Entdecke deine Bestimmung! – … und plane deine „Einsame Reise“ (Teil 1)

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Foto: Encourager68 (Mai 2014)

 

Manchmal ist es Zeit für mich, eine einsame Reise anzutreten. Damit meine ich keine traurige, keine langweilige, depressiv stimmende oder für immer Abschied nehmende Reise (also auch keine ‚letzte Reise‘), sondern vielmehr eine Entdeckungsreise. Eine Reise ganz allein für mich. Eine Reise zum Aufwachen und Erwachsenwerden. Eine Unternehmensfahrt zur Entdeckung meiner Bestimmung, meiner persönlichen Berufung. Vielleicht gibt es wirklich so etwas wie einen besonderen Auftrag für mich. Und es könnte an mir sein, diesen möglichen und persönlichen, speziellen und individuellen Auftrag für mich heute (neu) zu entdecken.

 

Auch der kleine und vergnügte Buckelwal Hruna im „Lied der Wale“ reift heran. Er nähert sich seiner nächsten Entwicklungsstufe und steht vor der großen Aufgabe, seinen ganz eigenen Weg mitten hinein ins Erwachsenenleben zu finden. Noch merkt er nicht viel davon. Aber es gibt Anzeichen, dass er sich auf der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt befindet. Bezeichnenderweise bahnt sich ‚das Neue‘ in einer Phase der Ruhe und Bequemlichkeit an. Gerade dann, wenn ich das Gefühl habe, irgendwie in meiner eigenen Trägheit und Routine zu versacken und zu versinken, kündigen sich mitunter Zeiten eines Neuaufbruchs für mich an – so wie für den kleinen Hruna:


 

„Dann waren wir wieder in der warmen, trägen See, und die Kühe suchten nach den besten Untiefen um die Inseln für ihre Nester. Die Bullen diskutierten die Wanderung des nächsten Jahres, erleichtert, daß wir der Sicht der Walfängerflotte im letzten Jahr entgangen waren. Ich wurde von Tag zu Tag unruhiger. Ich hatte jetzt mehr als die Hälfte meiner erwachsenen Größe, und die Spiele der Kälber interessierten mich nicht mehr. Ich ging auf immer längere Ausflüge, sang vor mich hin und lauschte dem Echo meines Liedes, wie es vom Meeresgrund widerhallte.“ (S. 30f.)

 


Tja, für die lustigen Kindereien der anderen Kälber hat Hruna plötzlich nicht mehr viel übrig. Ihn interessieren ganz neue Dinge. Neugierde weckt sein junges Buckelwalherz. Entdeckerfreude entfacht seine Sinne. Er möchte gern etwas von dieser Welt sehen. Er möchte den weiten Meeren auf den Grund gehen, sie und ihre Bewohner entdecken und verstehen lernen. Seine Eltern bekommen diesen Entwicklungsfortschritt ihres Sohnes natürlich mit. Hruna befindet sich auf dem Sprung, erwachsen zu werden. Schließlich kommt es zur entscheidenden Aussprache Hrunas mit seinem weisen Vater Hrunta:


 

„Eines Tages begegnete mir Hrunta. Scharfäugig sah er an mir entlang, von der Schwanz- bis zur Schwimmflosse, und lächelte. „Du wirst größer als ich werden“, sagte er, „schon jetzt sind deine Schwimmflossen halb so lang wie meine.““ (S. 31)


 

Hruna fühlt sich geschmeichelt von den Worten seines Vaters. Verschämt schaut er weg, empfindet aber insgeheim Stolz über seine Entwicklung und die verheißungsvolle Aussicht, einmal ein richtig großer Buckelwal zu werden. Aber die Worte seines Vaters sind eigentlich nur ein Aufhänger für eine ganz andere, ernstere und viel wesentlichere Botschaft an seinen Sohn. Diese folgt nun auf dem Fuße (bzw. auf der Buckelwalflosse). Hruna selbst berichtet es uns so:


 

„Hruntas Lächeln verschwand, als er weitersprach und mich dabei forschend ansah. „Es wird Zeit, daß du auf die Einsame Reise gehst.““ (Ebd.)

 

BildAuf zur „Einsamen Reise“ – Foto: Encourager68 (Mai 2014)

 

Die Einsame Reise! Es ist soweit. Der Zeitpunkt ist gekommen, die Zeit ist reif. Reif für einen neuen und wichtigen Lebensabschnitt für den jungen Burschen. Hruna hat es bereits gespürt. Er weiß bescheid, weiß, um was es sich bei dieser Reise handelt. Ihn braucht keiner darüber aufzuklären:


 

„Er [sein Vater, MW] sagte nichts weiter. Schwamm plötzlich fort. Ich wußte, was er meinte, und war stolz. Und doch spürte ich, wie sich eine Höhle in meinem Magen auftat. Die Einsame Reise unternahm jeder Wal am Anfang seines Erwachsenenseins. Manchmal kehrte sie oder er ein oder zwei Jahre lang nicht zurück. Manchmal kam er überhaupt nicht wieder, sondern gesellte sich unterwegs zu einem andern Schwarm.“ (Ebd.)


 

Die Einsame Reise – eine Zeit …
  • … auf eigenen Beinen zu stehen (bzw. mit eigenen Flossen zu schwimmen),
  • … sich selbst besser kennenzulernen,
  • … eigene Entdeckungen zu machen,
  • … mutig eigene Wege zu finden,
  • … sich auch mal alleine durchzukämpfen,
  • … sich selbst zu versorgen,
  • … sich neuen und unberechenbaren Gefahren auszusetzen,
  • … das Alleinsein auszuhalten,
  • … gewohnte Schutzräume aufzugeben,
  • … sich vom Leben und der Umwelt abhärten zu lassen,
  • … neue Kontakte zu knüpfen,
  • … mit neuen Lebensbedingungen kreativ umgehen zu lernen
  • … und auf diese Weise zu einer ganz eigenen Persönlichkeit heranzureifen.

 

(Fortsetzung folgt)


Literatur:
  • Robert Siegel: Das Lied der Wale. Whalesong. Übersetzt von Ulrich Schaffer (Wuppertal und Kassel 1982, 95 S.).
  • Originaltitel: Whalesong (Westchester 1981).

© Encourager68 (April 2014)

 

 

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2 Antworten zu Entdecke deine Bestimmung! – … und plane deine „Einsame Reise“ (Teil 1)

  1. waldfee schreibt:

    Es ist schön, wenn man Menschen hat, die einen ermutigen und einen Kraft schenken auf der Reise.

    • mwehrstedt schreibt:

      Ja, das finde ich auch. Besonders dann, wenn unsere „Einsame Reise“ besonders einsam ist. Dann hilft jede kleine mutmachende Geste eines anderen weiter.

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