4. Februar: Einbrecher – wie können wir uns gegen sie wehren?

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Jetzt hat’s uns auch erwischt. Vor ein paar Wochen hatten wir noch geschmunzelt. Da war in die Büros der beiden benachbarten Studierendenwohnheime eingebrochen worden. Und unser Wohnheim blieb verschont. Aber wir hatten uns zu früh gefreut. Am Freitag traf es uns! Nicht etwa zur späten Nachtstunde. Nein, während der größten Betriebsamkeit in unserem Verwaltungsgebäude. Die christliche chinesische Studentengruppe hatte gerade mal wieder deftig gekocht und geschmaust (der starke Ingwergeruch war in jedem Winkel des Hauses zu riechen). Und nun feierte sie mit ihrem Pastor im großen Saal einen kleinen Gottesdienst. Unten im Keller waren etwa 20 Leute vom Fußballkickerverein aktiv – bei offenen Türen. Es war also ein ordentliches Treiben im ganzen Haus, und ständig liefen irgendwo Leute umher – von der Küche unten zum Saal oben, vom Saal oben nach unten zu den Toiletten. Ferner spazierten ständig Bewohnerinnen und Bewohner durch die offene Haustür, um ihre Briefkästen auf frische Post hin zu checken.

Also, eigentlich für potentielle Einbrecher ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt, um ihren Neigungen nachzugehen. Möchte man meinen. Aber just diesen Augenblick nutzten drei gewitzte Kerle, um unser Verwaltungsbüro aufzubrechen, zu verwüsten und zu plündern. Und das stellten sie wohl wie folgt an: Zwei der drei platzierten sich anscheinend auf unserem großen Sofa im Foyer – für alle gute sichtbar. Eine äußerst gute Idee! Denn von hier aus genossen sie eine ausgezeichnete Sicht sowohl auf den großen Saal (mit Glasfenster in der Tür), auf den Eingangsbereich sowie auf unser Büro. So überblickten sie alle wichtigen Gefahrenzonen. Als es mal für einen kurzen Moment ruhig war, musste der Dritte im Bunde zum Büro marschiert sein. Das hatte der chinesische Pastor auch noch vom Saal aus durch das Glasfenster der Saaltür mitbekommen. Er dachte aber, der Kerl würde vielleicht zu den Toiletten gehen. Falsch gedacht. Er trug vermutlich ein Stemmeisen bei sich und brach die abgeschlossene Bürotür in nullkommanichts mit roher Gewalt auf. Vielleicht war er auch des Kick- oder Thaiboxens mächtig und trat sie einfach mit einem geschickten Tritt ein. Das Ergebnis war jedenfalls verheerend: Das halbe Schloss ist aus der Tür gebrochen. Selbst die Metallteile waren kräftig verbogen (siehe Foto). Herzlichen Glückwunsch! Nach dem erfolgreichen ‘Öffnen’ der Tür stellte er den halben Laden auf den Kopf. Die Holzschränke waren gar nicht abgeschlossen – man hätte sie bequem mit einem Drehgriff öffnen können. Doch das wusste der gute Mann wohl nicht. Also wurden auch diese zum Teil zertrümmert. Die Beute lässt sich sehen: Zwei verschlossene Kassen – beinahe ganz ohne Inhalt 🙂 (eine von beiden enthielt überhaupt nichts!). Dazu zwei Pakete von Studierenden (eines mit einer Jeans und einem Hemd drin im Wert von 67,50 Euro). Und – allerdings! – wohl einen Autoschlüssel. Ein Auto aber vermissen wir seitdem nicht. Zum Glück. Der eine oder andere Schlüssel könnte noch abhanden gekommen sein. Es schaut aber eher nicht danach aus. Das Witzige: Einen ganzen Blumentopf voller Waschmünzen-Wechselgeld hat der Kriminelle erst gar nicht entdeckt. Ansonsten wären ihm wenigstens so ca. 50 Euro in die Hände gefallen.

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Vermutlich brachte dieser Typ nur ca. 1-2 Minuten in unserem Büro zu. Vielleicht kam dann etwas dazwischen – ein ungebetener Gast oder einer unserer Bewohner. Prompt hat sich das Dreiergespann wieder aus dem Staub gemacht – und keiner von den Anwesenden im Hause hat irgendetwas davon mitbekommen. Bis dann einer unserer Haussprecherinnen auffiel, dass ja unsere Bürotür offenstand. Sie schaute nach, weil sie vermutete, unsere Putzfrau könnte sie aus Versehen offen gelassen haben. Dann aber bemerkte sie das aufgebrochene Türschloss. Ein Einbruch! Ich wurde gleich per Handy alarmiert, und der Schaden inspiziert. Ca. 30 min später nahmen zwei junge KRIPO-Mitarbeiter von der Kriminalwache Bochum den Tatort unter die Lupe (eine Kommissarin und ein Kommissar, beide von der KK 13, verantwortlich für Raub und Einbruch). Fingerabdrücke zu nehmen, hatte wenig Sinn – zu viel Publikumsverkehr. Also wurden nur ein paar Beweisfotos gemacht, der Schaden aufgenommen, der chinesische Pastor und unsere Haussprecherin als Zeugen befragt, die nötigen Fakten verschriftlicht und Versicherungsformulare ausgehändigt. Die Reparatur der Tür blieb unsere Aufgabe. Doch einer unserer Studierendenhausmeister hatte schnell eine passende Ersatztür ausfindig gemacht und auch erfolgreich eingesetzt (leider ging dabei noch ein Generalschlüssel zu Bruch, im Schloss). Schließlich wurde noch ein wichtiges Auto in Sicherheit gebracht und versteckt. Um 0:30 Uhr hatten wir wieder alles in Sack und Tüten, und konnten endlich schlafen gehen. Leider mussten wir das meiste selbst regeln. Denn unser Geschäftsführer war ausgeflogen und befand sich gerade auf Reisen. So ging für mich ein langer 13-Stunden-Arbeitstag zu Ende.

Und wer waren diese drei Halunken? Tja, das würden wir auch gerne wissen. Aber wir werden es sicher nie erfahren. Der besagte Pastor meinte nur, er habe drei große Männer um die 30 gesehen, “vielleicht Türken, Araber oder Schwarze” – also auf jeden Fall drei Typen dunkleren Hauttyps, wohl keine Deutschen ohne Migrationshintergrund. Das heißt: Wohl eher keine urwüchsigen Bayern oder Ostfriesen :-).

Trotzdem möchte ich hier in keine gemeinen Klischees verfallen. Diebe, Einbrecher und Räuber gibt es in allen Staaten, auf allen Erdteilen, in jeder Generation und unter allen Hautfarben. Was uns hier weiterhelfen kann, ist eine geduldige Aufschlüsselung der Sachverhalte. Und das macht total viel Spaß – übrigens bei jeder gesellschaftlichen Problematik, der man auf den Grund gehen möchte. Differenzieren ist eine wunderbare Möglichkeit unseres Verstandes. Es hilft uns, das Leben und unser Miteinander besser und tiefer begreifen zu lernen. Es hilft uns auch, platte Schnellfeuer-Urteile zu überwinden und tiefer zu schauen. Schnell merkt hier jeder aufrichtig Suchende, wie vielfältig, vielschichtig und mitunter kompliziert eine bestimmte Problematik sein kann. Es ist abenteuerlich und schön, all die verschränkten Zusammenhänge Schritt für Schritt zu entdecken, zu beleuchten und darzulegen (z.B. in Argumenten pro/contra oder in einem Schema). Am Ende erhalten wir ein differenziertes Gesamtbild. Dann können wir alles miteinander abwägen und (wahrscheinlich) zu einem fairen und gesunden Urteil gelangen. Redliches Differenzieren hilft uns, zu einem möglichst fairen und wirklichkeitsabbildenden Urteil zu gelangen. Auch ich habe da noch einiges dazuzulernen. Denn manchmal lasse ich mich auch zu einem vorschnellen und unfairen Urteil hinreißen.

Angewandt auf unseren Einbruch vor ein paar Tagen, stelle ich mir die Frage: Warum ließen sich diese drei Männer zu diesem Einbruch hinreißen? Welche Motive hatten sie? Sind die drei grundsätzlich schuldig und zu verurteilen? Wie sollen wir mit ihnen umgehen, wenn wir sie finden sollten? Fragen über Fragen. Wir differenzieren mal. Und zwar in Hinblick auf zwei Fragestellungen:

  • A. Einige möglicherweise verzeihbare Gründe, warum Menschen sich zu Diebstählen hinreißen lassen:
  • B. Einige möglicherweise weniger verzeihbare Gründe, warum Menschen sich zu Diebstählen hinreißen lassen:
A. Einige möglicherweise verzeihbare Gründe, warum Menschen sich zu Diebstählen hinreißen lassen:
  • 1. Sie sind arm und können – trotz ernster Suche – keine bezahlte Arbeit finden (Arbeitslosigkeit).
  • 2. Sie leben in einem Land ohne gesetzliches Krankenversicherungssystem und können die medizinische Betreuung eines schwerkranken Familienangehörigen nicht bezahlen (Armut).
  • 3. Sie sind in einer Diebesfamilie aufgewachsen und dadurch entsprechend geprägt worden (Prägung).
  • 4. Sie neigen zu Diebstählen, weil sie möglicherweise erblich vorbelastet sind (Genetik).
  • 5. Sie werden von Mitgliedern krimineller Banden dazu gegezwungen (Nötigung).
  • 6. Sie sind aufgrund einer persönlichen Lebenskrise drogenabhängig geworden und brauchen nun das nötige Geld, um sich die entsprechenden Rauschmittel zu besorgen (Drogenabhängigkeit).
  • 7. Sie wollen sich das zurückholen, was ihnen selbst ungerechtfertigterweise weggenommen worden ist (Selbstjustiz).
  • 8. Sie wollen anderen das zurückholen, was ihnen ungerechtfertigterweise weggenommen worden ist (Selbstjustiz zum Vorteil anderer).
  • 9. Sie leiden unter Kleptomanie und können einfach nicht anders – trotz Therapieversuche (Kleptomanie).
B. Einige möglicherweise weniger verzeihbare Gründe, warum Menschen sich zu Diebstählen hinreißen lassen:
  • 1. Sie sind materiell gut abgesichert und wollen sich einfach nur noch weiter bereichern (Geldgier).
  • 2. Sie haben sich bewusst einer mafiösen Verbindung angeschlossen, um so ‘sicherer’ durchs Leben zu kommen (freiwillige Bandenmitgliedschaft).
  • 3. Sie versuchen gezielt, das Leben einzelner in materieller Hinsicht zu zerstören (Schädigung einzelner).
  • 4. Sie versuchen gezielt, einzelne Firmen, Gesellschaften oder Staaten zu ihrem eigenen Vorteil zu schädigen (Schädigung der Gesellschaft).
  • 5. Sie leiden unter Kleptomanie, versuchen aber nichts dagegen zu unternehmen (Behandlungsresistenz).
  • 6. Sie nehmen Unschuldigen Dinge weg, weil es die anderen auch so machen (Schwarmverhalten).
Zwischenergebnis

Aufgrund dieser Differenzierung wird deutlich: So einfach ist es gar nicht, bei Diebstahl sofort auf ‘schuldig’ zu plädieren. Es kommt doch sehr darauf an, den sog. Täter genauer unter die Lupe zu nehmen. Wir müssen ihn und seine Umstände besser kennenlernen. Erst dann werden wir etwas über die möglichen Motive seiner Tat wissen. Es sollte also nicht zu schnell geurteilt werden. Mitunter können wir uns in unserem Urteil sehr irren. Das könnte auch auf die drei konkreten Einbrecher unseres Wohnheimbüros zutreffen. Möglicherweise haben sie aufgrund von materieller Not, sozialer Prägung oder Drogenabhängigkeit so gehandelt. Vielleicht waren es aber auch freiwillige und professionelle Mitglieder einer echten Diebesbande, die aus reiner Geldgier gehandelten. Dann sollten wir unsere Gesellschaft besser vor ihnen schützen und sie (z.B.) hinter Gitter bringen.

Zum Schluss noch die Frage, wie wir Diebe mitunter von ihrer Stehlerei abhalten können. Hierzu sind mir folgende Ideen gekommen:

C. Einige denkbaren Wege, wie wir Menschen von Diebstählen abhalten können:
  • 1. Wir geben den Bedürftigen das, was sie zum Leben dringend brauchen (Teilen).
  • 2. Wir helfen Drogenabhängigen, frei von ihren Abhängigkeiten und damit frei von ihrer Beschaffungskriminalität zu werden (Therapieangebote).
  • 3. Wir sorgen für eine gerechtere Verteilung von Kapital, Gütern und Löhnen in unserer Gesellschaft (soziale Gerechtigkeit)
  • 4. Wir unterstützen die Polizei, Diebesbanden dingfest zu machen und sie einer angemessenen Bestrafung zuzuführen (polizeiliche Ermittlungen + gesetzliche Bestrafung).
  • 5. Wir schützen uns selbst vor Diebstählen durch Installierung von Alarmanlagen, Videokameras etc. (Sicherheitssysteme).
  • 6. Wir besuchen Strafgefangene im Gefängnis und vermitteln ihn faire Jobs für die Zeit danach (Prävention).
  • 7. Wir knüpfen bewusst Kontakte zu Menschen, die in sozialen Brennpunkten leben und gefährdet sind (Freundschaften).
  • 8. Wir sorgen in sozialen Brennpunkten für Sportangebote aller Art wie Fußball, Basketball, Lauftraining, Aerobic, Krafttraining, um besonders Teens auf andere Gedanken zu bringen (Sport).
  • 9. Wir erzählen ihnen, wie sie zu starken Persönlichkeiten werden können, ohne kriminell zu werden – z.B. anhand von starken Persönlichkeiten wie Jesus von Nazareth, Johannes dem Täufer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela u.a. (Weisheit).

Es gibt also eine Menge Möglichkeiten, solchen bösen Machenschaften entgegenzuwirken. Wir brauchen viel Weisheit, hier kluge, gesunde und wirksame Schritte zu finden und zu gehen. Manchen frechen Kerlen sollte man aber einfach mal den Hintern versohlen, oder? Bei manchen könnte das nicht wirklich schaden :-)

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