Wenn Du heute jemanden zum Reden und zum Zuhören brauchst …

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Foto: Encourager68 (April 2014)

 

„Lieber Gott, ich bin vierzehn Jahre alt. Ich bin immer brav gewesen. Vielleicht kannst Du mir ein Zeichen geben, daß ich weiß, was mit mir passiert.“ (Alice Walker: Die Farbe Lila. Roman. Deutsch von Helga Pfetsch [Reinbek 1984; 224 S.], S. 7)

 

Es gibt Bücher, die gehen unter die Haut. „Die Farbe Lila“ ist eines davon. 1982 veröffentlicht unter dem Titel „The Color Purple“, erobert es schnell den US-amerikanischen Buchmarkt und die Herzen vieler Menschen. Bereits ein Jahr später erhält die damals 38-jährige Autorin, Alice Walker (geb. 1944), als erste Afroamerikanerin dafür den „American Book Award“ und den „Pulitzer-Preis“. Weitere zwei Jahre später (1985) verfilmt Steven Spielberg diesen Roman und macht ihn dadurch umso bekannter. Leider erhält er – trotz elffacher Nominierung – im gleichen Jahr keinen einzigen Oscar. Derer sieben an der Zahl sahnt gleichzeitig der Streifen „Jenseits von Afrika“ ab – ausgerechnet ein Film über die europäische Kolonialzeit im heutigen Kenia.

 

„Die Farbe Lila“ geht unter die Haut, weil dieses Buch ganz aus der Perspektive eines jugendlichen, naiven und afroamerikanischen Mädchens geschrieben ist. Celie, die 14-jährige, öffnet uns einen Spalt ihrer Lebenstür und zeigt uns ihre kleine Welt: eine traurige, weitestgehend einsame und häufig brutale Lebenswelt für ein so junges Mädchen. Celie erlebt in ihrer Familie von Kindesbeinen an eine real existierende Hölle. Sie gewöhnt sich an diese persönliche ‚Unterwelt‘. Was bleibt ihr auch anderes übrig. Sie besitzt keine Alternativen in diesem Alter. In ihrer Einsamkeit wendet sie sich an ihren letzten Zufluchtsort: an Gott, den sie in ihrem Tagebuch mit „Lieber Gott“ anredet und dem sie alles anvertraut, was ihr widerfährt. Ihm kann sie alles sagen. Alles, weil sie ja sonst niemandem hat, mit dem sie es teilen könnte. Schrecklich genug ist der Umstand, dass sie von dem, den sie für ihren Vater hält, schon frühzeitig missbraucht und vergewaltigt wird: „Da fängt er an, mich zu würgen, und sagt, halt liebers Maul und gewöhn dich dran.“ (S. 7) Sie wird gezwungen, sich zu fügen, zu schweigen und zu erdulden. Die Kinder, die er mit ihr zeugt, werden ihr genommen, ja möglicherweise sogar von ihm getötet:

 

„Kein Mensch kommt mal vorbei.

Sie [die Mama] is immer kränker geworden.

Am Schluß hat sie gefragt, wo isses [das Kind]?

Ich sag, Gott hats weggenommen.

Er [der Familienvater] hat es weggenommen. Er hat es weggenommen, wie ich geschlafen hab. Umgebracht, draußen im Wald. Das hier bringt er auch um, wenn er kann.“ (AaO, S. 8)

 

Ob ihr ‚Vater‘ es schließlich umgebracht oder verkauft hat, bleibt in ihren Tagebuchaufzeichnungen zum Teil offen. Schrecklich genug, wie abgeklärt sie all dieses Übel hinnimmt. Sie lässt all das mit sich machen, auch um ihre jüngere Schwester Nettie zu schützen, die schon zittert, das nächste Opfer des Familientyrannen zu werden.

 

Später heiratet ihr Vater – übrigens ein treuer Gottesdienstbesucher – eine weitere Frau und zwingt die junge Celie, einen ihr völlig unbekannten Witwer zu ehelichen. Der verhält sich beinahe noch grausamer und noch tyrannischer als ihr bisheriger Hausherr. Er prügelt sie grün und blau und lässt sie die ganze Haus- und Feldarbeit allein erledigen. Zusätzlich muss sie sich noch um dessen Kinder aus erster Ehe kümmern. In ihrem Tagebuch gibt sie ihm nicht einmal einen Namen. Sie nennt ihn einfach „Mr. …“ und überlässt sich selbst ihrem Schicksal:

 

„Ich sag nix. Ich denk an Nettie. Tot. Die hat sich gewehrt, die is abgehauen. Und was hats gebracht? Ich wehr mich nich. Ich bleib, wo ich soll. Dafür leb ich.“ (AaO., S. 21)

 

Was ihr hilft, sind ihre persönlichen Aufzeichnungen, ihre nüchternen ‚Gebete‘. Sie schreibt sich einfach ihren tristen Alltag von der Seele. Einfach so, wie ihr Schnabel gewachsen ist, zum Teil ohne Punkt und Komma. Eine korrekte Rechtschreibung interessiert sie genauso wenig wie eine vorsichtige Wortwahl. Sie nennt alles beim Namen, egal ob es sich um Sex, Schläge oder sonstige Intimitäten handelt.

 

Manchmal brauchen wir jemanden, der uns zuhört. Und wenn wir keinen haben, der das macht, brauchen wir eben einen Bleistift und ein geduldiges Blatt Papier. Hauptsache, wir finden ein Ventil für das, was wir sagen, schreiben und rauslassen möchten. Aber noch besser ist natürlich ein echtes Gegenüber, ein realer Mensch, ein guter Freund, eine verlässliche Gefährtin, ein aufmerksamer Zuhörer, eine gute und treue Seele. Ein Mensch, der mir meine Last von meiner Schulter hebt und sie mittragen hilft. Jemand, der mir seine Hand und seine Schulter reicht. Auch einer, der nichts sagt, sondern nur versteht.

 

Was Du tun kannst, wenn Dir heute etwas schwer auf der Seele liegt und Du jemanden zum Reden brauchst:
  • Weine, wenn Du weinen möchtest.
  • Rufe einen Menschen Deines Vertrauens an.
  • Mache noch heute einen Termin mit Deiner besten Freundin / Deinem besten Freund in eurem Lieblings-Café.
  • Frage Deine Großmutter oder Deinen Großvater, ob sie Dir für eine halbe Stunde ihr Ohr leihen.
  • Überlege, ob Du einen guten Seelsorger oder eine kompetente Lebensberaterin kennst.
  • Besuche einen schönen Aussichtspunkt, und wenn Du alleine bist, rede Dir einfach alles von der Seele.
  • Suche einen hübschen Park auf, setze Dich dort auf eine freundliche Bank, schnapp Dir Dein Tagebuch (oder ein Blatt Papier) und schreibe einfach alles nieder, was Dich gerade niederdrückt oder Dir unter den Nägeln brennt.
  • Chatte mit einem Menschen, bei dem Du weißt, dass er Dich ernst nimmt und Dir gute Fragen stellen kann.
  • Male Dir Deine Angst von der Seele (ganz gleich, was dabei herauskommt).
  • Schnappe Dir Deine Laufschuhe und atme Deine Bedrückung an der frischen Luft aus.
  • Wenn Du einen starken Glauben hast, schreibe dem, dem Du Dein Herz geschenkt hast, einen ehrlichen Brief.

 

Literatur:
  • Alice Walker: Die Farbe Lila. Roman. Deutsch von Helga Pfetsch (Reinbek 1984).
  • Amerikanische Originalausgabe: The Color Purple (New York 1982).

 

© Encourager68 (April 2014)

 

 

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4 Antworten zu Wenn Du heute jemanden zum Reden und zum Zuhören brauchst …

  1. kathi84 schreibt:

    Ich finde diesen Beitrag sehr wertvoll. In unserer heutigen Zeit, die durch Hast und Termindruck geprägt ist, findet sich oft kaum Zeit innezuhalten, jemandem seine Zeit zu leihen oder die eines Freundes in Anspruch zu nehmen. Es ist wichtig zu erkennen, dass selbst wenn wir niemanden zu reden haben, das Papier ein guter Freund sein kann und uns die Last mit jedem niedergeschriebenen Wort nimmt. Auch wenn es sich um weitaus kleinere Qualen handelt als in dem Roman „Die Farbe Lila“.

    • mwehrstedt schreibt:

      Vielen Dank, Kathi. Ja, leider lassen wir uns zu häufig von anderen leben und bestimmen und nehmen uns nicht die (nötige) Zeit für wesentliche Gespräche. Aber unsere Prioritätenliste lässt sich verändern 🙂
      Aber Papier und eine Tastatur können tatsächlich auch hilfreiche und geduldige ‚Seelsorger‘ sein und uns manche schwermütigen Gedanken abnehmen helfen. So manches Tagebuch hat womöglich schon so manches Leben retten können …

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