1. März: Allein in der Dunkelheit (Teil 4) – Von der Bedrohung durch psychische Geisterwelten

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(Fortsetzung vom 27. Februar)

Die zierliche Cosette sinkt erschöpft ins Gras. Mit ihren schmalen, kleinen Ärmchen hat sie den großen Eimer mit Wasser aus dem Quellbecken gewuchtet. Zuvor war sie kilometerweit durch Dorf, Wiesen und finsteren Wald gerannt. Nun ist die Kleine mit ihren Kräften am Ende. Sie möchte eigentlich aufstehen und sofort wieder aufbrechen. Aber sie kann nicht anders, als sich vor Müdigkeit fallen zu lassen. Die Anstrengungen fordern ihren Tribut. Das Mädchen ruht im Gras, um zu verschnaufen. Das ist der Augenblick, wo sie der dunklen Mächte des Waldhimmels gewahr wird:

Sie schloß die Augen und öffnete sie wieder, ohne zu wissen warum, unwillkürlich. Das Wasser, das in dem Eimer neben ihr schwankte, zog Kreise, die Schlangen von weißem Feuer glichen. Der Himmel über ihrem Kopf war mit unförmigen schwarzen Wolken bedeckt, die wie Rauchwände aussahen. Es war, als schwebe die tragische Maske des Schattenreichs in unfaßbaren Konturen auf das Kind hernieder.“ (S. 458)

Die Kinderaugen öffnen sich – und erblicken Furchtbares. Wer schon einmal nachts spazieren gegangen ist, wird diese schaurigen Bilder kennen, wenn Mond oder Sterne halb hinter düster ziehenden Wolkenfetzen verschwinden und plötzlich wieder auftauchen. Diese Schatten, diese finsteren, nur hier und da sichtbar werdenden Wolkenfratzen können einem einen gehörigen Schauer den Rücken hinunterjagen. Es ist, als fühle man sich von ständig neuen Kreaturen am Himmel bedroht, umgeben und umschlungen. Der helle Planet Jupiter spielt der wie gelähmt daliegenden Cosette ein besonders böses Spiel:

Im Schoß der Tiefe ging Jupiter unter. Das Kind sah verstört das große Gestirn, das ihm fremd war und vor dem es sich fürchtete. Der Planet war jetzt sehr nahe dem Horizont, und durchquerte eine dichte Dunstschicht, die ihm eine grausige Röte verlieh. Dieser Nebel in seiner dunklen Purpurfarbe verbreiterte das Gestirn. Das Bild ähnelte einer glühenden Wunde.“ (S. 458f.)

Die arme Cosette. So ganz allein steht sie in dieser nächtlichen Stunde mächtigen Gestirnen gegenüber. Sogar der Himmel scheint sich gegen sie verschworen zu haben. Aber noch erschreckender sind die Schattenspiele am Boden. Cosette findet sich in keiner freundlichen lauen Sommernacht wieder. Ganz im Gegenteil: Eine bissige, kühle Brise durchweht die unbelaubten und kargen Bäumen, Büsche und Halme:

Kalter Wind wehte von der Ebene. Der Wald lag dunkel, ohne ein Raunen der Blätter, ohne den verschwimmenden, kühlen Schein von Sommerabenden. Große Äste stachen drohend hervor. Karges, mißgestaltetes Gestrüpp raschelte auf den Lichtungen. Die hohen Halme erzitterten unter dem Sturm wie Aale. Die Dornen wanden sich wie lange, mit Klauen bewaffnete Arme, die Beute zu packen suchten. Dürres Heidekraut, vom Wind losgerissen und gejagt, flog vorbei, als fliehe es gehetzt vor etwas, was da herankam. Nach allen Seiten hin erstreckten sich die düsteren Weiten.“ (S. 459)

Oh, wie unheimlich! Schon beim Lesen gefriert einem da das Blut in den Adern. Und wie mag es erst diesem achtjährigen Mädchen ergangen sein?! Der ganze Wald scheint zu einem geisterhaften Leben erwacht zu sein. Jeder Halm, jedes Ästchen hat plötzlich ein Eigenleben bekommen. Schattenhafte Gestalten, windbewegte Kreaturen, herumjagende Geisterfiguren! Cosette findet sich umgeben von einem nächtlichen Gruselkabinett. Schein und Wirklichkeit sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Garstige Klauen bewegen sich auf die Kleine zu und scheinen sie düster greifen zu wollen. Was für ein Kindergrauen! Aber auch ich als Erwachsener fürchte diese lichtlose Bedrohung. Wer wandert schon gerne nachts allein in ein finster daliegendes Waldgebiet hinein?

Die Dunkelheit ist schwindelerregend. Der Mensch braucht Helle. Wer immer auch in das Gegenteil von Licht eindringt, dem wird beklommen zumute. Wenn das Auge ins Dunkel blickt, verwirrt sich der Geist. In der Finsternis, in der Nacht, in der rußschwarzen Undurchsichtigkeit überkommt jeden Unruhe, selbst den Stärksten. Niemand geht allein nachts ohne Zittern durch den Wald.“ (ebd.)

Wo kommt das her? Dieses Fürchten? Diese Urangst vor der Finsternis? Dieses Zittern vor der Schwärze der Nacht? Wir Menschen suchen Sicherheit. Unser Augenlicht hilft uns dabei, uns der Gefahrlosigkeit unserer Umgebung zu versichern. Aber wo unsere optischen Möglichkeiten begrenzt sind, machen wir uns verletzlich. Wir werden angreifbar. Wir haben die Situation nicht mehr richtig im Griff. Wir können nicht mehr genau wahrnehmen, was da im Dunkel auf uns zukommen mag. Wir durchschauen unsere Lage nicht mehr. Wir sehen uns bedroht. Wir können einen möglichen Feind nicht richtig orten. Und deshalb wird jede Verteidigung so gut wie undenkbar. Dieser Gedanke mag uns durch Mark und Bein gehen. Unser Leben ist in Gefahr. Alles in uns ist angespannt. Alles in uns zittert. Wir suchen zu erkennen – und sehen doch überall nur ungewisse Umrisse:

Schatten und Bäume, zwei fürchterliche Dickichte. Eine trügerische Wirklichkeit erscheint in der verschwimmenden Tiefe. Das Unbegreifliche zeichnet sich, ein paar Schritte entfernt, mit gespenstischer Deutlichkeit ab. Im Raum, oder ist es im eigenen Hirn?, schwebt irgend etwas Unbestimmtes und kaum Wahrnehmbares wie die Träume von schlafenden Blumen. Schreckenerregend dräut es am Horizont. Man atmet die Ausdünstungen der großen finsteren Leere ein, man fürchtet sich und möchte sich umdrehen.“ (ebd.)

Man möchte wegschauen oder fliehen. Aber man ist umgeben und gefangen! Mitten in der Schwärze des Dunkels. Man bekommt sie, die Schwärze, nicht einfach so los. Man kann sie nicht einfach abstreifen. Es ist, als habe sie einen umzingelt. Als habe sie einen gepackt und festgehalten in ihren Fängen. Sie strömt ins eigene Herz und vermischt sich dort mit der eigenen Seele. So nimmt sie Besitz von mir. Ich atme sie ein, und sie durchströmt mein Innerstes.

Die natürliche Nacht mag auch eine hilfreiche und bezeichnende Metapher für die psychische Nacht in mir selbst sein. Es gibt diese dunklen Wälder und Schatten in fast jedem von uns. Manch einer wandert Tage, Wochen, ja manchmal Jahre durch diese seelischen Halbdunkelwelten hindurch. Es gibt Zeiten, da scheint ein Entkommen unmöglich. Überall in mir fühle ich unbestimmte Bedrohungen und unausgesprochene Ängste. Überall raschelt und knistert es in meinem seelischen Unterholz. Aber ich bin nicht in der Lage, ‚das da‘ genau zu identifizieren, was da in meiner psychischen Geisterwelt vor, hinter oder neben mir lauert. Es versetzt mich in Unruhe, manchmal sogar in Schrecken. Dieser geisterhafte, nächtliche Wald in meiner Innenwelt mag dann – bildlich gesprochen – so ausschauen, wie Victor Hugo denselben um die ängstliche Cosette herum beschreibt:

  • Die Höhlen der Nacht,
  • die wild gewordenen Dinge,
  • stumme Umrisse, die sich bei Näherkommen auflösen,
  • ungewisse Fetzen,
  • schwankendes Gebüsch,
  • fahle Pfützen,
  • das Grausige, das sich im Schaurigen spiegelt,
  • die Grabesstille,
  • denkbare unbekannte Wesen,
  • geheimnisvoll niederhängende Zweige,
  • entsetzliche Baumstümpfe,
  • lange, zitternde Grasbüschel,
  • gegen all das ist man wehrlos!“ (ebd.)

Ich fühle mit all den Menschen, die sich solchen psychischen Bedrängnissen häufig ausgesetzt sehen. So kann das eigene Erleben zu einer dauerhaften Qual werden – sowohl für einen Erwachsenen als auch für ein Kind:

Keine Kühnheit, die nicht erschauert und es nicht mit der Angst zu tun bekommt. Man spürt etwas Gräßliches, als ob sich die Seele mit dem Dunkel vermischte. Diese in ein Kind eindringende Finsternis ist unsagbar traurig.“ (ebd.)

Dabei wäre es so befreiend, wenn einfach plötzlich am inneren Horizont die Sonne aufginge und der Nacht alle ihre Macht nähme. Schon verschwänden alle diese ungewissen und schaurigen Gedankenfetzen, Angstgebüsche, Baumstümpfe der Furcht und Sorgenwesen. Ein bisschen Rascheln und Knistern in der Psyche machte uns kaum mehr Angst – weil wir ja dann wirklich sähen und verstünden, dass es nur unsere eigenen Hirngespinste waren, die uns da so in Unruhe versetzten.

Ich fühle auch mit Cosette und all den verängstigten Kindern dieser Welt. Aus meinem eigenen Kindererleben steht mir noch vor Augen, wie groß eine Furcht auf ein Kind einwirken kann. Dann mögen auch gut gemeinte Worte von Erwachsenen nicht immer etwas verändern. Aber davon im nächsten Teil mehr.

Die Geschichte von Cosette ist immer noch nicht zu Ende. Wie es mit ihr und ihrer heftigen Angst an der Waldquelle weitergeht, erfahrt ihr im folgenden Teil 5 – Fortsetzung folgt!

Literatur:
  • Victor Hugo: Die Elenden. Les Misérables. Aus dem Französischen übertragen von Paul Wiegler und Wolfgang Günther (frz. Originalausgabe von 1862: Les Misérables) (Paris 1951 / Düsseldorf und Zürich 1998 / Düsseldorf 2006; 1.745 S.).

 

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