16. Februar: Vom großen Fest des Lebens – Wie schön, dass es mich gibt!

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Als er in jener Nacht, in der er beinahe gestorben wäre, in das Landhaus von Marie-Louise zurückgekehrt war, hatten die anderen ihm ein Fest ausgerichtet, alle hatten gelacht und gleichzeitig geweint, und Jean-Michel und Marcel waren auch gekommen. […] Und mitten in der Nacht begann ein großes Fest.“ (François Lelord)

Ein großes Fest – für einen, der dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen ist! Wie wundervoll ist das, wenn wir ein zweites Mal leben dürfen. Wenn wir eine zweite Chance bekommen und noch einmal von Neuem beginnen können. Hector, der Hauptfigur in François Lelords Bestseller „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ (frz. 2002, dt. 2004), ist genau das widerfahren. Als ein junger und erfolgreicher Psychiater steigt er für kurze Zeit aus seinem Berufsalltag aus. Er begibt sich auf eine Weltreise, um herauszufinden, was Menschen glücklich und unglücklich macht (vgl. meine Blog-Beitrag „Frauen sind ziemlich kompliziert – selbst für einen Psychiater (Teil 1)“ vom 9. Februar 2014). Eines Tages landet er in einem afrikanischen Land (vgl. S. 65ff.). Dort möchte er seinen „alten Kumpel“ Jean-Michel besuchen (S. 68). Der lebt und arbeitet hier schon viele Jahre lang als Arzt. Während seines Fluges hat Hector auch Marie-Louise kennengelernt – eine afrikanische Psychiaterin, aus eben diesem Land. Beide verstehen sich auf Anhieb so gut, dass Hector später seiner Berufskollegin einen Besuch abstatten möchte (vgl. S. 87ff.). Gesagt, getan. Im Rahmen der Familie wird er herzlich aufgenommen und bewirtet. Als dieser Besuchstag zu Ende geht, soll Hector mit dem großen Geländewagen der Familie zurück zum Hotel gefahren werden. Der familieneigene Chauffeur übernimmt diese Aufgabe zusammen mit dem familieneigenen Leibwächter (vgl. S. 91).

Doch dann passiert das Unvorhergesehene: Der Geländewagen wird von zwei – als Polizisten verkleideten – Banditen gekidnappt. Sowohl Chauffeur als auch Leibwächter werden vor die Autotür gesetzt. Die beiden Kriminellen düsen wild davon, merken aber erst zu spät, dass sich hinter ihnen auf dem Rücksitz noch ein Westeuropäer befindet: Der eingeschlafene Hector! (vgl. S. 92ff.) Nun haben alle ein Problem: Die beiden Schurken, weil sie nicht nur ein Auto, sondern auch einen hoch angesehenen Ausländer entführt haben – und Hector, weil er sich nun in Lebensgefahr befindet. Die beiden bringen ihn zu ihrem Chef und dessen beiden durchtriebenen Komplizen. Hector wird vorsichtshalber in einen stinkenden Wandschrank gesperrt. Von dort kann er die Gespräche der drei Gangster mitverfolgen (vgl. S. 96ff.). Doch er ist mutig und macht mit einer Notiz, die er unter der Wandschranktür hindurch ins Zimmer schiebt, auf sich aufmerksam. Er möchte mit den drei Bösewichten reden. Sie lenken ein, und es kommt zu einer Aussprache. Als Hector erwähnt, dass er auch den einflussreichen Drogenhändler Eduardo „ziemlich gut“ kenne, bekommen sie „große Augen“ (S. 103). Er wolle aber keine „Scherereien“ und würde weder Eduardo noch der Polizei etwas erzählen, wenn sie ihn einfach laufen ließen. Der Chef überlegt eine Weile, liest sich noch die Glücksliste in Hectors Notizbuch durch, überlegt noch einmal – und lässt Hector dann tatsächlich laufen (vgl. S. 104ff.)!

Hector ist frei!! Er kann sein Glück kaum fassen. Beinahe wäre es um ihn geschehen gewesen. Eine falsche Bemerkung. Ein schlechter Tag des Banditenbosses. Ein ungünstiger Rat von einem seiner ungünstigen Berater. Und schon hätte Hector die Radieschen von unten wachsen sehen können. Mit Hector kommt auch der große Geländewagen frei. Und mit demselben düst er schnell zurück an den Ort, von dem er ein paar Stunden zuvor aufgebrochen war. Und was passiert dann? Genau das:

Als er in jener Nacht, in der er beinahe gestorben wäre, in das Landhaus von Marie-Louise zurückgekehrt war, hatten die anderen ihm ein Fest ausgerichtet, alle hatten gelacht und gleichzeitig geweint, und Jean-Michel und Marcel waren auch gekommen. […] Und mitten in der Nacht begann ein großes Fest.“ (S. 108)

Ein Fest für ein neu gewonnenes Leben! Natürlich eine große Party. Denn so etwas muss gefeiert werden – besonders in einem afrikanischen Haus, in einem afrikanischen Dorf, in einem afrikanischen Land. Es wird gelacht, und gleichzeitig fließen Tränen. Alle können das Glück, Hector am Leben zu sehen, kaum für möglich halten. Auch Hector spürt ein Gefühl, das er so bisher noch nicht kannte:

Hector war so glücklich, sich am Leben zu fühlen, daß er wollte, daß jedermann froh und zufrieden war. Und siehe da, es traf sich gut, denn tatsächlich waren alle froh und zufrieden.“ (S. 109)

Wenn so etwas Außergewöhnliches passiert, vergessen alle für einen Augenblick alle Streitereien und allen Missmut. Vergessen sind alle Sorgen und ungelöste Fragen. Die Freude über ein unverdientes und ungeahntes Geschenk überstrahlt alles. Und so wird ausgelassen im Haus von Marie-Louise gefeiert und getanzt:

Man spielte Musik, alle tanzten, und alle tanzten sehr, sehr gut, selbst die Damen und Herren, die schon so alt waren wie Hectors Eltern. Sogar Hector tanzte, obwohl er es nicht gut konnte. Aber wenn Sie sehr glücklich sind, hat es für Sie keine Bedeutung mehr, ob Sie sich vielleicht ungeschickt fühlen, und wenn Sie der Held des Abends sind, werden Ihre Tanzpartnerinnen es Ihnen verzeihen“ (S. 109).

Da können also auch ein paar unbeholfene Tanzschritte nicht schaden. Die Gefühle wollen einfach raus. Hector strahlt über beide Ohren und macht eine wundervolle Entdeckung:

Seit seinem Aufenthalt in dem kleinen Kabuff, in dem es nach toter Ratte roch, hatte Hector den Eindruck, daß das Leben wundervoll war.“ (S. 107)

Kein Wunder. Denn er hat ja sozusagen ein zweites Leben dazugewonnen. Plötzlich erscheint ganz viel in einem ganz neuen und anderen Licht. Jeder Atemzug ist wie der erste. Jeder Sonnenstrahl wärmt viel mehr als alle bisherigen. Jeder Schluck Wasser schmeckt viel köstlicher. Man hat das Gefühl, als würde man zum ersten Mal gehen, springen, schauen, riechen, fühlen und schmecken. Die Welt kommt einem unwirklich vor. So, als wäre man eigentlich noch nie wirklich hier gewesen. Es fühlt sich alles so jungfräulich, so frisch und frei an. Hector spürt das alles. Und er genießt es in vollen Zügen. Aber an eines denkt er auch in diesen Momenten, nämlich …

[…] daß dieser Eindruck nicht sehr lange vorhalten würde, denn er hatte schon Leute behandelt, die auch gerade so dem Tod entronnen waren (im Krieg zum Beispiel, in Lagern, wo fast alle umgekommen waren, und dann kannte er sogar einen Mann, dessen Schiff untergegangen war und der sehr lange darauf warten mußte, daß man ihn endlich fand und aus dem Meer fischte). Diese Leute hatten ihm gesagt, daß auch sie in der ersten Zeit nach ihrer Rettung das Leben wundervoll gefunden hatten. Aber dann waren sie ziemlich schnell in die großen und kleinen Sorgen des Alltagslebens zurückgesunken (ganz zu schweigen von den schrecklichen Erinnerungen, die bei einigen noch nach Jahren wiederkamen). Und diese Leute, die den Tod schon gestreift hatten, regten sich heute wie alle Welt über ihren Steuerbescheid auf oder über den Nachbarn, der den Fernseher zu laut gestellt hatte.“ (S. 108)

Oh, das kenne ich. Wie schnell das Gefühl des Glücklichseins wieder verfliegen kann. Weil irgendeine Kleinigkeit passiert und einen alten, wunden Punkt trifft. Schon sind Tür & Tor geöffnet. Und die kleinen Ärgereien kehren zurück ins Leben – und damit der altbekannte Alltag. Wie schade. Kurz zuvor war alles noch so leuchtend und so strahlend. Aber wir sind nur Menschen. Und wir Menschen sind vergesslich und Gewohnheitstiere. Deswegen können nicht wenige von uns sich nicht wirklich lange freuen. Hector jedenfalls probiert, eine Weile standhaft zu bleiben:

Also wollte Hector von dem Eindruck, das Leben sei wundervoll, profitieren, so lange er anhielt.“ (S. 108)

Darum sollten wir uns eigentlich alle mühen. Denn mal ganz ehrlich: Das Leben ist doch wirklich unglaublich! Es ist wirklich wundervoll. Es ist verrückt, dass wir keine leblosen Steine sind. Wir können Millionen Dinge wahrnehmen. Es ist wirklich verrückt! Sicher, wer sich krank, müde, überarbeitet, zerstritten, einsam, gefangen, verlassen, bedrückt oder überfordert fühlt (oder alles zusammen), wird es schwer fallen, dem eigenen Leben etwas angenehmes abzugewinnen. Aber selbst, wenn ich in einem Krankenbett liege, so kann ich mich darüber wundern, dass ich überhaupt existiere.

Ich jedenfalls möchte – so wie Hector, trotz aller Widrigkeiten meines Alltags – heute auch möglichst lange von dem Gefühl profitieren, wie wundersam mein Dasein ist. An folgende Dinge möchte ich mich deshalb heute besonders erinnern:

Woran ich mich heute besonders erinnern möchte:
  • 1. Es ist ein Wunder, dass ich atme und lebe. Ich lebe!
  • 2. Vielleicht bleiben mir nur noch drei Monate in dieser Welt. Ich will diese Zeit nutzen, die ich noch habe. Egal, wie lang sie noch sein mag.
  • 3. Das Leben ist wundervoll. Ich möchte mich heute nicht über Kleinigkeiten ärgern.
  • 4. Meine Möglichkeiten sind großartig. Ich möchte mich heute freuen über die Dinge, die ich immer schon gern gemacht habe.
  • 5. Ich möchte mir eine kleine Auszeit nehmen und mit einem guten Freund / einer guten Freundin über das Leben reden.
  • 6. Ich möchte heute gerne etwas Verrücktes tun – etwas, was meiner begeisterten Phantasie entspringt.
  • 7. Ich will mich in die Sonne setzen, die Augen schließen, ruhen und mir selbst sagen: ‚Wie schön, dass es mich gibt!‘
Literatur:
  • François Lelord: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück. Aus dem Französischen von Ralf Pannowitsch (München 2004, 31. Auflage 2005, 187 S.) (Französische Originalausgabe: Le voyage d’Hector ou la recherche du bonheur [Paris 2002]).

 

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