Partnerschaft: Kopf nicht in den Sand stecken, sondern gemeinsam die Zweisamkeit stärken!

BildFoto: Encourager68 (Mai 2014)

 

Der kleine Buckelwal Hruna entwickelt sich prächtig. Mittlerweile tummelt er sich nicht nur schon sechs Monate lang in den Meeren dieser Welt. Er hat auch schon kräftig an Gewicht zugelegt – nämlich 50 bis 60 Pfund am Tag, also ca. 1.000 kg pro Monat. Die 200 Liter Milch täglich von seiner Mutter Hreelea reichen ihm schon nicht mehr (vgl. S. 20). Deswegen geht er bereits selbst auf Jagd und Beutefang. Allerdings beginnt er sich auch zu langweilen. Denn es war in seinem Walschwarm in letzter Zeit nichts großartig Außergewöhnliches mehr passiert. Nun stehen ein neues Ziel und eine neue Reise an – wie Hruna zu erzählen weiß:

 

„Die nächsten drei Monate waren ereignislos, außer daß ich weniger mit Lewte [Anm.: seiner kleinen Buckelwalfreundin] spielte und mehr Zeit damit zubrachte, die See um mich zu erforschen und allein auf kurze Jagdausflüge zu gehen. Das Wasser war kälter geworden und Stürme geschahen häufiger. Die Älteren wußten, daß der Sommer vorbei und daß es Zeit war, in die wärmere See unserer Geburt zurückzukehren.“ (S. 30)

 

Die warme Jahreszeit geht zu Ende, und der Schwarm bereitet sich auf seine Rückreise in die wärmeren Meeresregionen vor. Doch vor Antritt dieser Reise haben einige Walkühe noch etwas wichtiges zu ‚erledigen‘:

 

„Einige der Kühe waren sehr umfangreich geworden und aßen gewaltige Mengen Krill, während sie sich vorbereiteten, in die seichten Gewässer nahe den Inseln zu schwimmen, um dort zu kalben.“ (Ebd.)

 

Auch schwangere Walkühe scheinen einen gewaltigen Appetit zu haben. Kein Wunder, haben sie doch ein wertvolles neues Leben in sich zu nähren und zu pflegen. Während diese weiblichen Wale sich ganz auf die Geburt ihres Nachwuchses vorbereiten, geschieht am Rande des Schwarmes etwas Sonderbares. Auch der kleine Hruna bekommt es mit. Es hat etwas mit den Walpärchen zu tun, die in diesem Sommer ohne Nachwuchs blieben. Folgende Beobachtung macht der kleine Bursche:

 

„Die Walpaare, die keinen Nachwuchs erwarteten, verbrachten mehr und mehr Zeit zusammen, aber getrennt vom Schwarm. Manchmal sah ich ein Paar in die dunkle Tiefe tauchen; einige Augenblicke später erschienen sie wieder und schossen mit unglaublicher Geschwindigkeit zur Oberfläche und sprangen zusammen hoch aus dem Wasser und klatschten sich gegenseitig mit ihren langen Schwimmflossen. Es sah alles herrlich aus und geheimnisvoll, und der Rest des Schwarms tat so, als sähen sie es nicht.“ (Ebd.)

 

Köstlich und amüsant! Die kinderlosen Walpärchen erleben ihren zweiten Frühling – und der Rest der Walgemeinschaft tut dabei hübsch desinteressiert. Dabei sind aller Augen auf diese verrückten, immer noch total ineinander verliebten Wale gerichtet. Anscheinend amüsieren sich die (angeblich) wegschauenden Walmütter und Walväter sowie die Heranwachenden prächtig. Denn statt ihren Walkopf in den Meeressand zu stecken, tollen die nichtschwangeren Walkühe wie wild mit ihren Männchen durch die Wellen, pflügen gemeinsam durch die dunklen Tiefen und zeigen dann ihre ganze Akrobatik bei ihren Luftsprüngen über die Schaumkronen der Wellen hinweg. So schaut keine depressive Walkuh aus. Anscheinend befinden sich diese wilden Weibchen ganz und gar nicht in einer Walkuhkrise. Sie nehmen die Tatsache, in diesem Sommer nicht trächtig geworden zu sein, mit Humor. Sie nutzen ihre Zeit, um mit ihren geliebten Partnern zu schmusen, verrückte Kunststücke auszuprobieren und durch den Meereswind zu preschen. Zeit zum Lamentieren und zum Sich-ärgern bleibt da keine. Auch findet sich bei ihnen keine Spur von Eifersucht auf die bald kalbenden anderen Weibchen. Mütterliches Konkurrenzdenken scheint ihnen völlig fern zu liegen. In ihren warmen Walkuhherzen freuen sie sich wohl mit den hochträchtigen Freundinnen mit und nutzen ihre freie Zeit, um ihre Partnerschaften zu stärken. Ist das nicht wunderschön! Ist es nicht herrlich, diese Walehepaare im mittleren Alter so vergnügt, so wild, so verrückt, so verspielt und so verliebt, so flippig und durchgedreht miteinander durchs Wasser jagen zu sehen! Was für eine wunderschöne Ermutigung auch für alle Menschenpaare, die sich vielleicht nach Nachwuchs sehnen, denen dieser Wunsch aber (noch) verwehrt bleibt. Statt sich darüber traurig und niedergeschlagen zurückzuziehen, sollten sie es besser wie die aufgedrehten Walpaare machen. Einfach die Köpfe erheben und dann zusammen total verrückte Sachen machen: Einfach die Zeit und die Gegenwart für das Zusammensein nutzen und als Verliebte ganz neu auftanken.

 

Aber nicht alle sind so glücklich im Schwarm wie diese Pärchen, weiß der junge Hruna noch zu bemerken:

 

„Buckelwale paaren sich auf Lebenszeit, und jeder erwachsene Wal hatte einen Partner, außer dem alten Hrota. Er tat mir leid, wenn er so alleine schwamm und den Schwarm in wärmere Gewässer führte.“ (Ebd.)

 

In der Walherde gibt es also auch einen Single-Wal. Hrota lebt als Witwer. Seine Partnerin Hretha starb bereits, als sein Walsohn Kaluun das Licht der Welt erblickte (vgl. S. 15). Später wurde auch sein einziger Sohn Kaluun von Walfängern überrascht und getötet (vgl. S. 14f.). Nun schwimmt er ganz allein. Aber nein: Nicht ganz allein! Denn er hat als Anführer noch seinen ganzen Schwarm als Großfamilie an seiner Seite. So lebt keiner allein und vereinsamt in der großen Walgemeinschaft. Jeder darf seinen Platz haben und ihn mit Freude ausfüllen – wie immer auch das Schicksal mit ihm oder ihr spielen möchte.

 

Was kinderlose Menschenpaare von den kinderlosen Walpärchen lernen können:
  • 1. Kopf nicht in den Sand stecken, sondern zusammen etwas Verrücktes machen.
  • 2. Nicht eifersüchtig auf die Schwangeren schauen, sondern sich mit ihnen freuen und die Zeit nutzen.
  • 3. Die gemeinsame Partnerschaft stärken, Zeit miteinander verbringen, noch tiefer zusammenwachsen.

 

Was Menschen, die ihren Partner oder ein Kind verloren haben, vom alten Hrota lernen können:
  • 1. Besser mitten im Schwarm bleiben, statt sich fern auf dem Grund der Meere zu isolieren und zu grämen.
  • 2. Im eigenen Herzen die Kinder der anderen ‚adoptieren‘, an ihrer Seite bleiben, sie begleiten und ihnen Aufmerksamkeit schenken.
  • 3. Die Zeit ohne eigenen Partner nutzen und Verantwortung für die Gesamtgemeinschaft übernehmen.
  • 4. Mit den eigenen Lebenserfahrungen wertvoller Berater für andere werden.

Literatur:

  • Robert Siegel: Das Lied der Wale. Whalesong. Übersetzt von Ulrich Schaffer (Wuppertal und Kassel 1982, 95 S.).
  • Originaltitel: Whalesong (Westchester 1981).

© Encourager68 (April 2014)

 

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