9. März: Allein in der Dunkelheit (Teil 6) – Von zwei Augenpaaren aus einer verborgenen Welt

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(Fortsetzung vom 3. März 2014)

Cosette ist wieder der Furcht verfallen. Zweimal zählt sie ruhig bis zehn. Währenddessen fängt sich das achtjährige Mädchen wieder kurz – inmitten des Waldes, inmitten der Finsternis, inmitten der Einsamkeit, der Kälte und aller unheimlichen Geräusche. Doch als sie sich aus dem kalten Gras erheben möchte, steigt die Macht der Furcht wieder in ihr auf. Es könnte einem das Herz zerbrechen … Sie möchte einfach nur noch wegrennen – weglaufen vor allem:

Sie hatte nur noch den einen Gedanken: zu fliehen, aus Leibeskräften zu fliehen, durch den Wald, über die Felder, bis zu den Häusern, zu den Fenstern, den angezündeten Kerzen.“ (Victor Hugo, Les Misérables, S. 460)

Wegrennen, nichts als wegrennen. Flüchten – und alles hinter sich lassen. Nicht nach links schauen und nicht nach rechts. Sich nicht mehr umdrehen, sondern einfach nur rennen. Das möchte Cosette in diesem Augenblick. Aber sie kann nicht. Sie kann sich nicht überwinden. Denn etwas noch bindet sie an diesen Ort im Wald – der Auftrag der gnadenlosen und gehässigen Stiefmutter, mit dem sie an diesen finstern Ort gekommen ist:

Ihr Blick traf den Eimer vor ihr. So groß war das Bangen, das die Thénardier in ihr erregte, daß sie nicht ohne Wassereimer zu fliehen wagte. Beide Hände legte sie um den Henkel. Nur mühsam konnte sie den Eimer heben.“ (Ebd.)

Es hilft alles nichts. Sie kann einfach nicht wegrennen – ohne den Eimer. Käme sie ohne Eimer zurück, so wartete die Hölle auf Erden auf sie. Cosettes Kinderherz ist noch jung und schwach. Der mächtigen Stiefmutter zu widerstehen – unmöglich. Ihr zu entkommen – genauso unmöglich. Wohin sollte sie fliehen? Wer nähme sie auf? Wem könnte sie vertrauen? Wer würde sich ihrer annehmen? Wo könnte sie ihr Haupt sicher hinlegen? Nein, dann lieber zurück in die Höhle des Löwen. Besser wenigstens diese bekannte Höhle als gar keine auf Erden. Also nimmt das Mädchen alle seine Kräfte zusammen, packt den vollen Wassereimer und setzte sich mit ihm in Bewegung:

So machte sie etwa ein Dutzend Schritte, aber der Eimer war voll, er war schwer, sie war genötigt, ihn wieder hinzustellen. Einen Moment holte sie Atem, dann erfaßte sie den Henkel wieder und ging, diesmal ein wenig länger. Aber wieder mußte sie stillstehen. Nach ein paar Sekunden ging sie weiter. Sie ging nach vorn gebückt, mit gesenktem Kopf, wie eine Alte. Das Gewicht des Eimers spannte ihre schwachen Arme und ließ sie steif werden. Von dem eisernen Henkel wurden ihre kleinen, nassen Hände ganz klamm und frostig. Von Zeit zu Zeit mußte sie anhalten, und sooft sie anhielt, troff das kalte Wasser, das aus dem Eimer überlief, auf ihre nackten Beine.“ (AaO., 460f.)

Ein bemitleidenswerter Anblick. So gerne hätte ich ihr geholfen. Aber ich bin nur ein Leser dieser Geschichte, und nicht eine Figur mittendrin. So muss sich Cosette ganz alleine mit dem Wassereimer (der sicher über 10 kg wiegt) abkämpfen. Sie gibt sich alle Mühe dieser Welt. Aber sie muss immer wieder eine kurze Pause einlegen. Ihre Ärmchen verlieren immer mehr an Kraft. Sie mag sie und die eigenen eisigen Hände kaum noch spüren. Aber der Weg ist noch so unglaublich weit. Wie soll sie das meistern? Wie lange wird sie sich noch abschleppen müssen? Wo ist eine Seele, die ihr zur Hilfe eilen könnte – an diesen einsamen und verlassenen Ort?

Das geschah im Innern eines Waldes, im Winter, fern jedem menschlichen Auge. Es war ein achtjähriges Kind. Niemand sah den traurigen Hergang als Gott. Und zweifellos ihre Mutter, ach! Denn es gibt Dinge, die die Toten in ihrem Grab die Augen öffnen lassen.“ (AaO., 461)

Zwei Augenpaare – so der Erzähler Victor Hugo – sind dennoch fest auf sie gerichtet: Das Augenpaar ihres Schöpfers – und das Augenpaar ihrer bereits verstorbenen, leiblichen Mutter. Beide sehen auf sie aus einer anderen Welt. Doch tröstet es den Leser schon. Denn ganz alleine erscheint dieses Kind nun nicht mehr. Solcher Schmerz kann auch der verborgenen Welt nicht verborgen bleiben. Er lässt sogar ihre eigene Mutter kurzzeitig auferstehen. Dass Cosette nun doch nicht ganz und gar verloren ist, lässt die hier Lesenden hoffen. Noch kämpft die am Leben Verzweifelnde mit ihrem schlimmen Schicksal und mit ihrer unbändigen Angst:

Sie atmete mit einem schmerzlichen Ächzen. Schluchzen preßte ihr die Kehle zusammen, aber zu weinen wagte sie nicht, so groß war ihre Furcht vor der Thénardier, selbst in der Ferne. Sie war gewohnt, immer zu wähnen, die Thénardier sei da.“ (Ebd.)

Aber wir dürfen Hoffnung haben. Weder die Angst noch die böse Thénardier werden in dieser Geschichte das letzte Wort sprechen. Weder die Verzweiflung noch die Erschöpfung werden den Schlusspunkt setzen. Das letzte Wort wird hier ein anderer sprechen. Und dieses mit Mut, mit Herz und mit unbändiger Liebe. Doch dazu mehr im abschließenden 7. Teil. Lasst euch überraschen!

(Fortsetzung folgt!)

Literatur:

  • Victor Hugo: Die Elenden. Les Misérables. Aus dem Französischen übertragen von Paul Wiegler und Wolfgang Günther (frz. Originalausgabe von 1862: Les Misérables) (Paris 1951 / Düsseldorf und Zürich 1998 / Düsseldorf 2006; 1.745 S.).

 

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