Seit wann duschen Männer in deutschen Hallenbädern nicht mehr nackt? – Ein Beitrag zu gruppendynamischen Prozessen in öffentlichen Männerduschen

BildLeere Dusche – Foto: Encourager68

Hä?! Seit wann duschen Männer in deutschen Hallenbädern nicht mehr nackt?

Gestern in einem Bochumer Hallenbad. Ich habe mal wieder mein Schwimmtraining absolviert. Schon mein 23. in den letzten zwei Monaten (ich liebe Statistiken). Das Kraul-Training läuft wieder wie am Schnürchen. Zwar ist das Becken mal wieder völlig überfüllt. Aber durch meine Slalom-Kraul-Technik kann ich alle möglichen Hindernisse erfolgreich überwinden (manchmal im wahrsten Sinne des Wortes). Leider wird dadurch jede 50-Meter-Bahn für mich etwa 50 Meter länger. Aber was soll’s. Die langsamen Seniorinnen im Becken gewöhnen sich auch mittlerweile immer besser an die etwa kniehohe Bugwelle, die durch meinen Schwimmstil verursacht wird (das spricht nicht unbedingt für meine Technik …). Eine der jungen Bademeisterinnen zeigt sich freundlicherweise wieder bereit, mir einige Schwimm-Utensilien aus Styropor für die Trainingsarbeit auszuhändigen. Das ist wieder sehr nett von ihr.

Nun ja, nach etwa einer Stunde beende ich meine Trainingseinheit erfolgreich. Nachdem ich das Restwasser aus meinen beiden Ohren habe ablaufen lassen, begebe ich mich in die große Männerdusche. Und ja! Ich ahnte es schon: Alle dort anwesenden männlichen Wesen (sieben an der Zahl) duschen sich nicht etwa nackt, sondern tragen alle miteinander noch ihre persönliche Badehose. Dieses Verhalten scheint sich hier seit einigen Wochen bzw. Monaten immer mehr eingebürgert zu haben. Dabei wundere ich mich mal wieder über die verschiedenen Versuche der Männer, ihren Intimbereich zu reinigen. Denn hier stört natürlich die eigene Badehose. Und so muss die eingeseifte Hand schon tief vorne und hinten in die fest sitzende Badehose reinfahren, um dort alles soweit sauber zu kriegen. Auf den Gedanken, die Badehose einfach auszuziehen, kommen diese Herren der Schöpfung anscheinend nicht.

Interessant: Bei fast allen diesen Männern handelt es sich wohl um solche von deutscher Herkunft (also keine Männer mit arabischen oder asiatischen Wurzeln). Warum aber duschen solche (deutschen?) Männer in einem deutschen Hallenbad mit (!) Badehose? Was könnte sie zu diesem seltsamen Verhalten bewegt haben? Zu folgenden möglichen Antworten bin ich bisher gekommen:

Acht Gründe, warum Männer möglicherweise in einem deutschen Hallenbad mit (!) Badehose duschen:
  • 1. Sie haben viel zu verbergen (oder auch wenig).
  • 2. Sie sind beschnitten und wollen das nicht öffentlich zeigen.
  • 3. Ihre Religion verbietet die komplette Entkleidung in der Öffentlichkeit (so ist es wohl im Islam).
  • 4. Sie sind es von ihrer Kultur her nicht gewohnt, sich so offen zu zeigen.
  • 5. Ihre Partnerinnen haben es ihnen verboten.
  • 6. Sie schämen sich für ihre frische Schamrasur.
  • 7. Sie duschen auch zuhause ganz privat immer in Badehose.
  • 8. Sie duschen mit Badehose, weil es seit neuestem als der letzte Schrei gilt.

Ich überlege. Was soll ich tun? Soll ich mich der allgemeinen Prüderie anpassen? Soll ich mich etwa auch mit (!) meiner Badehose unter die Dusche stellen? Soll ich gegen meine eigenen Duschgewohnheiten und Duschüberzeugungen handeln? Einige Argumente sprechen allerdings dafür:

Sieben Argumente, die mich veranlassen könnten, mich den anderen Männern anzupassen und auch in Badehose zu duschen:
  • 1. Ich möchte nicht negativ auffallen.
  • 2. Ich möchte mir keine Blöße geben, wenn andere das auch nicht tun.
  • 3. Ich möchte nicht komisch angeschaut und belächelt werden.
  • 4. Ich möchte Muslime nicht unbedingt in ihren religiösen Anschauungen verletzen, wenn sie in der Überzahl sind.
  • 5. Ich möchte nicht unbedingt gegen (eventuell neue) unausgesprochene Sitten & Gebräuche im Hallenbad verstoßen.
  • 6. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, mich unhygienisch zu verhalten, wenn ich meine Badehose ausziehe (was ja eigentlich Quatsch ist, weil es eher mit Badehose unhygienisch wird).
  • 7. Ich möchte mit meinem angepassten Verhalten das Gemeinschaftsgefühl der Männerwelt stärken.

Doch schlussendlich können mich auch diese sieben sehr gewichtigen Argumente nicht überzeugen. Meine Gewohnheit und mein Durst nach Freiheit wirken einfach stärker. Ich ziehe kurzerhand – wie sonst auch immer! – meine Badehose aus – auch im Angesicht sieben ‘eingekleideter’ und halbeingeseifter Männer. Ich schaue mehr oder weniger nur auf mich. Was die anderen Männer machen, tangiert mich hier nur peripher.

Schön und gut. Ich seife mich ein, dusche mich ab und genieße am Schluss – wie immer – eine eiskalte Enddusche. Dann schnappe ich mir mein Handtuch, binde es mir um und wende mich den Umkleidekabinen zu. Doch siehe da!! Was ist denn hier plötzlich los??? Als ich meinen Blick durch den Duschraum wandern lasse, fällt mir doch glatt auf, das da nunmehr nicht mehr 7 Männer mit Badehose stehen, sondern nur noch einer! In der Zwischenzeit haben es mir die 6 anderen Männer doch tatsächlich gleichgetan. Wow! (Ich hätte euch hier gerne ein Beweisfoto vorgelegt, doch das hätte möglicherweise zu Irritationen geführt.) Plötzlich standen doch tatsächlich fast alle splitternackt unter den Duschen. Wie schön! Ich hätte nicht gedacht, dass mein Verhalten eine solche Eisbrecherwirkung erzielen könnte. Das Badehosenanlassen rührte vermutlich nur von einer allgemeinen Verunsicherung her. Einer lässt die Badehose beim Duschen an. Und prompt trauen sich auch alle anderen nicht mehr, sich nackig zu machen. Tja, eben gelebte Gruppendynamik und normales Schwarmverhalten. Mann will nicht komisch auffallen und nicht die (neugierigen) Blicke anderer auf sich ziehen. Das ist ganz natürlich und sehr verständlich.

Trotzdem steht es uns gut zu Gesicht, wenn wir bei gewissen Gelegenheiten Farbe bekennen, Gesicht zeigen und uns nicht vom Schwarmverhalten anderer unterbuttern lassen. Dann gilt: Widerstand leisten gegen ein Mainstream-Verhalten und seinen eigenen Weg finden und gehen. Aber wie kann ich mich solchen ungemütlichen und vehementen gruppendynamischen Prozessen zur Wehr setzen? Hier mal sieben Anregungen dazu:

Sieben Anregungen, wie ich mich gegen solche gruppendynamischen Prozesse zur Wehr setzen könnte:
  • 1. Ich tue das, was ich (!) für richtig halte – auch wenn andere das anders sehen.
  • 2. Ich lasse mich weder von der Masse noch vom Mainstream beeindrucken.
  • 3. Ich nutze solche guten Gelegenheiten, um mich in Sachen ‘Zivilcourage’ zu üben.
  • 4. Ich versuche zu verhindern, dass sich Menschen einem unangenehmen Gruppendruck zu beugen haben.
  • 5. Ich helfe meinen Mitmenschen, jeweils ihren eigenen und individuellen Lebensstil zu finden.
  • 6. Ich lasse mich weder durch böse Blicke noch durch ein hämisches Lächeln anderer beirren.
  • 7. Ich gehe erhobenen Hauptes meinen Weg.

Wünsche viel Erfolg dabei, eure eigenen Wege zu finden und diese dann auch zu gehen!

© Encourager68 (April 2014)

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23 Antworten zu Seit wann duschen Männer in deutschen Hallenbädern nicht mehr nackt? – Ein Beitrag zu gruppendynamischen Prozessen in öffentlichen Männerduschen

  1. kathi84 schreibt:

    Bei diesem Beitrag musste ich wirklich lachen. In Frauenduschen stört sich keiner an der Nacktheit der anderen, aber das Männer nun zu solchen Verschleierungstaktiken übergehen wundert mich doch. Eine sehr schöne Interpretation der Dinge 🙂

    • mwehrstedt schreibt:

      Ja, „Verschleierungstaktiken“ ist eine passende Beschreibung. Aber wahrscheinlich liegt es hauptsächlich an der kulturellen und religiösen Bedingtheit von Männer muslimischer Herkunft. Aber wenn ihr da in den Frauenduschen so locker und befreit mit eurer Nacktheit umgeht, wechsele ich vielleicht beim nächsten Mal zu euch rüber 😉

      • kathi84 schreibt:

        Haha, dann ist es wohl auch bei uns mit der Freizügigkeit schnell vorbei, wenn sich demnächst ständig Männer in die Frauenduschen „verirren“.

      • mwehrstedt schreibt:

        Genau, dann müssen in den Frauenduschen Neopren-Anzüge verteilt werden, hihi 🙂

  2. marichen21 schreibt:

    Genial! Danke!
    Ich habe mich gerade köstlich amüsiert!
    Liebe Grüße
    Maria!

  3. Marion schreibt:

    Hallo Markus,
    was für ein erfrischender Beitrag. Während des Lesens konnte ich den möglichen Gründen für die Badehose unter der Dusche nicht wirklich folgen, hätte aber noch keinen eigenen möglichen Grund formulieren können. Dann las ich deine Gründe für die Anpassung und fand es fast schade, erwartete ich doch, dass du dich tatsächlich angepasst hast. Dass du es dann nicht getan hast und was daraus folgte, spricht genau die Sprache, die ich in mir gefühlt hatte. Und daher: Wie erfrischend, wenn jemand [in dem Fall du] einfach unverstellt und natürlich das tut, was er immer tat und damit auch den anderen die Unsicherheit nehmen kann, so dass sie sich auch natürlich verhalten trauen.
    Ich persönlich suche auch häufig eigene Wege, ohne einfach unhinterfragt einem Mainstream zu folgen, vor allem, wenn er mir nicht entspricht. Praktisch ist das nicht immer ganz einfach, aber oft lohnend, wie dein Beispiel zeigt.
    Liebe Grüße
    Marion

    • mwehrstedt schreibt:

      Hallo Marion,
      freue mich sehr, dass Dir mein Beitrag hier gefallen hat. Und ja: Gegen den Strom zu schwimmen, ist wirklich nicht so einfach – gerade weil wir Menschen insbesondere auch Schwarmwesen sind. Aber es wichtig, sich nicht vom Mainstream unterbuttern zu lassen, sondern mutig eigene Akzente zu setzen. Und das will geübt sein 🙂
      Liebe Grüße
      Markus

      • Marion schreibt:

        Hallo Markus,
        da scheinen wir ja eine ganz ähnliche Wahrnehmung zu haben.
        Gut so. Weiter so 🙂
        Liebe Grüße
        Marion

      • mwehrstedt schreibt:

        Ja, immer voll gegen die Strömung 😉
        Lieben Gruß
        Markus

      • Marion schreibt:

        Na ja, so ganz uneingeschränkt mag ich dem nicht zustimmen. Immer voll gegen die Strömung kann ziemlich anstrengend werden. Aber wenigstens so bewusst wie möglich in jedem Moment.
        Aber deinem Beitrag hier konnte ich ja auch entnehmen, dass du dir sehr wohl überlegt hast, welche Gründe es dafür gäbe, sich anzupassen und hätte es gute Gründe dafür gegeben, dann hättest du nicht zwanghaft querschießen müssen, das find ich gut.
        Lieben Gruß
        Marion

  4. Arno von Rosen schreibt:

    Schön humorig und als letzten Grund vielleicht noch den. Frauen haben ihren Männern gesagt zuerst mit Badehose zu duschen, damit der Chlorgeruch nicht durch die Wohnung zieht 😉

  5. Rudi schreibt:

    Ja, dein Beitrag ist zwar schon ein paar Tage alt, aber doch sehr aktuell, gerade auch in einem Fitnesscenter wo ich trainiere. Da sind es fast nur die jüngeren Männer die mit Badehose duschen. Ich habe schon oft geschmunzelt wenn ich sehe wie die Jungs versuchen „alles“ zu waschen. Mir fällt aber auf, das die ältere Generation blank duscht. Ich zähle ja auch zu den älteren und habe immer nackt unter der Dusche gestanden. Und das schon als 5 Jähriger nach dem Fußball 🙂
    Ich kann es verstehen wenn es die Religion vorschreibt, dagegen gibt es keine Argumente. Aber sonst? Nee keine Ahnung. Mal abwarten wann ich den ersten in der Dusche sehe, der auch noch ein Shirt trägt 😉

    • mwehrstedt schreibt:

      Vielen Dank, Rudi, für Deine ergänzenden Erfahrungsberichte. Vielleicht hat die jüngere Generation einfach zu viel Schamgefühl. Hm, ich überlege jetzt selbst, ob ich ab demnächst nur noch im Neoprenanzug dusche. Sicher ist sicher 😉

  6. Ralf Hauser schreibt:

    Ich erschrecke mich immer wieviele ältere Männer sich die Schamhaare rasieren. Der Trend kommt sicher aus Pornofilmen und macht vor dem Alter nicht halt. In den Duschen der Fitnessstudios wird nackt geduscht.

    • mwehrstedt schreibt:

      Ja, ist anscheinend eine aktuelle Modeerscheinung. Manches kommt – und geht dann wieder. Prima zu hören, dass die Männer in den Fitnessstudios noch den Mut haben, unbekleidet zu duschen.

  7. annwjwhite schreibt:

    I wish my German were better to understand this all the way through.

  8. Mark schreibt:

    Ich war heute auch nach langer Zeit mal wieder schwimmen. Als ich nach dem Schwimmen duschen ging, waren dort drei andere Männer, die bereits nackt duschten und sich dabei unterhielten – wohl untereinander bekannt. Ich habe mein Handtuch aufgehängt, mir einen Duschplatz gesucht und auch die Badehose zum duschen ausgezogen. So standen also vier nackte Männer in der Männerdusche. Nach einer Zeit kamen zunächst ein Vater mit Sohn und dann zwei weitere Männer in die Dusche, die sich rechts und links neben mich stellten und nun duschten. Alle ließen dabei ihre Badehosen an. So standen noch die drei bisherigen Männer und ich nackt unter den Duschen, wobei ich Nackter nun inmitten der Badehosen-Duscher stand. Nachdem es bis dahin für mich völlig normal war, hier, in einer Männerdusche nackt zu duschen, fühlte ich mich nun nackt und umringt von den Badehosen sehr unwohl. Ich duschte schnell fertig, schnappte meine Sachen und verließ den Duschraum. Das erste Grüppchen der drei Männer duschte übrigens noch vergnügt und sich unterhaltend weiter. Ich hätte mich vermutlich weiter zu ihnen stellen sollen um nicht inmitten der Badehosen zu landen.😀 Aber hier war meine Barriere zu groß, mich direkt daneben zu stellen. Und so stand ich nackt inmitten von Badehosen. Beim nächsten mal stelle ich mich einfach zu der Gruppe.
    Was an der ganzen Geschichte dann allerdings widersinnig ist: das von mir besuchte Schwimmbad bietet nur Gruppenumkleiden, natürlich nach Geschlechtern getrennt. Da müssen sich also alle Männer vor Betreten der Schwimmbecken vor anderen Männern ausziehen um dann die Badehosen anzuziehen und sich am Ende des Schwimmbadbesuches wieder in die Männer-Gruppenumkleiden zu begeben. Dort stehen die Männer wieder nackt nebeneinander und gegenüber; natürlich auch die Männer, die beim duschen ihre Badehosen anbehalten. Das ist doch sehr merkwürdig, oder? Trauen sich nicht mit/neben anderen Männern nackt zu duschen, aber stehen in der Umkleide anderen Männern selbst nackt gegenüber oder auch direkt neben anderen nackten Männern. Das verstehe mal einer…. Danke für deinen Bericht. In welchem Bochumer Bad warst du denn?

    • mwehrstedt schreibt:

      Ja, Mark, für solche Phänomene sind sicherlich einige verschiedene psychologische Mechanismen verantwortlich. Ich war übrigens im Bochumer Uni-Bad. Viele Grüße, Markus

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