„Wund ist das einsame Herz“: Gemeinsam trauern & getröstet werden

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Foto: Encourager68 (Mai 2014)

 

Es ist, als ginge in einem die Welt unter. Traurigkeit folgt auf Traurigkeit. Eine Sonnenfinsternis jagt die andere. Der Verlust eines lieben Menschen – er kann so tiefe Wunden schlagen. Er kann Eingeweide zum Zerreißen bringen und unsere Herzen blutend machen. Er kann uns von einer Trübseligkeit in die andere führen und uns innerlich zu verkrümmten Wesen machen. Alles tut weh. Körper und Seele liegen in Schmerzen und sind schwer verwundet. Wir verkriechen uns vor dem Tageslicht und flüchten vor der Heiterkeit der anderen. Wir ziehen uns zurück und weinen uns die Seele aus dem Leib. So liegen wir still und leiden …

 

Auch in der wunderschön erzählten Romangeschichte „Das Lied der Wale“ (1981) stoßen wir auf solch eine herzzerreißende Trauerszene. Hrota, der Anführer der kleinen Buckelwalherde, erhält tags zuvor die Nachricht vom Tod seines einzigen Sohnes Kaluun. Sofort hatte er sich – von tiefer Trauer gerührt – von seinem Schwarm entfernt. Eine ganze Nacht und einen ganzen Tag lang war nichts weiter mehr von ihm zu sehen. Am Folgetag hält bereits die Dämmerung Einzug, und der ganze Schwarm liegt still da und leidet, so auch der junge Buckelwal Hruna …

 

„An jenem Abend ging die Sonne in rauchenden lilaroten Wolken unter, die sich über den halben Himmel ausbreiteten. Wir Kälber waren erschöpft und satt und lagen auf dem Wasser in der Mitte des Schwarms, während unsere Eltern leise miteinander sprachen. Der Himmel wurde ein dunkles Lila, und die Sonne, ein blutroter Ball, zischte endlich ins Meer.“ (S. 14)

 

Im Augenblick dieses Sonnenunterganges passiert es. Der alte Hrota kehrt zu seiner Herde zurück – und mit ihm die traurige Melodie eines unermesslichen Schmerzes. Alle Walkälber, auch der kleine Hruna, horchen entsetzt auf, weil sie solche Trauertöne in ihren jungen Leben noch nie gehört haben:

 

„In dem Augenblick überraschte uns ein tiefes, unendlich trauriges Stöhnen, das von außerhalb kam. Es war Hrota. Keiner von uns Jüngeren hatte je einen solchen Ton gehört. Uns trat das Öl in die Augen. Die Erwachsenen schienen den Ruf erwartet zu haben, weil sie wie im Chor mit dem gleichen schwermütigen Ton antworteten. Die Schwingungen zogen durch meinen ganzen Körper, bis mir schien, es hätte sich mein Innerstes aufgetan. „Kaluun, Kaluun“, sangen sie, und eine langsame Flut von Kummer rollte von uns zu Hrota hin in die Einsamkeit da draußen, eine halbe Meile weit.“ (Ebd.)

 

Ein „tiefes, unendlich trauriges Stöhnen“ dringt durch den weiten Ozean. Ein Weinen, das aus den tiefsten Tiefen der Seele zur Oberfläche drängt. Das Meer liegt ruhig und die Zeit steht still. Hrotas Freunde liegen da wie gelähmt. Von Schwermütigkeit ergriffen, empfangen sie ihren leidenden Anführer. Sein mit Jammer erfüllter Gesang trifft auch die jungen Wale tief in ihr Mark. Er öffnet Türen in ihnen, von denen sie bisher nichts wussten noch ahnten. „Kaluun, Kaluun“, so betrauern sie den Tod ihres Freundes, des einzigen Sohnes Hrotas. Dieser herzergreifende Walgesang rollt wie „eine langsame Flut von Kummer […] in die Einsamkeit da draußen“ – auf ihren herannahenden Freund zu. Der treibt noch weit entfernt im offenen Meer, wird aber so von ihnen tröstend in Empfang genommen. Der ganze Schwarm stimmt nun mit seinen tiefen Gesängen eine Wehklage an, die wohl allen Meeresbewohnern unter die Haut gegangen sein mag. Dieses gemeinsame Trauerlied berichtet uns davon, auf welche Weise Kaluun sein Leben verlor:

 

„Aus den hohen heldischen Worten der Wehklage hörten wir Kälber die Geschichte, die unsere Väter uns in der Nacht ihrer Rückkehr und an dem aufregenden Tag der tobenden Spiele danach vorenthalten hatten: Hrotas einziger Sohn war mit den Krilljägern gezogen und nicht zurückgekehrt. Wir lernten, daß die Geschichten von den Ungeheuern, die Rauch und Feuer ausstießen und auf der Wasserfläche schlitterten, nicht nur Geschichten waren – daß sie geschehen waren. Diese Ungeheuer hatten Kaluun gefressen. Rauch und Feuer [Anm: eine abgeschossene Harpune] und eine lange Schlange [Anm.: eine Harpune an einem Seil] war aus dem Maul eines Ungeheuers hervorgesprungen und hatte Kaluun gebissen; dann hatte die Schlange den kämpfenden, schäumenden, blutenden Kaluun über die Wellen geschleift. Ein größeres Ungeheuer – größer als viele Wale – schwamm auf ihn zu, öffnete sein Maul und verschluckte ihn, während er die See blutig schlug.“ (Ebd.)

 

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Foto: Encourager68 (Mai 2014)

 

Kaluun war dem „Ungeheuer Mensch“ zum Opfer gefallen. Walfänger hatten ihn überrascht, harpuniert, kämpfend niedergerungen und getötet. Seine fünf, ihn begleitenden Walfreunde mussten den Kampf und die Qual mitansehen. Sie wollen eingreifen und ihm beistehen. Aber in Anbetracht der Vielzahl der auftauchenden „Ungeheuer“ sind ihre Möglichkeiten leider zu begrenzt:

 

„Die anderen fünf Wale stürmten ihm zu Hilfe, und eine weitere Schlange hätte beinahe einen von ihnen gebissen. Bald kamen noch mehr Ungeheuer, um sie zu jagen. Entmutigt, ihre Herzen schwer wie Stein, tauchten sie und flohen in die schwarze Tiefe. All das war uns [Kälbern] sehr fremd, und wir lagen zitternd in der Mitte, während unsere Eltern den Chor zu Hrotas Wehklage sangen. “ (AaO., 14f.)

 

„Ihre Herzen schwer wie Stein“ – so müssen die fünf ihren treuen Begleiter schließlich für immer loslassen. Ohnmächtig und bedrückt sinken sie hinab, in die dunklen Meerestiefen zurück. In ihrer Trauermelodie besingen nun die Wale auch die ganze Lebensgeschichte Kaluuns:

 

„Die Wehklage war die Geschichte von Kaluuns Zeugung, seiner Geburt (seine Mutter Hretha war bei der Geburt gestorben), seiner Zeit als Kalb und daß er seines Vaters Stolz und Freude gewesen war. Sie handelte weiter von der Einsamen Reise und was er auf ihr erlebt hatte, und von seiner Rückkehr zum Schwarm, um die Krilljäger zu führen. Die Jäger sangen von Kaluuns Heldentaten, besonders von der Nacht, in der er einen großen weißen Hai getötet hatte. Kaluun hatte noch keine Frau genommen und war der letzte von Hrotas Familie. Hrota war alt. Er hatte sie alle überlebt.“ (AaO., S. 15)

 

Schließlich ergreift der alte Hrota selbst das Wort und singt sich seinen Schmerz von der Seele. Weit in die Meere hinein ertönt sein tiefes, wehmütiges Trauerlied:

 

„Fort ist er vom großen Meer,

fort von den ruhelosen Wellen,

Kaluun, der Starke,

Trost eines alternden Herzens.

Er kehrt nie wieder dorthin zurück,

wo der Narwal das Blau durchstößt,

wo Delphin und Seehund sich tummeln

und Heringe tanzen.

Jetzt können die Wassermänner stöhnen

und das Meer mit ihren Tränen salzen.

Nie mehr werden Hai oder Tintenfisch

vor seiner mächtigen Schwanzflosse zurückschrecken.

Keine fröhliche, starke Kuh wird sein Kalb tragen –

nur noch ein alter Vater ist übrig, sein erstorbenes Lied zu singen!“

(Ebd.)

 

Alle fühlen mit. Alle tragen sie den Schmerz Hrotas mit in ihrer Seele. Sie schwimmen an seiner Seite und wollen ihn trösten. Als wollten ihn alle in ihre Arme (oder besser: in ihre Flossen) nehmen, antwortet der ganze Schwarm mit folgendem Trauervers:

 

„Weit ist das Meer, das wir durchziehen,

oder schmal – wie der Eine entscheidet.

Komm, mein Bruder, herbei; sei getröstet an unserer Seite.

Wund ist das einsame Herz, das den Schmerz nicht teilen kann.“

(Ebd.)

 

So kommt Hrota heran – an die Seite seiner Freunde. Dort – mitten in der Gemeinschaft – findet sein wundes, einsames Herz den neuen Frieden, den er jetzt so sehr braucht. Zusammen mit dem ganzen Schwarm nimmt er noch einmal Abschied von seinem geliebten Sohn Kaluun. Gemeinsam überantworten sie ihm dem Begründer aller Meere und dem fernen „Meer des Lichts, wohin kein Lebender kommt“:

 

„Nimm ihn, Bezwinger der Fluten,

der das Meer ins Schlepp nimmt,

von dessen Mund Wasser fließt der abgründigen Tiefe,

in das Meer des Lichts, wohin kein Lebender kommt.“

(AaO., S. 16)

 

Diese und viele andere Worte senden sie in die Stille des Ozeans hinein. Die Wehklage der Buckelwale währt die ganze folgende Nacht hindurch …

 

„Sie sangen die ganze Nacht durch, bis die Wasserfläche von Tränen geglättet war. Die Klagenden lagen erschöpft. Im Morgengrauen sah man sie alle um Hrota kauern, ihre Köpfe an seinen Seiten. So schliefen sie in den Tag.“ (Ebd.)

 

Ich weiß nicht, ob Buckelwale wirklich in dieser Art und Weise gemeinsam trauern. Aber ich kann es mir durchaus so vorstellen. Denn Tiere rund um den Erdball können genauso Schmerzen und Verlust empfinden, wie wir Menschen das tun. Manche Elefantenmutter sah man schon wie benommen um ihren toten Nachwuchs trauern – so tief, dass sie den Leichnam ihres Kleinen auch über lange Zeit nicht verlassen konnte oder verlassen wollte …

 

So trauern auch die Buckelwale im „Lied der Wale“ gemeinsam bis in die Morgendämmerung hinein. Alle auf engster Tuchfühlung mit dem leidenden und weinenden Hrota. Keiner jagt nach Krill in diesen Stunden. Keiner macht große Sprünge durchs Wasser oder spielt mit kleinen Kälbern. Alle liegen sie still und ruhig. Alle trauern sie. Alle gemeinsam, „bis die Wasserfläche von Tränen geglättet war“.

 

Was wir Menschen in unserem Verlustschmerz von diesen trauernden Buckelwalen lernen können:
  • 1. Lassen wir Trauernde eine zeitlang für sich allein – um in Ruhe Abschied nehmen zu können – von einem Wesen, das sie sehr liebten.
  • 2. Kommen wir ihnen entgegen, wenn sie traurig und erschöpft zurückkehren.
  • 3. Empfangen wir sie mit einer „langsamen Flut von Kummer“, hinein in ihre Einsamkeit.
  • 4. Nehmen wir sie in unsere Mitte, ganz fest und innig.
  • 5. Lassen wir sie ihre Wehklage singen, auch wenn sie dafür ein bisschen länger brauchen.
  • 6. Antworten wir mit wenigen, aber aufrichtigen Worten des Trostes.
  • 7. Bleiben wir bei ihnen, bis unsere Tränen ihr aufgewühltes Lebensmeer geglättet haben.

 

Alles über Wale findet ihr übrigens – wie könnte es auch anders sein – hier:

Habt ihr schon mal einen echten Buckelwal singen gehört? Wenn nicht, hier eine kleine Probe einer Buckelwalmelodie:

 

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Foto: Encourager68 (2014)

 

Literatur:
  • Robert Siegel: Das Lied der Wale. Whalesong. Übersetzt von Ulrich Schaffer (Wuppertal und Kassel 1982, 95 S.).

  • Originaltitel: Whalesong (Westchester 1981).

 

© Encourager68 (April 2014)

 

 

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