit dem Leben davon. Seine Atemluft auf dem Grund des Meeres reicht gerade so aus, um nicht entdeckt zu werden. Er ist dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen. Das war knapp. Mörderisch wird sich dieses Erlebnis in seine noch junge Biographie eingraben. Ein Erlebnis, dass er sicher nie wieder vergessen werden kann. Tief nachdenklich setzt er seine „Einsame Reise“ fort:


„Ich schwamm weiter an jenem Tag, beschwert, beschämt, fühlte mich ausgesetzt und vermißte den Schwarm.“ (Ebd.)


Seine Abenteuerlust verliert sich fürs erste. Bedrückt und getroffen schwimmt er weiter und davon. Und zum ersten Mal bohrt sich das Gefühl von Einsamkeit in die Tiefe seiner Walseele. Der schützende Schwarm fehlt ihm jetzt. Und Walstimmen, die ihn hätten aufmuntern können. Er muss sein dunkles Erlebnis ganz alleine verarbeiten. Für sich und mit sich allein.


Es gibt Zeiten im Leben, in denen wir auch Angriffe aushalten müssen. Bedrohungen gehören zum Leben dazu. Darauf sollten wir uns einstellen.


Was wir von Hrunas bitterem Erlebnis lernen können:
  • 1. Ein zu tiefer und zu langer Schlaf kann verheerende Folgen haben.
  • 2. Wir sollten auf der Hut sein. Vertrauen ist gut. Kontrolle ist (oft) besser.
  • 3. Ein bitteres Erlebnis kann uns zu einer wichtigen Lehre fürs ganze Leben werden.
  • 4. Auch Zeiten der Einsamkeit müssen wir hin und wieder aushalten lernen.
  • 5. Wir sollten aber trotz allem weiterschwimmen und unsere Zukunft in Angriff nehmen. Beim nächsten Mal können wir zeigen, dass wir es besser machen können.

Warnemünde (2009) - 20 % swEncourager68 (Mai 2014)

 

 

 

 

 

 

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