6. März: Massentierhaltung (Teil 2) – Warum wir bei Haustieren und Schlachttieren so unterschiedlich empfinden

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Glückliche und freie Zebras in der Ganab-Ebene / Namibia – Foto: Konny von Schmettau (2014)

(Fortsetzung von gestern)

Wie kommt es also dazu, dass so viele von uns in Deutschland anscheinend so schizophren (d.h. bewusstseinsgespalten) empfinden? Folgende mögliche Gründe sind mir bisher dazu eingefallen:

Mögliche Gründe für unser unterschiedliches Empfinden zwischen Haustieren und Schlachttieren:
  • 1. Zu unseren Haustieren haben wir eine persönliche Beziehung – zu Schlachttieren (meistens) nicht (unseren Haustieren geben wir persönliche Namen!).
  • 2. Tiere aus Massentierhaltungen bekommen wir in der Regel kaum oder gar nicht zu Gesicht.
  • 3. Fleisch und Wurst von Schlachttieren wird uns in den Metzgereien und Discountern nur schön portioniert und abgepackt präsentiert. Das heißt: Wir erkennen in diesen Produkten in der Regel kaum mehr das ehemalige Lebewesen wieder.
  • 4. Fast alle in Deutschland kaufen und essen Tiere aus Massentierhaltungen. Wir kennen kaum etwas anderes. Wir sind mit dieser ‚Gewohnheit‘, mit dieser ‚Lebensart‘ einfach groß geworden. Auch ich. Wissenschaftlich sagt man: Wir sind so konditioniert, also in dieser Lebensart so geformt, angepasst und getrimmt.

In diesem Zusammenhang vielen Dank für den Kommentar einer Leserin meines 1. Teils von gestern! Sie schrieb (vgl. meinen möglichen Grund Nr. 3):

Denke, ein Grund dafür ist, dass wir den Bezug verloren haben. Wo liegt schon mal ’ne halbe Sau in der Theke, oder ein frisches Hähnchen? Alles fein portioniert, so dass man kaum erahnen kann, woher dieses Stück stammt. Ganz auf Fleisch verzichten würde ich nicht, allerdings versuche ich, Eier und Fleisch von ‚glücklichen Tieren‘ und in Maßen zu kaufen und zu genießen.“

Genau, das wird es wohl sein: Wir haben den Bezug zu diesen Tieren verloren. Bzw.: Wir hatten eigentlich noch nie einen Bezug zu ihnen. Und deswegen schmerzt uns deren Qual, Leiden und Tod auch nicht so großartig (auch mich nicht bis noch vor ein paar Jahren).

Und: Wir Menschen (vielleicht besonders wir Deutschen) verhalten uns wie Herdentiere. Wir lieben es, in der großen Masse unterzugehen und von der großen Masse geschützt zu werden (ausgenommen die 0,5 % Einzelgänger in unserer Gesellschaft). Wir passen uns sehr gerne an den Mainstream der Gesellschaft an – um nicht negativ aufzufallen. Was (fast) alle machen, kann so falsch wohl nicht sein. Und was (fast) alle machen, möchten wir natürlich mitmachen – um den Anschluss an die Mehrheit nicht zu verlieren.

Bedenke ich also die benannten Gründe von oben, so folgere ich: Was das Phänomen der Massentierhaltung betrifft, sind wir weniger Täter als vielmehr Opfer. Opfer nämlich von den eingeprägten und angelernten Lebens- und Essgewohnheiten unserer Zeit. Mehr Verantwortung tragen hier allerdings die Betreiber der großen Massentierfarmen, die Manager der Agrar- und Fleischindustrie sowie die Besitzer der riesigen Schlachthöfe. Denn sie forcieren diese ganze mörderische Massenzucht, Fließbandtötung und Fleischverarbeitung. Allerdings möchte ich auch hier nicht alle zu ‚bösen‘ Menschen erklären, denn:

  • 1. Manche mögen hier in ein großes Familienunternehmen hineingeboren sein und einfach nichts anderes kennen.
  • 2. Manche müssen einfach irgendwie Geld verdienen und haben hier endlich für sich eine Lösung finden können.
  • 3. Manche wollen vielleicht lieber einen kleinen Bio-Bauernhof führen. Aber weil ein solcher finanziell kaum Gewinn abwerfen würde, sehen sie sich gezwungen, große Mastanlagen zu bauen und zu betreiben.
  • 4. Die Konkurrenz auf dem Markt ist so gewaltig, dass eine freundliche und faire Zucht von Tieren finanziell einfach nicht machbar ist.

Also auch hier eher tragische anstatt böser Gründe. Vielleicht würden die meisten Massentierzucht- und Masttierbetriebe ihren Tieren sofort freundlichere Lebensbedingungen ermöglichen – wenn es denn finanziell machbar und rentabel wäre. Das wäre aber sicher nur dann möglich, wenn wir als Verbraucher auch dazu bereit wären, höhere Preise für Tierprodukte zu zahlen.

Kommen wir noch einmal zurück auf den tollen Beitrag von Christian Brenner aus der Zeitschrift „EiNS“. Er berichtet von einem engen Freund und Bio-Landwirt aus seiner Nachbarschaft im Oberbergischen. Der hält auch Tiere. Allerdings bekommen die keine Medikamente, werden artgerecht gehalten, und bei der Bewirtschaftung der Felder wird auf künstlichen Dünger verzichtet. Dieser Bio-Landwirt isst – so seine Aussage – auch nur solches Fleisch, bei dem er genau weiß, woher es kommt und wie die Tiere gehalten wurden. Christian Brenner schreibt über ihn:

Er erklärt mir, warum es aus seiner Sicht falsch ist, Fleisch nach Lust und Laune zu essen. Die Mengen und Preise, zu denen in Deutschland Fleisch gegessen und verkauft werden, sind nur durch Massentierhaltung möglich. Die bringt automatisch einen Umgang mit Tieren mit sich, den er nicht verantworten kann geschweige denn unterstützen möchte. Da die meisten Restaurants sich Biofleisch aber nicht leisten können (oder wollen?), weil die Gäste nicht bereit sind die entsprechenden Preise zu zahlen, wird dort häufig auf Fleisch aus Massentierhaltung verarbeitet. Deshalb fragt er entweder bei der Bestellung nach oder isst vegetarisch.“ (in: EiNS [1/2014], S. 6)

Das hört sich sehr konsequent an! Und vor allem sehr tierfreundlich. Und das aus dem Munde eines Landwirts, der selber gar kein Vegetarier ist. Klasse! Auch Christian Brenner beeindruckt solch ein Lebensstil sehr:

Mein Eindruck: Hier lebt jemand aus Überzeugung das, was ich in der Bibel seit meiner Kindheit lese, über dessen Alltagskonsequenz ich aber nie konsequent nachgedacht habe.“ (ebd.)

Das ist es eben. Er hat nie konsequent darüber nachgedacht, weil wohl auch sonst kaum jemand in seiner Umgebung konsequent darüber nachgedacht hat. Eine ganze Gesellschaft hat geschlafen, und in Christian Brenners Fall eine ganze Kirche. Seine treffende Frage an dieser Stelle:

Warum setzen wir uns als Christen nicht mit einer solchen Haltung für Gottes Schöpfung ein?“ (ebd.)

(Fortsetzung folgt!)

Literatur:
  • Christian Brenner: Der Auftrag: Bebauen und Bewahren. Unsere Weltverantwortung und das 1. Buch Mose. Ein biografischer Zugang, in: EiNS. Gemeinsam Glauben – Miteinander Handeln“ (1/2014), S. 6f.

 

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