18. Februar: In Lebensgefahr – Meditationen im Angesicht des Todes (Teil 1)

BildHector hatte in seinem Leben ziemlich oft an den Tod gedacht. Schon bei seinem Medizinstudium hatte er eine ganze Menge Leute im Krankenhaus sterben sehen. Damals waren er und seine Mitstudenten sehr jung, und die meisten Leute, die im Krankenhaus starben, waren älter, und so hatten die Studenten ein bißchen das Gefühl, daß der Tod zu Leuten von einer anderen Art kam, selbst wenn sie wußten, daß es nicht stimmte. Aber wie wir schon gesagt haben, sind Wissen und Fühlen zweierlei Dinge, und was wirklich zählt, ist das Gefühl.“ (François Lelord)

Wie oft habt ihr, die ihr diese Zeilen lest, schon an den Tod gedacht?

Wer meinen letzten Blogeintrag gelesen hat (vom 16. Februar 2014: „Vom großen Fest des Lebens – Wie schön, dass es mich gibt!“), ist gut darüber informiert, dass Hector, der junge Psychiater, nur knapp einer Entführung und dem eigenen Tod entkommen ist. Diese Rettung feiert er ausgiebig mit seinen afrikanischen Freunden. Er hat eine zweite Chance zum Leben erhalten – und kostet dieses unbeschreibliche Gefühl, am Leben zu sein, ganz neu aus.

Hector hat noch einmal Glück gehabt. Wir erinnern uns daran, ich welcher Lebensgefahr er steckt, als der Bandenchef und seine beiden Komplizen über sein Leben und Sterben entscheiden. Dort im – nach toter Ratte stinkenden – Wandschrank bekommt es Hector dann doch ein bisschen mit der Angst zu tun – und „meditiert über seinen Tod“ (S. 98).

Über das eigene Sterben nachzudenken, ist für die wenigsten Menschen eine Freude. In den meisten steigen dabei große Ängste empor. Das eigene Leben einmal zu verlieren – undenkbar. Deswegen wollen eine Menge Menschen auch nicht viel mit dem Tod zu tun haben, schon gar nichts mit dem eigenen.

Hector geht es ganz ähnlich. Als Psychiater hat er natürlich Medizin studiert und Menschen in Krankenhäusern sterben sehen. Das war nicht leicht für ihn. Aber da es meistens eher ältere Leute waren, fühlte er eben, dass der Tod (noch) nicht so viel mit ihm selbst zu tun hatte. Er beobachtet auch, in welcher Verfassung die Menschen so sterben. Drei verschiedene Sorten von Menschen lernt er kennen, „die sehr friedlich und beinahe zufrieden gestorben waren“ (S. 98), und zwar:

Drei Sorten von Menschen, „die sehr friedlich und beinahe zufrieden gestorben waren“:
  • 1. Sehr kranke Menschen: „die von ihrer Krankheit schon sehr erschöpft waren, so daß sie fanden, ihr Leben sei zu anstrengend geworden, und die sich eher freuten, daß es nun zu Ende ging“,
  • 2. sehr gläubige Leute: „die sehr stark an den lieben Gott glaubten, und für die war der Tod bloß ein Übergang, und es machte sie nicht traurig“ und
  • 3. lebenssatte und betagte Menschen: „die fanden, sie hätten bereits ein schönes Leben hinter sich und könnten sich nicht beklagen, wenn es jetzt aufhörte […], meistens ziemlich alte Leute“.

Es gibt also anscheinend auch mehr oder weniger zufrieden sterbende Zeitgenossen. Also solche, die sich sozusagen mit ihrem eigenen Ableben arrangiert haben. Aber natürlich: Da sind auch die anderen. Die, die um ihr Leben kämpfen, die nicht lebenssatt sind und stattdessen durch Zeiten schlimmer Schmerzen und Leiden gehen müssen. Auch Hector und seine damaligen Mitstudenten leideten heftig, wenn sie sahen, wie ein Patient „abmagerte, wie er litt, weinte und schließlich starb“ (S. 99). Das ging an ihnen nicht spurlos vorüber.

Mit der eigenen Biographie lebt Hector allerdings relativ versöhnt. Eigentlich ist er recht zufrieden mit dem Leben, das er bisher geführt hat:

Hector sagte sich auch, daß er, wenn er jetzt vielleicht sterben mußte, bereits ein gutes Leben hinter sich hatte: Sein Vater und seine Mutter waren freundlich gewesen, er hatte richtig gute Freunde, war mehrere Male sehr verliebt gewesen und hatte einen Beruf erlernt, für den er sich begeistern konnte; oft hatte er den Eindruck gehabt, den Leuten nützlich zu sein, und großes Unglück war ihm niemals widerfahren. Es war ein besseres Leben, als es viele seiner Bekannten hatten, und gewiß ein viel besseres als das der meisten Bewohner der Erde.“ (S. 99f.)

Der junge Psychater Hector meditiert sehr ehrlich über sein Leben. Er gesteht sich ein: Es gibt eigentlich keinen Grund zum Klagen. Er hat immer die volle materielle Absicherung genossen, litt nicht an den Folgen irgendeines schweren Unfalls und profitierte von allen schönen Seiten eines westeuropäischen, betuchten, reichen und geschützten Lebens.

Ich selbst vergesse immer noch viel zu häufig, was für ein Glückslos ich mit meinem Leben gezogen habe. Wäre ich in einem der Slums Nairobis oder Manilas auf die Welt gekommen, wäre ich vielleicht schon als 7-jähriger an den Folgen von Unterernährung, verschmutzten Trinkwassers und fehlender medizinischer Behandlung dahingesiecht und gestorben. Meine Eltern hätten gegen solch einen Verlust und solch eine unglaublich schmerzhafte Ungerechtigkeit sicher nicht aufbegehrt – aus Mangel an Kraft, Hoffnung und Geld. Vielleicht wären sie selbst schon lange vorher aufgrund einer akuten HIV-Erkrankung verschieden – unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, von der Weltbank und vom Weltsicherheitsrat – wie viele andere Millionen Slumbewohner auch. So aber bin ich in Deutschland großgeworden, immer bestens genährt, mit dem saubersten Trinkwasser aus dem Hahn, mit Zentralheizung, Krankenversicherung, kostenlosem Schulbesuch, tausend (meist kostenlosen) Freizeit- und Sportmöglichkeiten, langen Ferien, grünen Wiesen, gesunden Wäldern, glücklichen Kühen, ein Leben ganz ohne Bürgerkriege, ohne Verfolgung, ohne Inhaftierungen, ohne Enteignung der Familie oder der Verwandten, ohne mich je verstecken zu müssen (ausgenommen beim Versteckspielen mit meinen Geschwistern und Spielkameraden). Was für ein unverdientes Glück!

(Fortsetzung folgt!)

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