10. März: Allein in der Dunkelheit (Teil 7) – Wenn jemand ein Licht für uns in der Finsternis anzündet

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(Fortsetzung vom 9. März 2014)

Unbändige Liebe ist für die kleine Cosette im Anzug! Noch fühlt sie sich verloren auf weitem Posten. Noch ist niemand in Sicht, der ihr beim Schleppen des überschweren Wassereimers helfen könnte. Noch quält sie sich allein auf ihrem langen Marsch zurück ins Dorf:

Aber eine größere Strecke des Weges konnte sie so nicht schaffen, und sie ging recht langsam. Umsonst verminderte sie die Dauer ihrer Rast auf den einzelnen Stationen, und sie marschierte jedesmal so weit wie möglich. Sie dachte geängstigt, so brauche sie über eine Stunde, um nach Montfermeil zurückzukehren, und die Thénardier werde sie schlagen. Diese Angst vermischte sich mit ihrem Entsetzen, nachts im Wald allein zu sein. Sie war abgerackert und müde und noch nicht aus dem Wald heraus. Als sie bis zu einem alten Kastanienbaum gekommen war, den sie kannte, machte sie einen längeren Halt, um auszuruhen, dann raffte sie sich zusammen, nahm wieder den Eimer und begann tapfer wieder auszuschreiten. Aber die Kleine konnte in ihrer Verzweiflung nicht anders, sie mußte jammern: ‚O Gott, o Gott!’“ (Victor Hugo, Les Misérables = Die Elenden, S. 461)

O Gott, o Gott!“ Das ist nicht einfach so dahergesagt. Aus dem Munde des Mädchens klingt dieses Stoßgebet so aufrichtig, so ehrlich. Es ist ein Hilferuf. Ein Ruf nach Gott. Ein sehnsüchtiger Ruf um Beistand. Denn alleine schafft sie es nicht – dessen ist sie nun gewiss. Doch kaum hat sie diesen tiefen, tiefen Seufzer zum Himmel gerichtet, passiert etwas Unglaubliches!

In diesem Moment fühlte sie plötzlich, daß der Eimer nichts mehr wog. Eine Hand, die ihr sehr groß erschien, hatte eben den Henkel ergriffen und hob ihn mit Kraft. Sie blickte auf. Eine hohe Gestalt, schwarz, gerade aufgerichtet, marschierte im Dunkel neben ihr. Es war ein Mann, der ihr im Dunkel nachgegangen war und den sie nicht hatte kommen hören. Dieser Mann hatte wortlos den Henkel des Eimers, den sie trug, umklammert.“ (Ebd.)

Eigentlich erschreckend! Ein Mann, von hoher Gestalt, massiv, ganz in Schwarz, mit einer riesigen Pranke. Etwa eine neue Gefahr für die leidende Cosette? Nein, keine Gefahr für das Mädchen. Denn es ist zwar ein großer, ein gewaltiger Mann. Aber ein Mann mit einem ebenso großen Herzen. Er ist vertrauenswürdig. Gott hat ihn ihr geschickt, als ihre Not am größten ist. Und so ist Cosette nicht nur überrascht von dieser helfenden Hand, sondern auch ganz und gar ohne Angst und ihr, der Hand, ganz und gar vertrauend: „Das Kind fürchtete sich nicht.“ (Ebd.) Der Mann spricht Cosette „ernst und fast leise“ (aaO., 467), ja geradezu sanftmütig an:

‚Mein Kind, was du da trägst, ist für dich recht schwer.’“ (Ebd.)

Er nimmt ihr den Eimer ab und fragt, wie weit ihr Weg noch ins Dorf sei. Sie erwidert: Eine Viertelstunde. Daraufhin versagen ihm kurz die Worte. Fühlt er doch, was man diesem Mädchen mit dieser entsetzlichen Strapaze hat antun wollen. Er fragt sie nach ihrer Mutter, ob sie eine habe. Sie antwortet:

‚Ich weiß nicht […]. Ich glaube nicht. Die anderen haben eine Mutter. Ich habe keine. […] Ich glaube, ich habe nie eine gehabt.’“ (Ebd.)

Nun unterbricht der große Mann plötzlich seinen Gang. Er scheint hellhörig geworden zu sein. Er stoppt, beugt sich hinunter, schaut dem abgehärmten Mädchen ins Gesicht, legt seine Hände behutsam auf ihre Schultern – und fragt voller Anspannung nach ihrem Namen. Sie antwortet:

‚Cosette.'“ (AaO., 468)

Da passiert es:

Den Mann durchzuckte es wie ein elektrischer Schlag.“ (Ebd.)

Nun ist es heraus! Cosette ist genau das Mädchen, das er so sehnsüchtig gesucht hat. Nun findet er sie – ausgerechnet hier mitten in der Nacht, an dem finsternsten Ort, ganz auf sich allein gestellt, bei einer Arbeit, die selbst für einen Erwachsenen eine Quälerei gewesen wäre. Es bricht ihm sein Herz. Es schlägt ganz für sie. Von nun an hat die Kleine einen gewaltigen Beschützer, ohne es richtig zu wissen. Von nun an ist sie nicht mehr alleine. Von nun an wird einer für ihre Sicherheit und Gerechtigkeit sorgen. Schon sehr bald! Cosette fühlt sich wie neugeboren. Sie kann ihr Glück noch nicht fassen:

Sie empfand keine Müdigkeit mehr. Ab und zu blickte sie zu diesem Mann mit unsäglicher Ruhe und hingegeben empor. Nie hatte man sie gelehrt, sich an die göttliche Vorsehung zu wenden und zu beten. Aber sie fühlte in sich etwas wie Hoffnung und Freude, etwas, was zum Himmel aufflog.“ (Ebd.)

So fühlt es sich an, wenn ein Mensch uns rettet. Unsere Seele möchte zum Himmel fliegen. Was eben noch so schwer und kaum zu bewältigen war, wiegt auf einmal weniger als Luft. Größte Verzweiflung verwandelt sich in tiefsten Frieden. Ein Licht vertreibt unsere Finsternis.

Der freundliche Mann verfällt auf dem Weg ins Dorf in „ein düsteres Schweigen“ (aaO., 469). Er brütet etwas aus. Aber nicht etwa gegen die kleine Cosette. Ganz im Gegenteil. Seine Sinne beschäftigen sich nur mit dem einen Gedanken: Sie für immer aus den boshaften und gierigen Fängen ihrer Stiefeltern, der Thénardiers, zu befreien. Der große Mann ist kein anderer als die Hauptfigur dieses großartigen Romans: der ehemalige, unschuldig gefangengesetzte und immer noch verfolgte Sträfling – Jean Valjean! Über ihn wird an anderer Stelle noch mehr zu erzählen sein. Doch dazu ein anderes Mal 🙂

Literatur:
  • Victor Hugo: Die Elenden. Les Misérables. Aus dem Französischen übertragen von Paul Wiegler und Wolfgang Günther (frz. Originalausgabe von 1862: Les Misérables) (Paris 1951 / Düsseldorf und Zürich 1998 / Düsseldorf 2006; 1.745 S.).
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