„Morgen, morgen wird sich alles wenden!“ – Wie wir Wege aus unseren Abhängigkeiten finden können

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Foto: Encourager68 (April 2014)

 

Wir alle können in Abhängigkeiten stürzen. Dieses Phänomen beschreibt u.a. der Roman „Der Spieler“ von Fjodor Dostojewski (1821-1881). Der Ich-Erzähler in diesem Werk, der junge russische Hauslehrer Aleksej Iwanowitsch, geht hier in seiner Rolle als spielsüchtiger Mensch in die Literaturgeschichte ein. Im Jahr 1867 bringt Dostojewski den Roman heraus. Trotz seines Alters kommt dem Inhalt dieses Buches nach wie vor eine brandaktuelle Bedeutung zu, wie ich finde.

 

Wir alle können Opfer von unangenehmen Abhängigkeiten werden. Bei Aleksej ist es die Spielerei. Am Ende des Romans kämpft er mit sich selber und seinen eigenen Suchterfahrungen. Er ist seiner vielen Worte müde und sehnt sich nach (besseren) Taten:

 

„Von mir selber sage ich gar nichts. Übrigens, übrigens … das alles ist vorderhand nicht das Richtige: das sind Worte, Worte und Worte, wir brauchen aber Taten!“

(Fjodor Dostojewski: Der Spieler. Roman. Neubearbeitet nach der Übersetzung von Alexander Eliasberg und Karl Nötzel, Wiesbaden/Berlin 1867/1960; S. 187)

 

Ja, auf Taten kommt es an. Auf unser Verhalten letztendlich. Auf das, was wir bewegen können. Wirklich bewegen. Bloße Worte können sich schnell in Schall und Rauch auflösen. Bloße nette Vorhaben und gut gemeinte Absichten. Werden sie aber nicht zur gelebten Tat, so verkommen sie zu einer bloßen leeren Farce. Taten will eigentlich auch Aleksej zeigen – der ehemalige Hauslehrer eines Generals. Aber immer wieder übermannt ihn seine Spielsucht. Sie treibt ihn in den Wahnsinn, in den Ruin, finanziell, emotional und gesellschaftlich. Aber er möchte seinen Freunden beweisen, dass er noch kämpfen kann:

 

„Hier ist jetzt die Hauptsache – die Schweiz! Noch morgen – oh, wenn ich mich doch noch morgen dahin begeben könnte! Um neugeboren zu werden, um aufzuerstehen! Ich muß jenen dort beweisen … Pauline [= Polina] soll wissen, daß ich noch zu einem Menschen werden kann. Ich brauche nur … Jetzt ist es übrigens schon zu spät – aber morgen …“ (Ebd.)

 

Aber morgen … Morgen wird alles anders werden … Ab morgen wird alles besser sein … Die Illusionen eines Spielers, eines Abhängigen. Der Schmerz eines Menschen, der nicht mehr loskommt von seinen Ketten. Das Ringen einer Existenz, die sich endlos verlaufen, verrannt und verloren hat. Der Morgen, der nächste Tag soll es richten. Doch insgeheim spürt die Seele schon, dass es nur der fromme Wunsch ist. Nur ein Hilfeschrei nach Befreiung. Das Sehnen nach einer Neugeburt, nach einer Auferstehung. Aleksej möchte so gern noch einmal ganz neu anfangen, so ganz von vorne beginnen. Er möchte es Polina (seiner Geliebten) „beweisen“. Er möchte zeigen, dass er doch ein Mensch ist. Dass er noch ein Herz besitzt. Dass er wirklich etwas bewegen und meistern kann. Dass er kein Versager und Irrläufer ist. Jedenfalls nicht für alle Zeiten. Er braucht nur noch … Eigentlich muss er nur noch … Es fehlt eigentlich nur noch das … Ja, was fehlt eigentlich noch? Ja, nur noch das EINE: Seine Befreiung. Seine Loslösung von den inneren Ketten. Die Tür zu seinem inneren Kerker muss noch aufgesperrt werden. Aber wer macht ihm auf? Wer besitzt den Schlüssel? Wer kann ihn befreien und ihn aus seinem elenden Verlies herausholen? Er kennt diesen Jemand nicht. Verzweifelt ringt er mit sich selber. Und die traurige Gewissheit steigt in ihm empor: „Jetzt ist es übrigens schon zu spät – aber morgen …“

 

Und schon ziehen ihn seine Gedanken wieder Richtung Spielcasino. Er hat bereits die Kontrolle über sich selbst verloren. Nicht gänzlich, aber weitgehend. Sein Kämpfen scheint aussichtslos. Er kann sich der Gedanken, die da immer wieder aus den tiefsten Tiefen zu ihm hinaufdringen, nicht erwehren:

 

„Oh, ich habe eine Vorahnung, und das kann gar nichts anderes bedeuten! Ich habe jetzt fünfzehn Louisdor [Anm.: Louisdor = frz. Goldmünze], und damals begann ich mit fünfzehn Gulden [Anm.: Gulden = meistens als Silbermünze geprägt, also mit einem weit geringerem Wert als ein Louisdor]! Wenn man es vorsichtig anfängt …“ (Ebd.)

 

Ja, wenn man nur behutsam ist … Wenn man es nur vorsichtig anfängt … Dann sollte eigentlich nichts passieren. Dann sollte am Ende alles gut gehen. Man muss es nur ordentlich planen. Man muss sich beherrschen und systematisch vorgehen. Am Anfang nicht zu viel riskieren. Gut überlegen, die Wahrscheinlichkeiten abwägen, berechnen und mathematisch kalkulieren. Dann wird es am Ende schon hinhauen mit einem ordentlichen Gewinn. Dann wird man keine Verluste mehr einfahren und endlich vom Spielen profitieren können. Ganz gewiss wird das so funktionieren. Wenn man es nur vorsichtig genug probiert und angeht. Wenn man sich beim Spielen im Griff hat, im Griff behält …

 

Aber plötzlich erwacht Aleksej wieder aus seinen Spielträumereien. Er sieht sein Bild im Spiegel – und erkennt sich selbst. Er wird sich seiner Verlorenheit bewusst – für einen kurzen Augenblick:

 

„Bin ich denn wirklich, wirklich schon so ein kleines Kind? Begreife ich denn nicht selber, daß ich ein verlorener Mensch bin?“ (Ebd.)

 

Er weiß nur zu gut: Alle diese guten Vorsätze werden ihn am Ende nicht retten können. Das Spiel wird ihn wieder in seine Gewalt bekommen. Er wird die Kontrolle verlieren. Wieder und wieder. Er wird sich gegen die Sucht des Immer-neu-setzen-Wollens nicht erwehren können. Die Flut der Lust wird ihn wieder mitreißen. Die Gier nach dem möglichen Gewinn wird ihn verschlingen, mit Haut und Haaren und samt seinem Vermögen.

 

Doch nur kurz währt dieser Augenblick. Nur ganz kurz flimmert die Wahrheit seines Leidens in ihm auf. Ja, für den Hauch eines Momentes begreift er: Er ist verloren. Er ist am Ende. Er ist geschwächt und seiner Begierde hilflos und schutzlos ausgeliefert. Zu kurz flackert diese Erkenntnis in und vor ihm auf. Schon spürt er, wie sich die Fangarme der Sucht neu um ihn schlingen. Wie sie ihn umgarnen, neu fesseln und ihn in verfänglichen Fangfragen verstricken wollen:

 

„Indes – weshalb kann ich eigentlich nicht auferstehen? Ja, ich brauche nur einmal im Leben zu berechnen und geduldig zu sein – weiter gar nichts! Ich brauche nur einmal Charakter zu beweisen, und dann kann ich in einer Stunde mein ganzes Schicksal ändern! Die Hauptsache – ist Charakter.“ (Ebd.)

 

Die verführerische Sucht gaukelt ihm diese neue und alte Lüge vor. Als würde er frei werden können, wenn er beim Spielen (!) nur Charakter zeigte. Beim Spielen! Wenn er sich dort nur noch einmal beherrschte. Dabei will die Sucht nur eines: Ihn zum Spieltisch zurückbringen. Und so erinnert sie ihn sofort an einen seiner ‚erfolgreichen‘ Spielmomente der Vergangenheit:

 

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Foto: Encourager68 (April 2014)

 

„Ich brauche mich nur darauf zu besinnen, was sich in dieser Hinsicht vor sieben Monaten in Roulettenburg zutrug, bevor ich endgültig alles verspielte. Oh, da bewies ich außerordentliche Entschlossenheit: Ich hatte damals alles verspielt. Als ich den Spielsaal verließ, bemerkte ich plötzlich – in meiner Westentasche noch einen Gulden. „Da habe ich wenigstens so viel, um zu Mittag zu essen!“ dachte ich, ich war aber noch nicht hundert Schritte gegangen, da hatte ich es mir anders überlegt und kehrte zurück. Ich setzte diesen Gulden auf manque (diesmal tatsächlich auf manque [Anm.: beim Roulette die Zahlen 1-18]), und wirklich, es ist ein ganz besonderes Gefühl, wenn man allein in einem fremden Land, fern der Heimat, ohne alle Freunde und ohne zu wissen, ob man heute zu essen haben wird, den letzten Gulden einsetzt, den aller-, allerletzten Gulden! Ich gewann, und als ich zwanzig Minuten später die Spielbank verließ, hatte ich hundertsiebzig Gulden in der Tasche. Das ist Tatsache! Sehen Sie, das kann bisweilen der letzte Gulden bedeuten! Aber wie denn, wenn ich damals kleinmütig geworden wäre, wenn ich mich nicht hätte entschließen können? …“ (AaO., 187f.)

 

Da hat ihn die Spielsucht wieder über’s Ohr gehauen. Ja, sicher: Aus einem einzigen Gulden machte er innerhalb von 20 Minuten 170 an der Zahl. Aber gleichzeitig verschweigt er seinen Lesern nicht, welches Ende diese ‚großartige‘ Gewinnerfahrung nahm, nämlich: „bevor ich endgültig alles verspielte“ (ebd.). Ja, Aleksej bewies hier so viel Charakter, Mut und Entschlossenheit, dass er nicht nur wieder ein Vermögen gewann, sondern es auch wenig später wieder komplett verspielte. Spielsüchtige können gewinnen, so viel sie wollen – sie können erst mit dem Spielen aufhören, wenn die allerletzte Münze, der allerletzte Schein verspielt ist. Das ist das wahre und letzte Gesicht der spielerischen Entschlossen- und Großmütigkeit … Mit einer letzten, verzweifelten Hoffnung des Aleksej endet dieser klassische Roman von Fjodor Dostojewski:

 

„Morgen, morgen wird sich alles wenden!“ (AaO., 188)

 

Mit dieser Hoffnung sind schon viele Süchtige und Abhängige dieser Welt restlos untergegangen. Morgen, ja morgen wird sich alles wenden. Wer’s glaubt, wird selig. So leicht ist das ganze nicht. Es braucht enorme Kräfte, dem Sog mancher zerstörerischer Versuchungen zu widerstehen und zu entkommen. Hier und heute ein paar mögliche Schritte für all diejenigen, die in dieser Hinsicht Rat und Hilfe suchen:

 

Sieben Schritte, wie wir mit unseren Suchterfahrungen am besten umgehen könnten:
  • 1. Es gibt keinen Grund dafür, sich seiner eigenen Suchterfahrungen zu schämen. Ziemlich sicher kämpft (fast) jeder von uns hier und da mit der einen oder anderen Erfahrung der Abhängigkeit.
  • 2. Als Menschen flüchten wir uns ganz natürlich in Abhängigkeiten, …
    … weil wir anderen Unannehmlichkeiten und uns selbst aus dem Wege gehen wollen.
    … weil wir unsere Vergangenheit vergessen oder unsere Zukunft verdrängen möchten.
    … weil uns durch bestimmte Dinge, Menschen oder Handlungen vorgegaukelt wird, es würde uns mit ihnen dauerhaft viel besser gehen (durch Beruhigung, durch neuen Nervenkitzel, durch Bewusstseinserweiterung etc.).
    … weil wir einfach nur Menschen sind.
  • 3. Der erste Schritt in die Zukunft könnte so aussehen, der (möglichen) Wahrheit ins Gesicht zu schauen und sich mutig zu einem (möglichen) Abhängigkeitsverhältnis zu bekennen.
  • 4. Der nächste Schritt könnte sein, sich gut zu informieren und Hilfe durch Freunde und Spezialisten in Anspruch zu nehmen.
  • 5. Der Weg aus einem Abhängigkeitsverhältnis heraus kann sehr lang sein. Es braucht eine gute Begleitung und einen langen Atem.
  • 6. Das Leben birgt ganz sicher noch so manche positive Überraschung für uns. Daher wäre es einfach zu schade, heute den Kopf in den Sand zu stecken. Also: Jetzt loslegen, neuanfangen und den ersten Schritt nach vorne gehen (siehe Punkt 3)
  • 7. Wenn wir es geschafft haben, könnten wir Ansprechpartner und Helfer für andere Hilfesuchende werden. Es gibt keine kompetenteren Helfer als die, die diesen Weg der Befreiung bereits selbst beschritten haben 🙂

 

Literatur:
  • Fjodor Dostojewski: Der Spieler. Roman. Neubearbeitet nach der Übersetzung von Alexander Eliasberg und Karl Nötzel (1867; Wiesbaden/Berlin 1960; 188 S.).

 

© Encourager68 (April 2014)

 

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