30. März: Encourager-Stiftung – Rückblick „Hilfe für Shoah-Überlebende in Israel“ (Juni 2013 + Februar 2014)

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Junge Volontäre von „Dienste in Israel“ – Foto: http://dienste-in-israel.de/

  • Projekt 212: Dienste in Israel e.V. – Terroropfer in Israel / Shoah-Überlebende (Juni 2013) (EUR 670)
    Projekt 228: Dienste in Israel e.V. – Terroropfer in Israel / Shoah-Überlebende (Febr. 2014) (EUR 900)

Es gibt Geschichten, die können einem das Herz schwer machen. Eine davon ist die Tragödie um den furchtbaren Völkermord der Nationalsozialisten des Dritten Reiches an den Juden sowie an den Sinti & Roma. Die Historiker nehmen an, dass diesem vielleicht bisher dunkelsten Kapital der Menschenheitsgeschichte in den Jahren 1941 bis 1945 insgesamt 5,6 bis 6,3 Millionen Menschen zum Opfer fielen (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust) – darunter allein etwa 2,7 Millionen polnische und 2,2 Millionen russische Juden (vgl. http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/agr257.htm). Die Tötungsmaschinerie des NS-Regimes arbeitete so konsequent und grausam, dass dieser Völkermord heute mit dem Wort „Holocaust“ (griechisch für „vollständig verbrannt“) und in Israel mit dem Wort „Shoah“ (hebräisch für „die Katastrophe“ bzw. „das große Unglück“) bezeichnet wird.

Bei meinen Besuchen der ehemaligen Konzentrationslager von Dachau (bei München; 1987), Bergen-Belsen (bei Hamburg; 1988), Buchenwald (bei Weimar; 1996) und Sachsenhausen (bei Berlin; 2003) stockte mir oftmals der Atem. In den Baracken und Zellen hatte ich immer wieder das Gefühl, die Stimmen von damals zu hören – die Schreie der Gefangenen, das Brüllen der SS-Aufseher, die Gewehrsalven bei den Erschießungen. Für mich eine unglaubliche und fast unwirkliche Erfahrung, genau an den Orten zu stehen, wo sich damals über Jahre hinweg so viele Tragödien, so viele herzzerreißende Szenen abspielten. In diesen Augenblicken stand ich mittendrin in dieser unheilvollen und ganz realen Vergangenheit meines Heimatlandes. Ich konnte dort etwas spüren sowohl von der ungezügelten Boshaftigkeit als auch von der unsäglichen Trauer und Verzweiflung von Menschen.

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Jüdische Frauen kurz vor ihrer Erschießung in Liepāja, Lettland (Dezember 1941) – Foto: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Liepaja_December_1941_massacres_01.jpeg

Manche Deutsche wollen heute nicht mehr viel wissen von diesen Geschichten. Es sei schon viel zu lange her und hätte mit unserer Generation nicht mehr viel zu tun. Wer so spricht, denke ich, muss wohl ein Herz aus Granit haben. Denn was wäre, wenn wir selbst dort in den Konzentrationslager gesessen und gelitten hätten? Hätten wir uns nicht auch Befreiung und Anteilnahme gewünscht? Hätten wir uns nicht auch über jedes Zeichen von Mitgefühl gefreut? Ich jedenfalls schon. Deshalb geht mir das Schicksal dieser Menschen heute noch so sehr nach. Ich möchte diese terrorisierten und unschuldig Verfolgten nicht vergessen, sondern ihrer immer wieder gerne gedenken.

Auch uns vom Team der Encourager-Stiftung ist dieses Gedenken sehr wichtig. Aus diesem Grunde unterstützen wir schon seit dem Jahr 2006 das Engagement des Vereins „Dienste in Israel e.V.“ (Hannover; http://dienste-in-israel.de/) mit einer jährlichen Spende. „Dienste in Israel“ möchte vor allem eins: Nach der Shoah neue Brücken bauen zwischen Deutschen und dem jüdischen Volk:

„Das unsagbare Leid, das dem jüdischen Volk über Jahrhunderte hinweg zugefügt worden ist, hat eine fast unüberwindbare Kluft zwischen Christen und Juden, Deutschen und Israelis geschaffen. Weil wir als Christen dem Judentum in besonderer Weise verbunden und als Deutsche besonders verpflichtet sind, sehen wir es als einen Auftrag von Gott an, durch einen praktischen Versöhnungsdienst Brücken zum jüdischen Volk zu bauen und den Christlich-Jüdischen Dialog zu fördern. Dies geschieht seit 1975 überkonfessionell durch junge Christen im Alter von 18 bis 30 Jahren, die in Kibbuzim arbeiten bzw. in Sozialeinrichtungen alte, kranke und behinderte Menschen pflegen. Ganz konkret werden so Brücken der Verständigung geschaffen und Zeichen der Liebe gesetzt, aber auch Unwissenheit, Vorurteile und Missverständnisse abgebaut und überwunden.“ (http://www.dienste-in-israel.org/wir-ueber-uns.html)

Uns liegt besonders die Versorgung von Shoah-Überlebenden am Herzen. Wir wissen: Geld kann das geschehene Leid nicht wiedergutmachen. Aber wenn wir überhaupt etwas tun können, dann zumindest mit ihnen teilen, damit sie wenigstens materiell heute so gut wie nur möglich versorgt sind. Deswegen spendeten wir bereits im Juni 2013 einmal 670 Euro und jetzt aktuell im Februar 2014 noch einmal 900 Euro für Terroropfer und Shoah-Überlebende in Israel. Mit dieser Unterstützung wird u.a. auch der Dienst der jungen deutschen VolontärInnen in Israel gefördert. Diese Freiwilligen sind so in der Lage, sich auch herzhaft um diejenigen jüdischen Seniorinnen und Senioren zu kümmern, die all die Schrecknisse des Dritten Reiches überleben konnten. Grace Kim, eine der vielen Helferinnen, schreibt darüber im letzten Brückenbauer-Magazin (der Zeitschrift von „Dienste in Israel“):

„Verteilt auf drei Elternheime des „Irgun Olej Merkas Europa“, einer Organisation für Einwanderer aus Zentraleuropa, sind wir Volontärinnen vorwiegend im Bereich der sozialen Betreuung der Bewohner tätig. Ich persönlich erachte es als eine große Ehre, als Gnade und als ein Geschenk Gottes, den letzten Überlebenden der Shoah dienen zu dürfen. Ein Großteil der Bewohner, die aufgrund der Verfolgung durch die Nazis im Laufe des 20. Jahrhunderts nach Israel kamen, sprechen Deutsch oder andere europäische Sprachen. So können wir uns gut verständigen und Gespräche führen, sei es beim Anreichen von Essen, beim gemeinsamen Spaziergang oder Einkaufen. Für mich ist das der bedeutendste Teil meiner Arbeit.“ (Grace Kim, in: Brückenbauer-Magazin II/2013, Nr. 101, S. 2)

Für mich wäre es hochspannend, mal einen gemeinsamen Nachmittag mit einem Zeitzeugen der Shoah verleben zu können. Ich hätte tausend Fragen und wüsste gerne alles über das, was damals passierte. Und ich würde mich so freuen, wenn ich damit einem solchen Zeitzeugen das Herz ein wenig erleichtern könnte. Die Volontärin Grace Kim genoss das Vorrecht, sich u.a. mit der 95-jährigen Dora über manches Vergangene austauschen zu können:

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Die Volontärin Grace Kim mit dem Altenheimbewohner Katriel – Foto: Brückenbauer-Magazin II/2013, Nr. 101, S. 1.

„Damit nichts in Vergessenheit gerät, versuche ich stets in meinen Notizen alles festzuhalten, was ich aus dem Leben dieser besonderen Generation erfahre. In manchen Gesprächssituationen erlebe ich auch, dass ich nicht mehr tun kann, als zu schweigen. Wenn ich gefragt werde, warum ich nach Israel gekommen sei, antworte ich, dass Gott sein Volk nicht vergessen habe und es unendlich liebe – weshalb auch ich das jüdische Volk liebe und ihm dienen möchte. Darauf folgt manchmal eine weitere Frage: „Wo war denn Gott während der Shoah?“ Menschen, die die Shoah selbst miterlebt haben, kann und darf man auf eine solche Frage keine leichtfertige Antwort geben. Doch neben den ernsten Seiten meiner Arbeit ist die Zeit im Elternheim auch von viel Freude und Spaß geprägt! Eine Bewohnerin lässt sich so langsam von meiner Fußballbegeisterung anstecken und es ist schon ausgemacht, nächstes Jahr gemeinsam die WM anzuschauen. Und genauso freut sich meine 95-jährige Freundin Dora schon darauf, eines Tages bei meiner Hochzeit dabei zu sein. Dora sagte mir neulich auch, sie hätte niemals damit gerechnet, dass einmal deutsche Volontäre nach Israel kommen würden, und noch weniger damit, dass sie sie auch gern haben würde.“ (AaO., S. 3)

Was nicht alles möglich wird, wenn wir neue Wege wagen! So kommt diese schicksalgebeutelte Frau auf ihre alten Tage noch zu ungeahnten, versöhnlichen Begegnungen. Davon zu hören, tut meiner Seele gut. Im neuen Info- und Gebetsbrief von „Dienste in Israel“ schreibt der Leiter Ralph Zintarra:

„“Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ – dieser bekannte Satz von Martin Buber (1878-1965) beschreibt zutreffend, was die Zeit unserer Volontäre in Israel so besonders macht: Es sind Begegnungen mit Überlebenden der Shoah, es sind aber auch die eher unspektakulären Momente im Alltag.“ (Info- & Gebetsbrief Nr. 29, Hannover im März 2014, S. 1)

Auch hier kommt es zu einem Zusammentreffen zwischen zwei Volontärinnen und einer Frau, die damals dem Holocaust entrann. Elisa Schneider und Carolin Schneidewind erleben in Israel die aus der Ukraine stammende 75-jährige Chaya. Über diese Begegnung formulierten sie folgende Zeilen:

„Auf dem kleinen Tisch, an dem wir sitzen, liegen unzählige Medikamentenverpackungen und Kreuzworträtsel. Wir schauen etwas verlegen in unsere Teetassen und hoffen, dass uns irgendwie eine passende Antwort einfällt. Chayas Stimme schallt verletzt und müde durch den winzigen Raum, in dem sie schläft, kocht und Besuch empfängt. Immer wieder beginnt sie auf Jiddisch zu rufen: „Fir wos?“ [Anm.: „Für was?“] Ja, „fir wos?“ fragen auch wir uns, während wir Chayas Geschichten von Trennung, Tod und Neubeginn lauschen. Die 75-jährige Chaya stammt ursprünglich aus der Ukraine. Auch sie gehört zu der mit jedem Tag kleiner werdenden Gruppe der Holocaustüberlebenden. Mit ihrer Familie lebte sie einst im Krassnowitzer Ghetto. Ihre Mutter starb an Typhus, da war Chaya gerade mal drei Jahre alt. Ihr Vater wurde nur deshalb nicht umgebracht, weil er gut genug arbeitete. Sie erzählt uns davon, dass es bitterkalt war im Winter, dass sie sich um ihre Geschwister sorgen musste und dass ihre Bäuche von zu wenig Essen geschwollen waren. „Fir wos, dieser Hitler, fir wos?““ (Elisa Schneider und Carolin Schneidewind, in: Info- & Gebetsbrief Nr. 29, Hannover im März 2014, S. 1)

Ja, für was? Für was war dieses Elend gut? Wie konnte man damals nur diesem verrückten Psychopathen Hitler das Ruder in Deutschland und Europa überlassen? Für was? Keiner kann das mehr gutmachen. Es bleibt nur noch die kleine Gelegenheit, solchen Menschen wie Chaya an deren Lebensende zumindest ein wenig die Einsamkeit zu nehmen. Elisa und Carolin erzählen weiter:

„Im November 2013 haben wir sie kennengelernt. Seitdem besuchen wir beide sie regelmäßig. Wir hören zu, essen Kuchen und lassen uns Tee nachschenken. Unsere Verständigung ist mitunter etwas schwierig, da wir kein Russisch sprechen. Also tun wir das aus einem Gemisch aus Hebräisch und Jiddisch. Und wenn alle Stricke reißen, bleiben ja auch noch Stift und Papier … Es ist gar nicht so einfach auszudrücken, was wir in solchen Momenten fühlen. Wir wollen einfach für sie da sein und hoffen, dass ihre Last, die so schwer auf ihr liegt, mit jedem „fir wos?“ ein wenig abnimmt. Wir würden ihr so gerne helfen, dieser kleinen Frau, die so viel erlebt hat und zu oft alleine ist. Zum Abschied wünscht sie uns immer „von Herzen a bissele Glick, a bissele masal“. Das wünschen wir ihr auch.“ (Ebd.)

Ja, auch ich wünsche ihr das jeden Tag neu – ihr und all ihren Leidgenossen. Mögen diese 670 und 900 Euro der Encourager-Stiftung dazu beitragen, dass sich noch manche alte Wunde in der freundschaftlichen Begegnung zwischen jung und alt schließt. Ich hoffe sehr darauf.

BildWer bei diesem Projekte gerne mithelfen und mitspenden möchte:

  • Unsere Bankverbindung (SEPA): Deutschland + International
  • Encourager-Stiftung
  • SKB Bad Homburg (Deutschland)
  • BIC: GENODE51BH2
  • IBAN: DE44 5009 2100 0001 3111 31
  • Verwendungszweck: “Shoah-Überlebende in Israel“
  • Wichtig: Ihre/eure Spende wird zu 100 % ohne Abzüge an “Dienste in Israel e.V.” weitergeleitet!
  • Webseite: http://www.encourager-stiftung.de

 

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