19. Februar: In Lebensgefahr – Meditationen im Angesicht des Todes (Teil 2) – Zehn Gedanken, die mir helfen können, wenn mich die Angst vor dem eigenen Tod übermannt

Bild(Fortsetzung von gestern, 18. Februar 2014)

Hector sieht das auch so – für sich und sein Leben. Auch er hat „gewiß ein viel besseres [Leben] als das der meisten Bewohner der Erde“ gelebt (S. 100). Allerdings musste er auch auf manches verzichten, z.B. auf eigene Kinder. Aber das nimmt er jetzt – in seiner lebensgefährlichen Situation – ein wenig mit schwarzem Humor:

Natürlich hatte er keine Zeit gehabt, kleine Hectors und Hectorinen in die Welt zu setzen, aber vielleicht war das auch gut so, denn jetzt wären Halbwaisen aus ihnen geworden.“ (S. 100)

Hector empfindet Angst vor dem eigenen Sterben. Aber es gibt da etwas, was noch schlimmer an seiner Seele nagt. Denn er macht sich Sorgen um die, die ihn später betrauern würden:

Die Angst vor dem Tod war also nicht das Schlimmste. Nein, was Hector unglücklich machte, war der Gedanke an die Leute, die er liebte und die ihn liebten und die er nun nicht wiedersehen würde, und die Vorstellung, wie unglücklich sie sein würden, wenn sie von seinem Tod erführen. Er dachte an Clara [seine Freundin und Geliebte] und daran, wie schlecht es ihr gehen würde, wenn sie die Nachricht erhielte, und nun kamen ihm ganz schnell hintereinander jede Menge Erinnerungen an sie: wie es war, wenn sie lachte, wenn sie weinte, wenn sie mit ihm sprach und wenn sie sich im Schlaf an ihn schmiegte. Er spürte, wie sehr er sie liebte und daß auch sie ihn liebte und daß sie wahrscheinlich viel leiden würde.“ (S. 100)

Wie schwer kann der Tod eines geliebten Menschen unsere Psyche belasten. Manchmal reichen Jahre nicht, um diesen Schmerz zu überwinden. Es ist so, als würde ein Teil von uns selbst aus uns herausgerissen. Wie verletzlich wir sind, wenn der Tod uns einen solchen Menschen nimmt …

Hector denkt auch an seine chinesische Freundin Ying Li (eine Prostituierte, mit der er eine kurze Affäre hatte), an seine Freunde Édouard und Jean-Michel und auch an seine eigenen Eltern:

Und dann dachte er an seine Eltern, und auch das war schrecklich, denn auch wenn es ziemlich oft passiert, so ist es für die Eltern doch nicht normal, wenn ihr Kind vor ihnen stirbt. Er erinnerte sich an die Mutter von Marie-Louise, die seit dem Tod ihres Mannes nie wieder richtig aufgelebt war, und er fragte sich, ob so etwas nicht mit Clara oder mit seinen Eltern passieren würde.“ (S. 100f.)

Ja, so etwas kann passieren. Kürzlich starb ganz überraschend mein 64-jähriger Cousin in Hamburg. Er war das dritte und letzte Kind, das meine Tante und mein Onkel ziehen lassen mussten. Die Zwillingsschwestern hatten ihrem Leben zuvor bereits selbst eine Ende gesetzt. Was machen Eltern hier für Gefühle und Gedanken durch? Wenn sie die, die sie einmal in jungen Jahren liebkost, aufgezogen, ernährt, gekleidet, gekuschelt, spazierengefahren und gestreichelt haben, für immer gehen lassen müssen?

Hector – in höchster Lebensgefahr – möchte nicht einfach so aus dieser Welt scheiden. Deswegen formuliert er schnell noch einige Abschiedsworte in sein Notizbüchlein, zuerst einige an seine Freundin und Geliebte:

Er begann mit ein paar Worten an Clara; er sagte ihr, wie sehr er sie liebte, aber daß sie nicht allzu lange traurig sein sollte, denn er fand, daß er ein gutes Leben gehabt hatte und daß dies zum großen Teil ihr zu verdanken war.“ (S. 101)

Auch von seinen gläubigen Eltern verabschiedet er sich:

Dann schrieb er noch ein paar Worte an seine Eltern, um ihnen zu sagen, daß die ganze Sache natürlich traurig war, aber daß er keine so große Angst hätte, und weil seine Eltern sehr fest an den lieben Gott glaubten, dachte er, diese Botschaft könnte ihnen helfen.“ (S. 101)

Längst nicht alle Menschen können heute mehr an diesen „lieben Gott“ glauben. Früher – im Mittelalter, während der Reformationszeit und noch weit ins 19. und 20. Jahrhundert hinein – setzte fast jeder West- und Osteuropäer sein Vertrauen auf den dreieinigen Gott des Christentums. Jedenfalls mehr oder weniger. Doch mit der wachsenden Säkularisierung, mit den weiter aufblühenden Forschungen und Naturwissenschaften machten auch große Zweifel an der Existenz dieses Gottes die Runde. Gutmütige und auch weniger Gutmütige kehrten den Kirchen – und zum Teil auch aller Religion – den Rücken. Damit ging für sie mitunter auch der Glaube an ein ewiges Leben (und an eine ewige Hölle) den Bach hinunter. Hectors Eltern gehören nicht dazu. Sie können und wollen noch glauben. Und dieser Glaube scheint ihnen mehr innere Ruhe zu verleihen. Was allerdings noch kein zwingendes Argument für die Wahrheit dieses Glaubens sein kann. Denn auch eine gute Dosis Morphium kann mir zu mehr innerem Frieden verhelfen. Und trotzdem beginne ich daraufhin nicht sofort an Morphium zu glauben (oder höchstens nur ein bisschen).

Hector jedenfalls glaubt nicht (mehr) an diesen „lieben Gott“. Oder er kann es zumindest nicht mehr. Dennoch lebt er kein unglückliches Leben. Wahrscheinlich hat er auch nicht viel mehr Furcht vor dem Sterben als alle Gläubigen dieser Welt auch. Dieses ungemütliche und leise psychische Zittern & Bibbern spüre ich auch manchmal. Ab und an jedenfalls – auch wenn es nur ganz, ganz tief unten in der Seele rumrumort. Dann denke ich daran, wie das ist, wenn ich mich einmal von allen meinen Familienangehörigen und Freunden trennen muss. Und wie das sein wird, wenn all diese Freunde und Wegbegleiter, die mich gern hatten, mir an meinem Sarg, meiner Urne oder an meinem Grab nachweinen. Dieser Tag kommt ziemlich gewiss. Sogar ziemlich sehr gewiss. Deswegen mag es recht praktisch und weise sein, wenn ich mich schon heute ein bisschen auf diesen Tag X vorbereite. Aus diesem Grunde habe ich mir ein paar Gedanken gemacht. Und zwar darüber, was mir vielleicht helfen kann, wenn mich manchmal die Angst vor dem eigenen Tod übermannt. Hier meine (vorläufigen) Ergebnisse:

Was mir vielleicht helfen kann, wenn mich manchmal die Angst vor dem eigenen Tod übermannt:
  • 1. Ich schaue in die Sonne und stelle mir vor: Ich gehe ins Licht und nach Hause – dahin, wo es schön hell und warm ist.
  • 2. Ich stelle mir vor: Ich nehme ein wundervolles Beruhigungsmittel und schwebe einfach sanft, erfüllt und zufrieden davon.
  • 3. Ich schaue mir Szenen aus dem Film „Stadt der Engel“ an (von 1998, mit Meg Ryan und Nicolas Cage; http://de.wikipedia.org/wiki/Stadt_der_Engel_%28Film%29) und stelle mir vor, jemand würde mich aus dieser Welt abholen und freundlich nach Hause bringen.
  • 4. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn es einen Gott gäbe, der mich ohne große Vorwürfe empfängt, mich einfach freundlich in seine Arme nimmt, mich anschaut und zu mir sagt: ‚Schön, dass Du da bist!‘
  • 5. Ich stelle mir vor, dass ich einfach für immer tief einschlafe. Eigentlich ein total toller Gedanke – es ist wie ewig lange ausschlafen, juhu! (allerdings ohne anschließendes Brunchen …)
  • 6. Ich denke daran, mir während meiner letzten Stunden noch einmal die schönsten Songs meines Lebens anzuhören (z.B. „Hells Bells“ von ACDC … hm, oder vielleicht doch besser was anderes …).
  • 7. Ich lege mein ganzes Leben – mit allen Höhen & Tiefen – bewusst in die Hände dessen, der es mir geschenkt hat – wer immer es auch sein mag.
  • 8. Ich lasse mich von den Stimmen meiner guten Freunde ablenken. So wie es auch Hector tat: „Er spürte, wie die Angst vor dem Tod ein bißchen zurückkehrte, und um sich abzulenken, begann er den anderen wieder zuzuhören.“ (S. 101f.) Allerdings waren es bei ihm nicht die Freunde, sondern die drei Ganoven.
  • 9. Ich stelle mir vor, dass es im Jenseits rund um die Uhr Vollnuss-Schokolade gibt (bei diesem Gedanken würde ich eigentlich ganz gerne heute schon das Zeitige segnen).
  • 10. Ich sage ‚Danke‘ für das Leben, das ich auf dieser Erde bisher leben durfte. Es war nicht alles Sonnenschein. Aber es war ein Leben – und es war mein Leben!
Literatur:
  • François Lelord: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück. Aus dem Französischen von Ralf Pannowitsch (München 2004, 31. Auflage 2005, 187 S.) (Französische Originalausgabe: Le voyage d’Hector ou la recherche du bonheur [Paris 2002]).

 

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