Das Lied der Wale – Einfach lauschen, dahingleiten, hören, fühlen und sein …

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Foto: Encourager68 (Mai 2014)

Wale sind wundervolle und faszinierende Wesen. Wie sanft diese Unterwasserriesen durch das Wasser gleiten! Wie geschmeidig und behutsam sie sich bewegen. Und wie sie trotz ihres großen Gewichtes durch die Unterwasserwelten schweben. Das ist wunderbar mitanzusehen. Immer wieder neu. Zu gern schaue ich mir hierzu Dokumentationen im Fernsehen an. Diese übertreffen bei weitem alle DSDS- und GNTM-Sendungen zusammen.


Vor über 30 Jahren lässt sich auch der US-amerikanische Schriftsteller und Anglist Robert Siegel (geb. 1939) von diesen außergewöhnlichen Meeressäugern beeindrucken. Sie ziehen ihn dermaßen in den Bann, dass er sich eine wunderschöne Geschichte über sie ausdenkt und sie 1981 unter dem Titel „Whalesong“ in den USA publik macht. Ein Jahr später erscheint dieses kleine Buch in der Übersetzung von Ulrich Schaffer unter dem Titel „Das Lied der Wale“ auf dem deutschen Markt. Siegel erzählt darin die Geschichte vom kleinen Buckelwal Hruna. Oder besser gesagt: Der kleine Buckelwal Hruna erzählt sie uns selbst – diese Geschichte über sein Leben und Erleben in den großen Meeren dieser Welt und über seine kleine Buckelwalfamilie. Schon in die wunderschönsten Worte findet sich der Anfang des Romans gekleidet. Hruna berichtet uns über seine ersten Erfahrungen als neugeborener kleiner Buckelwal:


„Das erste, woran ich mich erinnere, ist ein mattes, grünes Strahlen, die Tiefe erleuchtet durch einen einzigen Lichtschacht – und das Singen, immer das Singen. Das matte Grün war wunderbar, und meine Mutter schwebte über mir wie eine Wolke. Durch eine Traube von Bläschen drehte ich und schwamm in ihrer Milch und spürte den großen, warmen Puls ihres Herzens und wie die Musik lauter und vielgestaltiger wurde. Die Klänge zogen meine Rückenflosse entlang und wickelten sich um mein Herz und erzählten mir Dinge, daß mein Herz sich in Licht auflöste. Danach schlief ich dann auf dem Rücken meiner Mutter ein, während ihre Schwimmflosse eine kleine Strömung vor mir aufrührte und ihr Lied mich in die Dunkelheit senkte.“ (S. 5)


Wie bezaubernd schön! „Die Klänge zogen meine Rückenflosse entlang und wickelten sich um mein Herz und erzählten mir Dinge, daß mein Herz sich in Licht auflöste.“ Mmmmmmh! Der abenteuerlustige und neugierige kleine Hruna will alles wissen, will alles erleben, will alles spüren, alles, was ein Buckelwal eben so spüren und erleben kann. Vor allem aber möchte er alles hören! Er möchte alles wahrnehmen, alles akustisch in sich aufnehmen. Diese Klänge! Diese wundervollen Walgesänge. Diese Melodien, die sich sanft an seiner Rückenflosse entlangschlängeln. Die sich um sein Herz wickeln, seine Gedanken beseelen und ihm die geheimnisvollsten Geschichten erzählen. Er will sie alle wissen, diese vielen Erzählungen und Geschichtchen. Aufmerksam lauschen er und seine Freunde, wenn ihre Mütter ihnen von den vielen Welten unter und über Wasser berichten:


„Manchmal ruhten wir uns dann unten aus, hörten unseren Müttern zu, wie sie sangen oder Geschichten von der Welt oben erzählten. Diese Geschichten verzauberten uns und schienen uns unglaublich. Geschichten von Winden, die Wellen so hoch wie Berge auftürmten; von einem Licht, das den Himmel zerteilte [Anm.: ein Blitz], und von dem großen Dröhnen des Ohobo, das immer folgte [Anm.: ein Donner]. Wir hörten Geschichten von der Welt über dem Wasser, wo Wale nicht hin konnten, von Ungeheuern mit roten und grünen Augen, die aus der anderen Welt kamen, über die Oberfläche glitten, schwarzen Rauch ausstießen und Wale verschluckten. Wir hörten Geschichten von unseren Vätern, die unterwegs waren auf der Jagd nach Garnelen, die Krill hießen und zitterten etwas und freuten uns auf ihre Rückkehr.“ (S. 6)


Dem schönsten aber aller Lieder, dem Gesang seiner Mutter, kann er stundenlang zuhören. Mit ihren Tönen wiegt sie ihn in den Schlaf. Mit ihren Lauten ruft sie nach dem weit entfernten Vater. Das wundervolle und besondere Singen seiner Mutter beschreibt er auf diese Weise:


„Nachts sangen all die Erwachsenen ihre Lieder, so daß sie an den Wänden der Schlucht tief unten widerhallten und über große Weiten des Meeres bis zum Ende der Welt liefen. Jeder Wal hatte sein eigenes Lied. Aber keins war so schön, dachte ich, wie das meiner Mutter. Es dauerte sehr lange. Es begann mit einem sanften Summen, bei dem ich manchmal einschlief. Bald veränderte es sich jedoch in ein trillerndes Pfeifen, das sich anhörte wie ein Vogel auf einem von Entenmuscheln bewachsenen Walrücken oder wie Wasser, das einen Felsen hinunter tanzt und springt. Dann wurde es zu einem langen, zitternden Stöhnen, das in jede Meereshöhle zwischen uns und dem Eis und dem Ende der Welt drang. Dieses Stöhnen streckte und bog sich in jede Richtung, mal höher, mal tiefer und war der lieblichste Ton, dem ich je zugehört habe. Manchmal mußte ich einfach weinen – ich weiß nicht, warum. Durch die großen, öligen Tränen verschwamm mir die Sicht, und ich versteckte mich vor Lewte [Anm.: seine kleine Walfreundin] hinter Mutters Schwimmflosse.“ (S. 9)


So schön die Gesänge seiner Mutter sind und so sehr sie ihn manchmal zu Tränen rühren, so ist doch wundersam zu bemerken, dass jeder Wal sein eigenes Lied singt. Jedes Lied ist anders, jeder Gesang besonders. Jeder Buckelwal zeichnet sich durch eine ganz eigene Lebensmelodie aus. Unverkennbar hört man jeden von ihnen aus dem Chor der Meeresriesen heraus. Man braucht ihn nicht einmal zu sehen. Allein seine Tonfolge macht ihn so individuell und sofort identifizierbar. Wie schön! Keiner ist so wie ein anderer. Jeder Wal ist etwas besonderes. Und wenn sie zusammen im Chor ihre Unterwasserlieder anstimmen, dann schwebt auch der kleine Hruna in höheren Sphären:


„Natürlich beschreibe ich nur das Lied meiner Mutter. All die anderen Wale sangen auch. Wenn ich ihnen allen gleichzeitig zuhörte, schien es mir, als läge ich auf den tragenden Wellen der Töne. Es war ein Schreien, Stöhnen, Brüllen, Klicken, Sprudeln, Knarren, Grunzen, Dudeln, Klagen, Ächzen, Tuten, Summen und Pfeifen, das zu einer Symphonie verschmolz und die ganze Geschichte der Wale und des Meeres erzählte.“ (S. 9)


Wie bewegend, dieser Unterwassersymphonie Gehör zu schenken. Zu lauschen, wenn diese bewunderswerten Tiere unter ihren Gesängen gemeinsam dahingleiten. Es fühlt sich so gut an, teilzuhaben an dieser Form der Gemeinschaft, an dieser Qualität von Zusammengehörigkeit. Am liebsten würde ich für ein paar Tage zusammen mit ihnen davonschweben und mich ihren Gesängen anschließen und hingeben. Einfach lauschen und gleiten. Einfach hören, fühlen und sein. Wer sich so mit diesen Meeresriesen für eine zeitlang auf Reisen begibt, kann vieles fallen lassen, wird einfach nur horchen und sich von Herzen getragen fühlen.


Was ich tun könnte, um mich heute von Herzen getragen zu fühlen:
  • 1. Ich mache mir bewusst: Unter allen Wesen dieser Welt habe ich meinen ganz eigenen Gesang. Das macht mich unverkennbar und zu etwas ganz Besonderem.
  • 2. Ich lausche den wohltuenden Gesängen und Lebensliedern meiner Freunde und lasse mich von ihnen gerne ein paar ‚Seemeilen‘ mittragen.
  • 3. Ich schenke den Botschaften meiner Gefährten Gehör und lasse mich von ihnen neu inspirieren. Ich versuche, auch ihre Zwischentöne und Nuancen herauszuhören, um sie so besser verstehen zu können.
  • 4. Ich lasse mir gerne Geschichten erzählen, um herauszufinden, woher ich komme und wohin ich (möglicherweise) gehe.
  • 5. Ich erinnere mich meiner Kindheit, höre auf die Lieder meiner Eltern und möchte versuchen, sie schätzen zu lernen (trotz allem vielleicht, auch wenn sie sich nicht immer nur harmonisch anhörten).
  • 6. Ich möchte den Walen dieser Welt lauschen, sie schätzen und ihren Lebensraum schützen und schonen helfen.
  • 7. Ich lasse mich von den ganz besonders angenehmen Klängen meines Lebens gerne in den Schlaf wiegen.

PS. Robert Siegel ist heute emeritierter Professor für Englisch an der Universität von Wisconsin (Bundesstaat Milwaukee / USA). Mittlerweile wurde aus dem einen Buch „Das Lied der Wale“ (1981) eine Wal-Triologie. Es folgten die zwei Bände „Der weiße Wal“ (1995) und „Das Eis am Ende der Welt“ (2004). Wunderschön die Widmung seines ersten Walbuches:


„Gewidmet den Walen,

den Großen und den Kleinen“ (S. 3)


Übrigens bestätigen die Beobachtungen des weltbekannten Meeresforschers Jacques Cousteau (1910-1997) die Beschreibungen von Siegel:


„Dann begann ein Wal zu singen; und ein zweiter und ein dritter. Bald war das Wasser erfüllt mit einem Quäken, Kreischen und Brüllen. Einige der Darsteller waren sehr nah, andere weit weg. Und wegen der Unterwasserschlucht [Anm.: wie ein großer Canyon unter Wasser] waren die Geräusche mit ihren Echos zwei- oder dreimal in Intervallen von fünf oder sechs Sekunden zu hören. Es war, als wäre man in einer Kathedrale, wo die Gläubigen sich in den Versen eines Psalms abwechselten. Jacques Cousteau in ‚Der Wal’“ (AaO., S. 4)


Literatur:

  • Robert Siegel: Das Lied der Wale. Whalesong. Übersetzt von Ulrich Schaffer (Wuppertal und Kassel 1982, 95 S.).
  • Originaltitel: Whalesong (Westchester 1981).
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2 Antworten zu Das Lied der Wale – Einfach lauschen, dahingleiten, hören, fühlen und sein …

  1. kathi84 schreibt:

    Ist das schön. Das Buch MUSS ich unbedingt lesen. Es scheint ja wirklich liebevoll und herzergreifend geschrieben zu sein. Wale sind so beeindruckende Lebewesen, auch ich verfolge jede Dokumentation in fasziniertem Schweigen. Danke für diesen Buchtipp und Deine wie immer wunderbaren Worte dazu.

    • mwehrstedt schreibt:

      Ja, „Das Lied der Wale“ ist wunderschön poetisch und liebevoll geschrieben. Ich werde darüber vielleicht hier noch weitere Beiträge schreiben. Bin auch ganz fasziniert. Und merci wieder für Dein Kompliment!!

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