27. März: Zerbrochen & wunderschön zugleich – Sieben Gedanken, wie ich mit meinen Brüchen und Schicksalsschlägen umgehen lernen kann

BildZerbrochen – und jetzt erst richtig wunderschön / Foto: Gudrun Brandenstein (2014)

Vor ein paar Tagen wurde ich auf dieses wunderschöne Foto aufmerksam – geschossen von einer ehemaligen Klassenkameradin von mir (vielen Dank, Gudrun, dass ich es hier nutzen darf!). Es zeigt eine wunderschöne Gartenkreation. Sofort ist mir das Besondere, das Symbolträchtige an dieser Aufnahme ins Auge gefallen, nämlich: Aus den Brüchen unseres Lebens kann nicht nur etwas Schönes, sondern vielleicht sogar etwas besonders Schönes, vielleicht sogar etwas Wundervolles erwachsen!

Der tönerne Blumentopf auf dem Foto muss einen schweren Schlag erlitten haben. Denn das Gefäß brach an einer Seite fast komplett einmal von oben bis nach unten durch. Es ging sozusagen entzwei. Ein großes Stück – beinahe die Hälfte des ganzen Topfes – wurde dabei vom Rest gelöst und herausgesplittert. Der Auslöser muss ein heftiger Hieb gewesen sein – oder der Topf ist jemand aus Versehen aus den Händen geglitten und zu Boden gefallen.

Eigentlich ist dieser Topf nun zu nichts mehr zu gebrauchen. Die meisten von uns hätten seine Reste zusammengekehrt und in der nächsten Mülltonne entsorgt. Doch nicht so meine ehemalige Klassenkameradin. Sie kam auf eine geniale, künstlerische Idee. Sie nahm das große Bruchstück und ‚pflanzte‘ es gewissermaßen in den Rest des Topfes mit ein! Es blieb somit ein Teil des Ganzen. Es wuchs sozusagen organisch mit dem Rest wieder zusammen. Das Verrückte dabei: So gestaltet schaut dieser Blumentopf noch viel schöner aus als vorher! Wer hätte das gedacht?! Ein völlig normales und herkömmliches Gartenutensil verwandelt sich gerade durch einen Unglücksfall in ein einzigartiges Kunstwerk. Der Bruch führt nicht zum Zerbruch, sondern völlig überraschend zu einer Veredelung. Der Unfall verursacht keinen Totalschaden des Topfes, sondern im Gegenteil seine Vervollkommung. Nun wird er umso mehr betrachtet und bestaunt, und sein Anblick genossen.

Was für ein bezauberndes Bild auch für mich als Mensch! Auch in meinem Leben kann so manches zerbrechen und in tausend Scherben zersplittern, zum Beispiel:

  • Meine Hoffnung auf ein bestimmtes Berufsziel
    Meine Gesundheit
    Eine sehr wesentliche Freundschaft
    Eine Partnerschaft
    Mein Urlaubsplan
    Die Aussicht auf eine Beförderung
    Mein Image und mein Ansehen in der Gesellschaft
    Mein sportliches Ziel
    Mein Vertrauen in meine Familienangehörigen
    Das Verhältnis zu meinen ArbeitskollegInnen
    Meine Erwartungen bezüglich einer Religion oder Glaubensgemeinschaft
    Mein Stolz auf meinen Ruhm, meine Ehre und Karriere

Ja, all das kann zerbrechen, und zwar ganz schnell, im Nu eines Augenblicks, wie aus dem Nichts. Ruckzuck gleitet mir mein Leben aus den Händen – und schlägt hart auf dem Boden der Realität auf. Es gibt einen dumpfen Laut, ein Splittern, ein Klirren. Und das, was eben noch heil und ganz ausschaute und unzerstörbar schien, liegt nun da, zertrümmert, zerbrochen und verloren. Mein erster Gedanke mag sein: Hier ist nichts mehr zu heilen, nichts mehr zu reparieren. Es ist alles kaputt. Da hilft auch kein Klebstoff mehr, kein Draht und keine Schraube. Mein Leben ist hinüber, irreparabel …

Aber dann später einmal, vielleicht sehr viel später, mag mich ein kleines Wunder überraschen. Das, was ich nicht mehr für möglich halten mochte. Ich sehe mich bereits gescheitert, halb entsorgt, überflüssig und unbrauchbar geworden. Mein Leben kann eigentlich keinen großen Sinn mehr haben und keinem besonderen Zweck mehr dienen. Aber dann die Überraschung! Ich betrachte mich von außen – und sehe: Die Bruchstücke meines Lebens sind wundersam mit mir verwachsen. Ich bin nicht etwa hässlich geworden oder zu Schrott verkommen. Nein, aus mir ist – stattdessen! – ein Kunstwerk geworden. Das Zerbrochene ist neu mit mir verwachsen und hat mich tatsächlich zu einem Wunderwerk gemacht. Ich erkenne mich nicht wieder. Und ich kann mein Glück kaum fassen. Ja, auch so kann das Leben mit mir spielen. Es gibt gute Zeiten, und es gibt weniger gute Zeiten. Es gibt Schmerz und Trauer. Und es gibt Tränen der Freude. Wenn ich ein wenig Geduld mit mir habe, kann ich zu etwas Wunderschönem reifen. Dabei machen mich die Scherben meines Lebens nicht etwa unansehnlicher, sondern im Gegenteil richtig begehrenswert. Wunderschön.

Wie Du von nun an über die Brüche und Schicksalsschläge Deines Lebens denken könntest:
  • 1. Brüche und Schicksalsschläge gehören zu meiner Biographie dazu – so ist nun mal das Leben.
  • 2. Wenn mich ein Schmerz trifft, will ich versuchen, ihn auszuhalten und Geduld mit mir zu haben.
  • 3. Ich will die Scherben meines Lebens nicht auf den Müll werfen – sie sind mitunter noch zu sehr viel zu gebrauchen.
  • 4. Ich nutze sie und mache aus ihnen etwas Neues, Kreatives und Wundervolles – ein Kunstwerk.
  • 5. Ich lasse freundliche Menschen in mein Leben hinein – und gebe ihnen bei mir ein Platz zum Wachsen & Gedeihen.
  • 6. Ich verschönere mein Dasein mit Lebensbereichen, die mir gut tun und die meinen Tagen Sinn einhauchen.
  • 7. Ich verstecke mich, meine Scherben und Zerbrüche nicht. Ich will nicht vollkommen, nicht perfekt erscheinen. Ich zeige mich so, wie ich bin, und will damit den Menschen, denen ich nahestehe, Mut machen, sich mit all den eigenen Wunden, Narben und Brüchen anzunehmen und lieben zu lernen.

 

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6 Antworten zu 27. März: Zerbrochen & wunderschön zugleich – Sieben Gedanken, wie ich mit meinen Brüchen und Schicksalsschlägen umgehen lernen kann

  1. waldfee schreibt:

    Das hast du aber wirklich sehr schön geschrieben.

  2. kathi84 schreibt:

    Ein sehr interessanter Beitrag. Ich habe mich in jedem einzelnen Wort mit meinen Gefühlen wiedergefunden, woraus ich schließe, dass auch Du den ein oder anderen Bruch erleiden musstest. Aber Du hast schön verdeutlicht, dass ein Bruch nichts negatives oder irreparables sein muss, sondern auch etwas Wundervolles daraus entstehen kann: Ein Umbruch, ein Aufbruch. Und jeder Splitter, jede Scherbe fügt sich wieder zusammen, vielleicht an einer anderen Stelle, an einem anderen Ort, doch daraus entsteht ein großes buntes Mosaik des Lebens. Denn nicht das eintönige scheinbar Perfekte macht uns als Mensch interessant, sondern die Ansammlung von vielen bunten „Ecken und Kanten“, die sich auf wundersame Art und Weise zusammenfügen und ergänzen. Genau wie auf dem Bild eine wunderbare Landschaft entstanden ist, die ohne diesen „Schaden“ nie so einzigartig geworden wäre.

    • mwehrstedt schreibt:

      Vielen Dank, Kathi, für Deine tollen, ergänzenden Worte! Echt schön, dass Du Dich mit Deinen Gefühlen in meinem Beitrag wiederfinden konntest. Und ja, auch ich habe natürlich den einen oder anderen Lebensbruch hinter mir. Wenn etwas zerbricht im eigenen Leben, kann das schwer wehtun. Aber im Nachhinein bin ich riesig froh gewesen über diese Krisenzeiten. Denn dort habe ich am meisten über mich selbst gelernt und bin doppelt so stark aus diesen ‚Bruchzeiten‘ hervorgegangen. Einem Zerbruch folgt meist ein (Neu-)“Aufbruch“ (wie Du schön schreibst), den man später nicht mehr missen möchte.

  3. Sigrid Schäfer schreibt:

    Ich würde sagen zerbrechen und heilen schafft identität, die nicht jedem gelingt ….
    Aber danke für die faszinierende sichtweise, werde die nächsten trümmer mit liebe annehmen !

    • mwehrstedt schreibt:

      Das mag stimmen, Sigi. Nicht jeder Mensch geht mit geheilten Wunden aus einer Krisenzeit hervor. Wahrscheinlich bleiben bei nicht wenigen nicht nur Narben, sondern auch noch weiter entzündete Wunden zurück. Dann mag es schwer sein, sich irgendwie positiv mit diesem Bruch des Lebens ‚anzufreunden‘. – Wünsche Dir diese positive Sichtweise, dass sich Trümmer nicht selten sehr gut zu neuen inspirierenden Kreationen umfunktionieren lassen.

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