27. Februar: Allein in der Dunkelheit (Teil 3) – Von der bitteren Müdigkeit einer erschöpften Kinderseele (Kinderarbeit)

Bild

(Fortsetzung von gestern)

Sie hatte Lust zu weinen! Wie ein Hund vor die Tür gejagt, muss die Kleine – verfolgt von Angst und Schrecken – nachts aus einer fernen Waldquelle einen Eimer Wasser herbeischaffen. Sie hatte allen ihren Mut zusammengefasst. Und dann war sie losgerannt. Mitten hinein in das beängstigende Dunkel außerhalb der Stadt. Über die Felder. Bis hinein in den schrecklich schwarzen Wald. Ganz allein und völlig außer Atem findet sie sich wieder in den Fängen dieser unheimlichen gespenstischen Welt:

Der nächtliche Schauer des Waldes hüllte sie völlig ein. Sie dachte nicht mehr, sie erkannte nichts mehr. Die grenzenlose Nacht bedrohte das kleine Wesen, auf der einen Seite der unendliche Schatten, auf der anderen ein Atom.“ (S. 457)

Wie eine riesige unbezwingbare Krake umschlingen die Schatten des gruseligen Waldes die Seele des kleinen Mädchens. Sie ist ein Nichts an diesem finsteren Ort. Nicht mehr als nur ein Atom, umgeben von mächtigen Baumriesen und Waldgeistern. Sie überwindet sich mit aller Kraft. Sie taucht ein in diese unberechenbare Welt, immer nur eines im Sinn: Nur schnell den Weg finden, die Waldquelle erreichen, Wasser schöpfen und flüchten. Sehr weit bis zur Quelle ist es nicht:

Vom Waldrand bis zur Quelle war es nur ein Weg von sieben bis acht Minuten. Cosette war mit ihm vertraut, sie hatte ihn täglich mehrmals gemacht. Seltsam, sie verirrte sich nicht. Der Rest eines Instinkts leitete sie von ungefähr. Sie schweifte jedoch mit den Augen nicht ab, aus Furcht, in den Zweigen und im Gebüsch Unheimliches zu entdecken. So gelangte sie an die Quelle.“ (S. 457f.)

Wie gut sich das Mädchen auskennt! Und wie beherzt sie ihren Weg alleine findet! Bewunderswert. Manch ein Erwachsener hätte sich sicher in der undurchdringlichen Nacht im Walde verlaufen. Ihren Tunnelblick wird jeder verstehen können. Bloß nicht nach links oder rechts schauen. Dort könnte Unheimliches warten. Gefährliche, leuchtende Augenpaare könnten einen anstarren. Oder ein Fauchen mochte aus dem Unterholz kommen. Cosette möchte von alledem nichts erhaschen, nichts mitbekommen. So erreicht sie mit pochendem Herzen endlich die ersehnte Quelle. Sie ist ihr wohlbekannt:

Es war ein natürlicher Zuber, den das Wasser in tonhaltige Erde gehöhlt hatte, etwa zwei Fuß tief, von Moos und jenen großen, waffelförmig gepreßten Blättern umwachsen, die man Halskrause Heinrichs IV. nennt, und mit einigen wuchtigen Steinen ausgepflastert. Ein Bach entfloß der Quelle mit ruhigem Plätschern.“ (S. 458)

Nur etwa 60 cm tief ist also das natürliche Becken, das durch die Quelle entstanden ist. In der Stille der Nacht ist nur das leise Gurgeln und Plätschern des davonrinnenden Baches zu hören. Nun gilt es, schnell den mitgebrachten Eimer mit dem Quellwasser zu füllen:

Cosette ließ sich nicht die Zeit, nach Atem zu ringen. Es war sehr dunkel, aber hierherzukommen, war sie gewohnt. Mit der linken Hand suchte sie in der Finsternis eine über die Quelle geneigte junge Eiche, die ihr meist als Stütze diente. Sie erwischte einen Ast, hängte sich daran, beugte sich hinab und tauchte den Eimer ins Wasser. Sie durchlebte einen so drangvollen Augenblick, daß ihre Kräfte sich verdreifachten.“ (S. 458)

Was ist doch alles möglich, wenn jemand von unbändiger Angst getrieben wird! Die schmächtige Cosette wächst über sich hinaus und wuchtet den überschweren Wassereimer mit allen ihren Kräften aus dem Quellwasserbecken. Dabei allerdings geschieht ihr ein folgenschweres Missgeschick:

Während sie sich bückte, achtete sie nicht darauf, daß ihre Schürzentasche sich in die Quelle entleerte. Die Münze zu fünfzehn Sous fiel in das Wasser. Cosette sah und hörte sie nicht fallen.“ (S. 458)

Hätte Cosette sie fallen hören, wäre sie unglaublich aufgeschreckt! Denn dieses 15-Sous-Stück hatte ihr die garstige Stiefmutter mit den garstigen Worten „Da, Fräulein Kröte“ anvertraut (S. 454). Damit sollte die Kleine auf dem Rückweg beim Bäcker noch ein großes Brot besorgen. Aber Cosette ist so um das Wasserschöpfen bemüht, dass sie die fallende Münzen überhört. Und so ist dieselbe verloren. Cosette aber mobilisiert ihre letzten Kräfte:

Sie zog den Eimer nahezu voll heraus und stellte ihn in das Gras. Dann spürte sie, daß sie vor Müdigkeit erschöpft war. Gern wäre sie gleich wieder aufgebrochen. Aber die Mühe, den Eimer zu füllen, war so groß gewesen, daß sie nicht fähig war, einen Schritt zu tun. Sie mußte sich setzen. Sie ließ sich fallen und kauerte sich in das Gras.“ (S. 458)

Was für eine bemitleidenswerte Szene! Man möchte die müde und erschöpfte Seele trösten. Doch als Lesender dieser Zeilen komme ich nicht in diese Geschichte hinein. Ich kann nur von außen zuschauen, mitleiden, trauern und mir das ganze Leid zu Herzen gehen lassen.

Diese Story um Cosette ist nur erdacht. Aber es gibt Millionen von realen Cosette-Geschichten. Kinderarbeit ist weltweit sehr verbreitet. Gemäß der Verlautbarungen von UNICEF sollen es aktuell 190,7 Millionen arbeitende Kinder zwischen 5 und 14 Jahren auf unserem Planeten geben. Das sind 56 mal alle Einwohner von Berlin – nur arbeitende Kinder! Kaum vorstellbar. Diese vielen Minderjährigen schuften in der Landwirtschaft, in Werkstätten, Steinbrüchen, in der Tourismusbranche, als Straßenverkäufer, Dienstmädchen und Prostituierte. Allein etwa eine Millionen Kinder sollen derzeit weltweit zu sexuellen Zwecken ausgebeutet werden. Das entspricht 10.000 Kitas mit jeweils 100 Kindern. Zehntausend Kitas! Unvorstellbar! Kinderarbeit verteilt sich geographisch aktuell auf folgender Teile der Welt (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderarbeit – abgerufen am 27.02.14):

  • Asien und Pazifik: 122,3 Millionen
  • Afrika südlich der Sahara: 49,3 Millionen
  • Lateinamerika und Karibik: 5,7 Millionen
  • Sonstige Regionen: 13,4 Millionen

So weist uns die Geschichte von Victor Hugo von 1862 auf ein Problem hin, das auch heute – 152 Jahre später – nichts von seiner Aktualität verloren hat. Ich finde, wir sollten alles tun, um diesen Kindern beizustehen, sie zu befreien und ihnen ein würdiges und lebensfreundliches Dasein zu ermöglichen. Wir sollten sie so behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten.

Die Geschichte von Cosette ist noch nicht zu Ende. Wie es mit ihr an der Waldquelle weitergeht, erfahrt ihr im folgenden Teil 4 – Fortsetzung folgt!

Literatur:
  • Victor Hugo: Die Elenden. Les Misérables. Aus dem Französischen übertragen von Paul Wiegler und Wolfgang Günther (frz. Originalausgabe von 1862: Les Misérables) (Paris 1951 / Düsseldorf und Zürich 1998 / Düsseldorf 2006; 1.745 S.).

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ermutigung, Familie, Protest abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s