Wenn Kindern Schmerzen Schmerzen bereiten – Besuch im Kinderschmerzzentrum in Datteln …

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Foto: Encourager68 (Mai 2014)


Schmerzen können grausam sein. Am bekanntesten unter ihnen sind wohl die Zahnschmerzen, die uns Menschen in den Wahnsinn treiben können. Aber es existieren noch vielfältige andere Sorten von Körperqualen: Rückenschmerzen vor allem (z.B. bei Bandscheibenproblemen), Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Bauchweh und Gelenkschmerzen. Patienten mit dauerhaftem Schmerzempfinden leiden hier sicher am meisten – und am schlimmsten dann, wenn es sich dabei noch um Kinder handelt.


Am Sonntag, den 4. Mai 2014 habe ich das Vergnügen (wobei das überhaupt nicht spaßig war), zum ersten Mal in meinem Leben ein Kinderschmerzzentrum zu betreten: Das Kinderschmerzzentrum an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln (http://www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de/), die auch Teil der Universität Witten/Herdecke ist. Der Grund: Die Tochter einer befreundeten Familie verbringt derzeit dort als Patientin ein paar Wochen und bittet mich um einen Besuch. Ihre Eltern wohnen sehr weit entfernt, und das lange Wochenende dort in der Klinik empfindet sie als langweilig und zäh. Denn die meisten anderen Kinder fliegen an den Wochenenden zu ihren Familien aus. Nur die frisch und neu Aufgenommenen dürfen am ersten Wochenende ihres Aufenthaltes das Haus nicht verlassen.


BildFoto: Encourager68 (Mai 2014)


Also machen wir erst einmal einen Rundgang durchs Haus. Gemeinsam begeben wir uns zum Fahrstuhl. Die witzigen Stationsnamen fallen mir am Hinweisschild gleich auf: Im 1. Obergeschoss befindet sich die „Tigerambulanz“ (ich hoffe, hier werden keine echten Tiger notversorgt) sowie die Stationen „Löwe“ und „Insel“. In den oberen Stockwerken sind die Stationen „Tiger“, „Kleiner Eisbär“, „Seepferdchen“, „Uhu“ und „Leuchtturm“ untergebracht.


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Foto: Encourager68 (Mai 2014)


Die Leuchtturm-Station im 5. Obergeschoss visieren wir an. Dort ist nämlich auch die Schmerzambulanz und das Mädchen selbst untergebracht. Alles findet sich dort akkurat eingerichtet. Die Kinder leben zu zweit oder zu dritt auf ihren Zimmern. Ihnen stehen einige helle und modern eingerichtete Gemeinschaftsräume zur Verfügung. Eine Stationsschwester empfängt uns sehr freundlich. Die Atmosphäre für die Kinder scheint hier zu stimmen. Das ist auch wichtig. Denn hier werden Kinder behandelt, die unter dauerhaften, sehr unangenehmen und zum Teil nebulösen und undeutbaren Schmerzen leiden. Das mag schon schlimm genug für Erwachsene sein. Aber Kinder empfinden das sicher noch als tragischer. Wenn man sich den Fuß anstößt, mag das sehr wehtun. Aber in der Regel vergeht dieser Schmerz wieder relativ schnell. Und man kennt zudem seine Ursache. Richtig schlimm wird es, wenn Kinder es nicht mehr nur mit sog. Akutschmerzen zu tun haben, sondern wenn ihre Schmerzen immer wieder auftauchen und irgendwann chronisch werden. Sie leiden dann schlimm, ziehen sich mitunter zurück, wollen nicht mehr zur Schule und meiden Freunde. Das Problem: Normale Ärzte können keine wirkliche Ursache für diese Probleme finden. Deswegen wurde Anfang 2012 das Kinderschmerzzentrum in Datteln ins Leben gerufen. In Deutschland geht man derzeit davon aus, dass unter uns ca. 350.000 Kinder unter dauerhaften Schmerzen leiden (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Kinderschmerzzentrum). Etwa jedes 20. Kind. Unglaublich, aber wohl wahr.


Hier im Kinderschmerzzentrum helfen Ärzte, Psychologen und Physiotherapeuten ihren kleinen Patientinnen und Patienten, deren Schmerz(en) in den Griff zu bekommen. Dabei werden mögliche psychische Ursachen erforscht, aber auch witzige und hilfreiche spielerische Methoden angewandt, um das Gehirn auf andere Gedanken zu bringen und abzulenken. Wunderschön einfach und plastisch erklärt wird das in dem 11-minütigen (und sehr zu empfehlenden) Filmchen auf der Webseite der Klinik (http://www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de/).


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Haupteingang der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln – Foto: Encourager68 (Mai 2014)


In der Klinik fällt mir ein Flyer in die Hand, in dem Werbung für ein Buch zum Thema gemacht wird, und zwar:

  • Michael Dobe / Boris Zernikow: Rote Karte für den Schmerz. Wie Kinder und ihre Eltern aus dem Teufelskreis chronischer Schmerzen ausbrechen. Mit einem Geleitwort von Dr. Marianne Koch. Aktualisierte und erweiterte 2. Auflage (Carl-Auer-Verlag 2012, 190 S.).

Die beiden Autoren agieren selbst als Hauptfiguren hier im Kinderschmerzzentrum in Datteln. Dr. Michael Dobe arbeitet als leitender Psychologe und Prof. Dr. Boris Zernikow trägt die Verantwortung als Chefarzt. Im Geleitwort des Flyers macht die Ärztin Dr. med. Marianne Koch – Ehrenpräsidentin der Deutschen Schmerzliga e.V. – Werbung für diesen Band. Sie schreibt:


„Leider werden Schmerzen, gerade solche, unter denen Kinder leiden, immer noch nicht ernst genug genommen. Kopfweh, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen – „Es wird schon nicht so schlimm sein“ oder „Stell dich nicht so an!“, heißt es nur allzu oft. Statt dass man die jungen Patienten einer wirksamen Therapie zuführt, schon um die Chronifizierung ihrer Schmerzen zu verhindern.“ (Dr. med. Marianne Koch, im Werbe-Flyer zum obengenannten Buch)


Tatsächlich helfen wir einem Kind wenig oder gar nicht, wenn wir dessen Schmerzen kleinreden. Wenn gewisse Schmerzen immer regelmäßiger auftreten, sollten wir das ernstnehmen. Hier sind wir heute oft sensibeler geworden. Aber immer noch existieren schreckliche Annahmen unter uns, zum Beispiel:


„Das Verhältnis zum Phänomen Schmerz ist in unserer Gesellschaft von teilweise tragischen Missverständnissen geprägt: So wurden noch vor einigen Jahren Neugeborene ohne Narkose operiert, in der Annahme, ihr Nervensystem sei noch zu unreif für Schmerzempfindungen, oder Menschen sind der Überzeugung, dass Schmerz eben schicksalhaft und im Grunde nicht behandelbar sei. Diese Vorstellung müssen wir endlich aufgeben!“ (Ebd.)


… meint Marianne Koch. Auch dauerhafte Schmerzen lassen sich behandeln. Und das ist so notwendig, weil nicht nur die jeweiligen Kinder, sondern auch deren Angehörige, Freunde und Betreuer damit mächtig zu schaffen haben:


„Schmerzen von Kindern mitzuerleben, zumal chronische oder immer wiederkehrende Schmerzen, ist für alle – Eltern, Geschwister, die ganze Familie – eine seelische zutiefst belastende Situation, zweifellos auch für die betreuenden Krankenschwestern und Ärzte.“ (Ebd.)


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Schmerzen können schrecklich sein – Foto: Encourager68 (Mai 2014)


Aus diesem Grund sollte diesem Schmerz-Übel von Fachleuten auf den Grund gegangen werden. Die Autoren versuchen das jedenfalls, findet Marianne Koch:


„Wie gut, dass Michael Dobe und Boris Zernikow, die Autoren dieses Buches, es auf sich genommen haben, intensiv mit Kindern zu arbeiten, die unter Schmerzen leiden. Es sind äußerst erfahrene Therapeuten, die durch ihre wissenschaftliche Tätigkeit viel dazu beigetragen haben, dass wir heute das Wesen von Schmerz, besonders den chronischen Schmerz bei Kindern und Jugendlichen, besser verstehen und, vor allem, endlich kompetent behandeln können. Ihre Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen haben sie hier in einer großartigen und überzeugenden Weise dargestellt. Überzeugend deswegen, weil es ihnen zum einen gelungen ist, die komplexen Zusammenhänge zwischen Schmerzerleben und den Möglichkeiten von Schmerzbehandlung und -bewältigung in einer klaren und für jedermann verständlichen Weise zu beschreiben. Zum anderen aber, weil sie durch die vielen geschilderten Beispiele, die praktischen Vorschläge und die oft humorvollen Kommentare lebensnahe Informationen und Anleitungen für Eltern und die betroffenen Kinder geben.“ (Ebd.)


Nett finde ich, dass hier in der Klinik wohl auch viel mit Humor gearbeitet wird. Lachen ist wirklich gesund und heilt manchmal mehr als viele Medikamente. Auch dieses Schmerzbuch zeigt den Leserinnen und Lesern, wie sie ihre leidenden Kinder auf lustige Weise auf andere Gedanken bringen können:


„Auch die Sprache mit ihren vielen kreativen Elementen – da gibt es „Denkfallen“ und Mutmach-Bilder“; witzige „Schildkröten“- und „Katzen“-Vergleiche bei den Entspannungsübungen – macht das Buch neben aller fachlichen Ernsthaftigkeit zu einem Lesevergnügen.“ (Ebd.)


Am Ende unterhalte ich mich mit der jungen Patientin fast zwei Stunden lang in der Cafeteria. Sie erzählt mir manches über ihre speziellen Komplikationen und darüber, wie ihr hier nun geholfen werden soll. Ich hoffe natürlich, dass es ihr bald schon wieder besser geht und dass sie Methoden erlernt, wie sie manchem Schmerzempfinden positiver begegnen kann. Auch ihrer Familie wünsche ich Entspannung und Besserung. Denn gerade auch Eltern leiden sehr, wenn es ihren Kindern nicht wirklich gut geht.


Was wir tun können, wenn uns chronische und eher undefinierbare Schmerzen plagen:
  • 1. Wenn es keine physiologische Ursache gibt, auch nach möglichen psychologischen Gründen forschen.
  • 2. Sich mental ablenken und das Gehirn auf andere Gedanken bringen (z.B. spielerisch oder durch Humor).
  • 3. Sich nicht zurückziehen, sondern aktiv am Sozialleben teilnehmen, um mit Selbstbewusstsein gegen den eigenen Schmerz munter vorzugehen.
  • 4. Ein Schmerzzentrum aufsuchen und sich dort kompetente Beratung holen.

© Encourager68 (Mai 2014)


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