3. März: Allein in der Dunkelheit (Teil 5): Von einem Stierkopfwesen und einem bösen Teufelchen

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(Fortsetzung vom 1. März)

Die Arme war allein in der Dunkelheit. Sie stürzte sich in sie hinein.“ (Victor Hugo – Les Misérables, S. 456)

In meinem mehrteiligen Beitrag „Allein in der Dunkelheit – Von der bitteren Angst einer geplagten Kinderseele“ geht es um eine bewegende Episode in dem berühmten Roman „Les Misérables“ von Victor Hugo von 1862 (dt. „Die Elenden“). Rekapitulieren wir an dieser Stelle noch einmal das bisher Geschehene: Das acht Jahre alte Mädchen Cosette lebt in dem französischen Städtchen Montfermeil unter der Obhut ihre Stiefeltern, den Thénardiers. Diese nutzen das schmächtige Mädchen bis zu deren äußersten Erschöpfung als Arbeitskraft aus. Die leiblichen Kinder der Thénardiers genießen das freundlichste Kinderglück. Cosette aber fristet das Dasein einer Kindersklavin. Selbst in einer finsteren Nacht wird sie von ihren Stiefeltern zum Wasserholen in einen weiter entfernten Wald geschickt – ganz allein. Sie empfindet große Angst davor. Doch schließlich überwindet sie sich – und stürzt sich mit ihrer Furcht in die Dunkelheit der Stadt, der Wiesen und des Waldes hinein. Sie erreicht die Quelle, schöpft einen Eimer Wasser und sinkt völlig übermüdet ins Gras. Dort machen die schrecklichen und düsteren Farben des Nachthimmels, die unheimlichen Geräusche des Waldes und die eisige Atmosphäre einen furchtbaren Eindruck auf sie. Die Macht des finsteren Waldes kommt über sie:

Die Wälder sind Apokalypsen; und der leise Flügelschlag einer Seele schwillt unter ihrem unendlichen Gewölbe zum Todeskampf an.“ (aaO., S. 460)

In einem solchen seelischen Todeskampf findet sich nun die kleine Cosette wieder. Bis zu diesem Augenblick war sie noch auf das Rennen, dann auf das Wasserschöpfen konzentriert. Aber nun, wo sie so passiv im kalten Gras liegt und der Wald sie in seiner ganzen Schwärze anstarrt, kommt es über sie:

Ohne sich Rechenschaft von dem, was in ihr vorging, zu geben, fühlte Cosette sich von dieser Übergewalt der riesigen Natur ergriffen. Nicht nur Schreck bemächtigte sich ihrer, es war etwas, was schrecklicher als Erschrecken war. Sie schlotterte. Es fehlte an Worten, um die Seltsamkeit des Schauders zu schildern, der ihr eisig an den Grund des Herzens rührte. Ihr Blick war scheu geworden. Sie glaubte zu empfinden, daß vielleicht nichts sie zwingen könne, morgen um dieselbe Stunde wieder hier zu sein.“ (ebd.)

„Schrecklicher als Erschrecken“, rührt ihr die Umgebung „eisig an den Grund des Herzens“. Solche gruseligen Situationen kennen sicher alle von uns. Jeder hat sich sicher schon einmal furchtbar vor etwas gefürchtet. Auch ich erinnere mich gut an zwei schlimme Alptraumerlebnisse aus meiner Kindheit, und zwar:

1. Eine Art ‚Stierkopfwesen‘ in Jules Vernes Science-Fiction-Roman „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (von 1864; frz. „Voyage au centre de la terre“):
  • Ich weiß es heute nicht mehr genau: Habe ich damals diese Passage als Kind wirklich gelesen? Oder habe ich die entsprechende Szene in einem Film gesehen (es gibt Verfilmungen des Romans u.a. von 1959 und 1977)? Ich glaube eher zweiteres. Aber so kann das mit unserer Angst sein: Wir können uns manchmal nicht einmal mehr wirklich erinnern. Die Einzelheiten und Umstände des Ursprungserlebnisses verschwimmen in der fernen Vergangenheit. Aber an das, was da haften geblieben ist, erinnern wir uns mitunter ein Leben lang. Auch bei mir blieb damals etwas haften. Ich muss wohl so etwa 9, 10 oder 11 gewesen sein. Da traf diese Szene ziemlich tief in meine Jungenseele. Es ging um ein Forscherteam (im Roman um ein kleines Team um den Hamburger Professor Otto Lidenbrock; vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Reise_zum_Mittelpunkt_der_Erde_%28Roman%29). Dasselbe war aufgebrochen, um den Mittelpunkt der Erde zu erreichen. Um dorthin zu gelangen, mussten sie lange Höhlensysteme durchwandern. Dabei stießen sie natürlich auch auf unangenehme Überraschungen. Einmal kamen ihnen sehr unheimliche und unbekannte Geräusche entgegen (so jedenfalls in meiner Erinnerung). Und dann tauchte da in einem Höhlengang dieses Untier auf! Diese Mischung aus Stier und Mensch, ein Stier auf zwei Beinen bzw. ein Mensch mit Stierkopf! Und dazu riesengroß – in meiner Erinnerung so ca. 3 Meter hochgewachsen. Und unheimlich und gefährlich natürlich. Und diese leuchtenden Augen dieses Stierkopfes in dem finsteren Höhlengang! Es lief mir damals kalt den Rücken herunter.
  • Dieser Anblick brannte sich damals tief in meine Vorstellungswelt ein. Das ging so weit, dass dieses Biest aus dem Roman (bzw. aus dem Film) auferstand und in meiner realen Welt wiederauftauchte. Natürlich nicht real! Aber ziemlich real in meiner Vorstellungskraft. Denn abends, wenn es dämmerte und dunkel wurde, fürchtete ich plötzlich jeden Tag neu, dieses Stierkopfungeheuer könnte am Ende unseres Gartens in der Dunkelheit auftauchen. Mit seinen leuchtenden, durchdringenden boshaften Augen! Diese Vorstellung nahm an Heftigkeit zu. Das ging mit der Zeit soweit, dass ich abends immer ganz schnell in mein Zimmer huschte. Vorsichtig bewegte ich mich zum Fenster, sah aber aus Furcht gar nicht erst hinaus. Schnell ergriff ich das Band des Rollladens und ließ denselben in Windeseile herunter. Erst danach hatte ich das Gefühl der Sicherheit wiedergefunden. Diese Furcht begleitete mich über viele Monate hinweg – wenn nicht sogar über Jahre. Und diese Furcht war sehr, sehr real für mich. Ich weiß nicht, wann und wie sich diese traumatische Vorstellung wieder auflöste. Vielleicht hatte ich im Laufe der Schulzeit ganz andere Sachen im Kopf – und so verlor dieses Stierkopfwesen an Intensität in meiner abendlichen Gedankenwelt. Jedenfalls habe ich als Junge lange Zeit mit niemanden darüber gesprochen. Es war mein kleines, dunkles Geheimnis. Ich vertraute es keinem an. Vielleicht, weil es mir als Junge zu peinlich war. Heute schmunzele ich darüber. Damals aber war mir nicht zum Lachen zumute. Denn schon beim Heruntergehen in unser Kellergeschoss (wo sich das Zimmer befand) wurde mir abends mulmig. Und beim Erreichen des Flures und beim Blick durch die gläserne Außentür in den finsteren Garten hinein begannen meine Knie zu schlottern.
2. Ein kleines bissiges Teufelchen in einem Kindermärchenbuch:
  • Ein zweites Alptraumerlebnis in meiner Kindheit liegt zeitlich noch ein bisschen weiter zurück. Vielleicht war ich 5, 6 oder 7 Jahre alt. Es hängt zusammen mit einem kleinen Märchenbuch. Wir Kinder (also meine vier Geschwister und ich) hatten es wohl einmal von unseren Eltern oder Großeltern geschenkt bekommen. In diesem Büchlein (leider weiß ich den Titel nicht mehr) spielte auch ein kleines Teufelchen eine Rolle. Das Buch enthielt viele bunte Illustrationen, und auch dieses kleine Unwesen war darauf mehrmals abgebildet. Es war viel kleiner als ein erwachsener Mensch, ja auch kleiner als ein Kind. Wenn es stand, war es (in meiner Erinnerung) vielleicht geschätzte 30 cm groß. Also so groß wie ein kleiner Teddybär. Aber trotz seiner Winzigkeit konnte mir dieses kleine Teufelswesen Angst und Schrecken einjagen. Denn es hatte bissige und böse Augen – so wie auch das oben beschriebene Stierkopfwesen. Es trieb in einem Haus und in den Familien sein Unwesen, meist nachts. Es war klein, aber gehässig und unberechenbar. Besonders wenn alles schlief, musste man sich da auf alles gefasst machen. Es hatte Böses im Sinn. Seine Teufelshörner, die bissigen und rotglühenden Augen, die dünnen Ärmchen und Beinchen, der pralle Leib, der Teufelsschwanz, das schwarze Fell, die kleine scharfe Forke in den Händchen und dieser böse, durchtriebene Blick gruben sich in meine Kindergedankenwelt ein. Die unangenehme Vorstellung machte sich in mir breit, dass dieses Teufelchen auch in unserem Haus wohnen und nachts (wenn alle schliefen) heimlich hinter irgendeinem Schrank hervorkriechen könnte. Ohne dass es jemand wusste oder mitbekam, konnte es uns piesacken, stechen, ärgern, uns böse verzaubern, uns unsere Spielsachen stehlen, Sachen in der Küche umwerfen oder uns einfach mit seinen glühenden Augen böse beobachten und über unsere Kinderbetten steigen. Diese Vorstellung machte mir als kleinem Jungen schon zu schaffen. Sie hielt nicht so lange an. Aber solch ein kleines Märchenbuch kann schon einiges in der Seele eines Kindes anstellen.

Stierkopfwesen und kleines Teufelchen – zwei unvergessliche Alptraumerlebnisse aus meiner Kindheit. Diese zwei Wesen machten mein Leben damals für gewisse Zeit ziemlich unheimlich. Aber was Victor Hugos kleine Cosette allein im finsteren Wald erlebt, geht sicher weit darüber hinaus. Sie nutzt schließlich eine Methode, ihrer grauenhaften Bangigkeit Herr zu werden:

Instinktmäßig, um sich der sonderbaren Lähmung zu entziehen, die sie nicht verstand, die sie jedoch ängstigte, begann sie laut zu zählen, eins, zwei, drei, vier, bis zehn, und als sie damit fertig war, begann sie von neuem. Das gab ihr die wahre Aufnahme der Dinge zurück, die sie umgaben. Sie merkte, wie kalt ihre Hände waren, die sie sich, als sie Wasser schöpfte, befeuchtet hatte. Sie erhob sich. Wieder war sie der Furcht verfallen, einer natürlichen, unüberwindbaren Furcht.“ (ebd.)

Aber da ist sie schon wieder! Die Furcht. Die Angst kommt schnell zurück. Sie lässt sich kaum bezähmen. So kann sie halt sein, die Angst, sehr hartnäckig. Das Gefühl der Furcht kann ja mitunter sehr hilfreich sein. Es kann uns warnen vor wirklichen Gefahren und uns die Kraft geben, rechtzeitig zu flüchten oder uns zu wehren. Aber es gibt eben auch die Ängste, die uns nicht mehr helfen, weil sie uns vor imaginären (also unwirklichen) Gefahren warnen. Setzen diese sich in uns fest, können sie unsere Psyche ganz schön durcheinanderbringen. Vielleicht können euch heute drei Fragen helfen, einmal über die Angsterfahrungen in eurer eigenen Kindheit nachzudenken. Vielleicht können sie euch auf eurem persönlichen Wege weiterhelfen.

Drei Fragen zu möglichen Angsterfahrungen in meiner Kindheit:
  • 1. Welche Erfahrungen oder Vorstellungen haben mir in meiner Kindheit Angst gemacht?
  • 2. Gab es jemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte (Eltern, Großeltern, Geschwister, Freunde)?
  • 3. Kann ich heute darüber schmunzeln? Oder verfolgen mich diese Angstvorstellungen immer noch?

Die Geschichte von Cosette ist immer noch nicht zu Ende. Wie sich ihr Rückweg ins Dorf Montfermeil gestaltet, erfahrt ihr im folgenden Teil 6 – Fortsetzung folgt!

Literatur:
  • Victor Hugo: Die Elenden. Les Misérables. Aus dem Französischen übertragen von Paul Wiegler und Wolfgang Günther (frz. Originalausgabe von 1862: Les Misérables) (Paris 1951 / Düsseldorf und Zürich 1998 / Düsseldorf 2006; 1.745 S.).

 

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3 Antworten zu 3. März: Allein in der Dunkelheit (Teil 5): Von einem Stierkopfwesen und einem bösen Teufelchen

  1. kathi84 schreibt:

    Vielen Dank für Deine ganz persönlichen Angsterlebnisse. Ich denke jeder kann Deine und Cosettes Ängste nachvollziehen und jeder hatte sein eigenes Ungeheuer im Wandschrank. Bei mir war es ein Krokodil, dass unter dem Stockbett des nachts sein Unwesen trieb und nach unseren kleinen Füßen schnappen wollte, wenn ich oder meine Schwester aus dem Bett stiegen. Woher diese Vorstellung kam, weiß ich bis heute nicht, aber meine Schwester und ich waren uns hierbei einig. Heute kann ich darüber herzhaft lachen!

    • mwehrstedt schreibt:

      Super! Das tröstet mich ja, dass auch andere solche kleinen ‚Horrorgeschichten‘ aus ihrer Kindheitswelt kennen. Vielleicht gehört das einfach zu einer ‚gesunden‘ Persönlichkeitsentwicklung mit dazu. Habt ihr denn das Krokodil jemals einfangen können? 😉

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