25. Februar: Allein in der Dunkelheit (Teil 1) – Von der kleinen Cosette in Victor Hugos „Les Misérables“

DSCI0249Je weiter sie kam, desto dichter wurde die Finsternis.“ (Victor Hugo)

Begeben wir uns heute an die Seite der kleinen, ängstlichen Cosette. Nach zwei intensiven und herzhaften Beiträgen zur „Sozialkompetenz eines WG-Bewohners“ (vom 21. und 24. Februar) wende ich mich heute einem anderen emotionsgeladenen Thema zu: Der herzzerreißenden Angst eines gedemütigten Kindes!

Schon einmal hatte ich hier in meinem Blog den tiefen Schmerz eines Mädchens zum Thema gemacht: den Schmerz der kleinen Esmeralda. Dieses hübsche und lebenslustige Zigeunermädchen war tief und unverschuldet in ihr Unglück hinabgestürzt und im Kerker eines Pariser Gefängnisses gelandet (vgl. meinen Beitrag „Sieben Lichtstrahlen für alle kleinen Esmeraldas dieser Welt“ vom 30. Januar 2014). Ihre traurige Geschichte ist Teil von Victor Hugos weltbekanntem Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ (von 1831; frz. Orginalausgabe: „Notre-Dame von Paris“). 31 Jahre später (nämlich 1862) bringt dieser große französische Schriftsteller – ein Meister des emotionalen Erzählens – einen weiteren Bestseller heraus: „Les Misérables“ – oder auf Deutsch: „Die Elenden“ (Literaturangabe siehe unten). Auch hier beschreibt er das Schicksal eines armen, gepeinigten Mädchens: das Schicksal der kleinen 8-jährigen Cosette. Als ich die entsprechenden Passagen im Jahr 2007 zum ersten Mal las, verschlug es mir die Sprache, so sehr ging mir das Leid dieses armen Mädchens unter die Haut. Heute möchte ich euch kurz von Cosette und ihrer schrecklichen Angst erzählen. Vielleicht findet ihr euch wieder in dieser zarten, verängstigten Kinderseele. Und vielleicht geht ihr am Ende mit neuem Mut aus dieser berührenden Geschichte hervor.

Wenden wir uns heute also der kleinen, verstörten Cosette zu. Täglich geschunden von ihren Stiefeltern – den Thénardiers – und zur Arbeit gezwungen, fristet sie ein beklagenswertes Dasein. Ihre beiden Stiefschwestern Popine und Zelma werden wie kleine Prinzessinnen behandelt. Sie besitzen die schönsten Puppen, werden wunderschön gekleidet und dürfen sich den ganzen Tag lang amüsieren (vgl. S. 468f.). Die schmächtige Cosette aber muss von früh morgens bis spät in die Nacht schuften, das Gasthaus säubern, in der Küche helfen, die Wünsche der Gäste befriedigen. Sie wird wie eine Haussklavin gehalten, bekommt wenig zu essen und durchleidet nicht selten die Prügeleien und Beschimpfungen ihrer boshaften Stiefeltern. Gedemütigt wie ein kleines Aschenputtel, fürchtet sie aber eines fast noch mehr als ihre Peiniger: Die Finsternis des Waldes! Kein Wunder. Welches 8-jährige Mädchen möchte schon nachts ganz alleine und ohne jegliche Begleitung und Beleuchtung durch einen unheimlichen Wald marschieren? Ein Alptraum für eine Kinderseele. Aber genau das verlangen die Thénardiers von der zartbesaiteten Cosette. Es ist kein Wasser mehr im Haus vorhanden, und das Pferd eines Gastes ist durstig von der Reise. Also wird Cosette mitten in der Nacht zum Wasserholen gezwungen – von einer Wasserquelle, die außerhalb der Ortschaft mitten in einem dunklen Wald liegt. Sie windet sich. Sie versucht, sich zu verstecken und diesem höllischen Auftrag zu entkommen. Aber all das hilft nichts. Sie wird gefunden und unter den schlimmsten Androhungen aus dem Haus in die Nacht gejagt, ganz alleine. So macht sie sich voller Furcht auf ihren Weg, zuerst durch das Dorf hindurch:

Da das Gasthaus Thénadier in dem Teil des Dorfes lag, der die Kirche umrahmte, mußte Cosette Wasser aus der Waldquelle nach Chelles schöpfen. Sie sah nach keiner Auslage eines Händlers mehr hin. Solange sie in der Bäckergasse und in der Umgebung der Kirche war, erhellten die illuminierten Buden den Weg, aber bald verschwand der letzte Lichtschein der letzten Baracke. Die Arme war allein in der Dunkelheit. Sie stürzte sich in sie hinein. Nur ließ sie, da sich ihrer wieder Angst bemächtigte, im Gehen den Henkel des Eimers möglichst laut klappern. Der Lärm leistete ihr Gesellschaft.“ (S. 456)

Die kleine Cosette, die arme. Getrieben von der Gnadenlosigkeit ihrer Stiefmutter, stürzt sie sich in die Dunkelheit hinein. Ganz allein. Mitten in der Nacht, das schmale achtjährige Mädchen. Der Krach des scheppernden Eimers ist ihr einziger Begleiter. Der einzige, der ihr geblieben ist. Voller peinvoller Angst marschiert sie hinein in die Finsternis. Sie muss alle ihre inneren Kräfte aufbringen, um sich zu überwinden …

Je weiter sie kam, desto dichter wurde die Finsternis. Niemand war mehr auf den Straßen. Immerhin begegnete sie einer Frau, die, als sie sie vorbeitappen sah, sich nach ihr umwandte, unbeweglich stehenblieb und zwischen ihren Lippen murmelte: ‚Wohin will denn das Kind? Ist das ein kleiner Werwolf?‘ Dann erkannte die Frau Cosette: ‚Ach‘, sagte sie, ‚es ist ja die Lerche.’“ (S. 456)

Die Lerche“, so wird die zerbrechliche Cosette im Dorf genannt. Sicher haben einige Bewohnerinnen und Bewohner Mitleid mit ihr. Aber wie sollte man ihr helfen? Sie den bösen Thénardiers entreißen? Nein, das würde für Mord und Totschlag sorgen. Niemals würden diese geizigen und geldgierigen Schinder dieses Mädchen freiwillig ziehen lassen. Höchstens gegen eine ungemeine Summe an Geld. Aber wer würde dieses unterernährte und schmutzige Kind für so viel Kapital freikaufen wollen? So bleibt Cosette nur eines: Die Gefangenschaft und der tägliche Missbrauch in einer Welt des Zwangs und der Verachtung. Ihr bleibt nichts als eine Hölle auf Erden …

Was eine Kinderseele mitunter über Jahre zu ertragen hat:
  • 1. Grundlose Beschimpfungen durch die eigenen Erziehungsberechtigten
  • 2. Ungerechte Benachteiligungen gegenüber anderen Geschwistern oder Stiefgeschwistern
  • 3. Mangelnde Versorgung mit gesunden Lebensmitteln
  • 4. Mangelnde Beratung in Sachen ‚Hygiene‘
  • 5. Der Zwang, in schlechter oder altmodischer Kleidung herumlaufen zu müssen
  • 6. Fehlender Rückhalt, wenn die Kinder von anderen Kindern gehänselt werden
  • 7. Verweigerung von Geborgenheit, wenn den Kleinen mal nach Kuscheln zumute ist
  • 8. Mangelnde Aufmerksamkeit (die Erziehungsberechtigten zeigen kaum Interesse am Ergehen des Kindes)
  • 9. Keine Förderung der Stärken und Begabungen (die Kinderseele verkümmert)
  • 10. Fehlende Freiheit (die Kinder werden eingesperrt, gegängelt oder am Spielen mit anderen gehindert)
  • 11. Physische Strafen (Schläge, Kniffe, Ziehen an den Ohren oder Haaren, Rationierung des Essens)
  • 12. Psychische Misshandlung (Ignorierung, Gesprächsverweigerung, Vorenthalten von gesunder Nähe)
  • 13. Verbale Demütigungen („Aus Dir wird nie etwas!“ / „Du bist doch zu nichts nutze!“)
  • 14. Mangel an Wertschätzungen und Ermutigungen
  • 15. Zwang zu übermäßiger und schwerer Arbeit

Eine Kinderseele mag heftig leiden. Über Jahre hinweg. Einige von uns werden das vielleicht aus eigener Erfahrung wissen. Der Weg allein durch die Dunkelheit kann grauenhaft sein und eine Menschenseele für immer verhärten. Aber keiner von uns ist vollkommen. Wir haben alle schon die einen oder anderen Fehler gemacht. Wir brauchen immer wieder Vergebung, Barmherzigkeit und den Mut zum Neuanfang. Zum Wohl der Kinder – und zum Wohle des Kindes in uns selbst.

(Fortsetzung folgt)

Literatur:
  • Victor Hugo: Die Elenden. Les Misérables. Aus dem Französischen übertragen von Paul Wiegler und Wolfgang Günther (frz. Originalausgabe von 1862: Les Misérables) (Paris 1951 / Düsseldorf und Zürich 1998 / Düsseldorf 2006; 1.745 S.).

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