17. März: Chance e.V. – Ein Gespräch von Freund zu Freund unter einem Avocadobaum

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Chance-Kenia-Projektleiter Michael ole Maito mit seiner Frau Cicilia Wuapari in Maasai-Tracht – Foto: http://chance-international.org/Chance_D/Chance-Der-Weg-zum-Erfolg-in-Kenia.html

Gott gab den Europäern die Uhr, uns Afrikanern aber alle Zeit.“ (Michael ole Maito)

Kann das gut gehen? Eine Kooperation zwischen kenianischen Maasai und deutschen Mutbürgern? Können ehemalige Viehnomaden und hochgebildete Intellektuelle einen gemeinsamen Nenner finden? Versteht man sich wirklich, auch wenn man die gleiche Sprache (Englisch) spricht? Werden beide Dialogpartner genügend Geduld und Zeit aufbringen können, einander richtig zu verstehen?

Man möchte meinen: Nein, so etwas kann einfach nicht gut enden. Zu viel Konfliktpotential schwebt da im zwischenmenschlichen Miteinander. So unterschiedliche Kulturen, Gewohnheiten und Eigenarten müssten eigentlich eine tragfähige Kooperation unmöglich machen.

Nun, der Kölner Verein Chance e.V. (www.chance-international.org) versucht diesen Spagat schon seit einigen Jahren auszuhalten – und bisher auch ziemlich erfolgreich. Aber klar: Es gibt da auch mal Missstimmigkeiten. Wer möchte das verhehlen. Wohltuend offen und transparent berichtete kürzlich Jens Bergmann (Mitbegründer und Leiter von Chance e.V.) über das Miteinander von deutschen und kenianischen MitarbeiterInnen:

‚Gott gab den Europäern die Uhr, uns Afrikanern aber alle Zeit‘ – diese selbstironische Bemerkung macht Chance-Kenia-Projektleiter Michael ole Maito immer mal wieder, wenn er zu Gast in Deutschland ist. Daran kann man erkennen, dass inter-kulturelle Projektzusammenarbeit wie bei Chance e.V. eine großartige und bereichernde Erfahrung ist, gleichzeitig aber auch gewisse Herausforderungen bergen kann.“ (http://chance-international.org/Chance_D/Chance-Der-Weg-zum-Erfolg-in-Kenia.html)

Die Herausforderungen können manchmal ganz schön groß werden. Dann vor allem, wenn die gegenseitigen Erwartungen weiter als geahnt auseinandergehen. Das passierte nun kürzlich im kenianischen Dorf Olereko. Jens Bergmann schreibt darüber:

Als ich neulich auf Projektbesuch in Kenia war, saß ich mit Michael unter einem Avocadobaum vor dem kleinen Häuschen, welches er mit seiner Familie bewohnt. Kurz vor Sonnenuntergang schauten wir über die diversen Chance-Projekte hinab ins Tal von Olereko. Dabei diskutierten wir über den allgemeinen Stand der Projektarbeit. Als von Leistungsdenken und Effizienz geprägter Deutscher brachte ich an einigen Punkten nicht immer zimperlich meine Ungeduld zum Ausdruck. Beispielsweise merkte ich an, dass die Kühe im Erishata-Projekt nicht so viel Milch geben wie ursprünglich geplant, was wohl in erster Linie daran liegt, dass wir immer noch mehr Kühe haben, als unser kleines Stück Land in Olereko so ernähren kann, dass die Milchproduktion pro Tier gesteigert werden kann. Trotzdem kam es nicht zu einem hitzigen Streitgespräch, sondern zu einem konstruktiven Austausch.“ (Ebd.)

Das fühlt sich gut an, wenn man trotz verschiedener Ansichten freundschaftlich miteinander im Gespräch bleibt. Jens und Michael versuchten, ihren Meinungsverschiedenheiten auf den Grund zu gehen. Michael, der ehemalige Maasai-Krieger, sprach dazu die folgenden sehr weisen und aufschlussreichen Worte, wie ich finde:

Jens, ich danke dir für deine Kritik und deine große Geduld, mit der du uns immer wieder auf unsere Schwachstellen aufmerksam machst. Bitte hab doch auch noch weiterhin Geduld! Versuch dich in uns hineinzuversetzen. Vor etwas mehr als 30 Jahren lebten wir noch halbnomadisch im Busch. Erst seit zehn Jahren gibt es bei uns überhaupt Zufahrtswege und gerade einmal seit vier Jahren eine secondary school. Natürlich wollen wir ein besseres Milchkuhprojekt, aber Kühe sind seit Menschengedenken unser ein und alles. Da ist es emotional nicht leicht, plötzlich nur noch wenige Kühe zu haben, obwohl das die Milchproduktion steigert.“ (Ebd.)

Wie wahr, wie wahr. Solch eine Umstellung macht auch etwas mit den Emotionen der ehemaligen Nomaden. Sie können ihre Geschichte, ihre Biographie nicht einfach so locker über den Haufen werfen. Ihre Identität lässt sich nicht von heute auf morgen einfach so ummodeln. Der ganze Mensch ist involviert. Hier schwingen viele und tiefe Gefühle mit. Und die wollen wirklich wertgeschätzt werden. Michael ole Maito macht ferner deutlich, dass wir Deutschen auch so unsere Baustellen haben:

Der Wandel ist ein Prozess. In deutschen Städten gibt es viel zu viele Autos, aber dieses Problem zu lösen ist trotz besseren Wissens auch nicht einfach.“ (Ebd.)

Tja, da sind wir Deutschen gerne Weltverbesserer – und bekommen nicht mal unsere eigenen Probleme in den Griff. Da ist also besser Vorsicht geboten. Michael ole Maito rückt die bisherigen gemeinsam Erfolge der Kooperation in den Vordergrund:

Das was wir in unseren Chance-Projekten hier in Olereko in so wenigen Jahren bislang gemeinsam erreicht haben, ist für uns ein riesiges Wunder, wenn wir bedenken, woher wir kommen. Überhaupt schon ein Projekt zu haben ist ein unvorstellbares Geschenk, für das wir Gott so dankbar sind. Ich verstehe, dass ihr als Deutsche manches anders seht. Einige Sachen wären für euch bestimmt ganz einfach und ihr seht manchen Fortschritt bei uns sicher mit anderen Augen, aber wir müssen hier Schritt für Schritt lernen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir immer wieder miteinander reden und jeder die Perspektive des anderen kennen und verstehen lernt. So können wir am Ende gemeinsam erfolgreich sein…“ (Ebd.)

Ja, ich denke, das ist ein sehr weiser und zukunftsweisender Weg. Aller Fortschritt muss – im wahrsten Sinne des Wortes – Schritt für Schritt vonstatten gehen. Es braucht Geduld. Es braucht Bereitschaft zum gegenseitigen Zuhören. Es braucht Verständnis. Und es ist ein langer Atem vonnöten. Dann kann ein solches großes interkulturelles Projekt wirklich gesund wachsen. Jens Bergmann dazu:

Eine solch ehrliche und bescheidene Selbsteinschätzung hat mich tief bewegt, auch wenn ich mir wünschen würde, dass manche Projekte viel schneller noch mehr Erfolg haben würden, als die Realität dies manchmal zulässt.“ (Ebd.)

Eine klasse Idee hatte jetzt Michael ole Maito. Für ein besseres Miteinander soll ein kenianischer Dozent als externer Berater angestellt werden. Er soll sozusagen als Mediator tätig werden und auf diese Weise unnötige Konflikte vermeiden bzw. überwinden helfen:

Michael ole Maito jedenfalls verbringt seit Monaten jedes Wochenende damit, im 50 km entfernten Kisii nachhaltige Dorfentwicklung zu studieren. Um den Erfolg der Projekte weiterhin zu steigern, die Organisation vor Ort zu professionalisieren und interkulturelle Konflikte zwischen Deutschen und Kenianern im Chance-Netzwerk konstruktiv zu lösen, schlug Michael vor, einen seiner kenianischen Dozenten, der auf nachhaltige Entwicklung und Organisationsentwicklung spezialisiert ist, als externen Berater einzustellen. Dieser Berater ist fast rund um die Uhr für Michael und sein Team ansprechbar, welches so lernt, immer neue Schritte zu gehen. Dabei kostet diese wertvolle Hilfe noch nicht einmal 250 Euro im Monat. Erst vor fünf Wochen begann dieser Prozess, doch können wir schon jetzt die ersten Erfolge sehen. Gemeinsam hat das Team vor Ort einen Aktionsplan aufgestellt, der nun Schritt für Schritt umgesetzt wird, um nach und nach die „Kinderkrankheiten“ in einigen Teilprojekten zu überwinden.“ (Ebd.)

Wunderbar! Dafür kann ich an dieser Stelle nur einen guten Erfolg wünschen und weiterhin einen so konstruktiven Austausch miteinander.

Wer diese Arbeit – und insbesondere diesen einheimischen Berater – finanziell mitunterstützen möchte, der findet auf der Seite von Chance e.V. die nötigen Daten zum Spenden: www.chance-international.org

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