30. Januar: Sieben Lichtstrahlen für alle kleinen Esmeraldas dieser Welt …

Es gibt Menschen, die sind ganz tief gefallen. So tief, dass sie wohl tiefer nicht fallen können. Es gibt ein Mädchen, das einmal so tief hinabstürzte. Im weltbekannten Roman „Notre-Dame von Paris“ (1831) von Victor Hugo (1802-1885)  – den meisten Deutschen bekannter unter dem Titel „Der Glöckner von Notre-Dame“ – finden wir die traurige Geschichte von der kleinen und hübschen Esmeralda. Als Zigeunerkind aufgewachsen, verliebt sie sich bis über beide Ohren in den attraktiven Phoebus de Châteaupers, den Hauptmann der königlichen Leibwache. Bei ihrem Versuch, ihn für sich zu gewinnen, gerät sie zu Unrecht in die Fänge der Pariser Justiz. Ihr wird unschuldigerweise ein (versuchter) Mord an Phoebus, ihrem Geliebten, zur Last gelegt. Die Mühlräder eines Justizapparates können unbarmherzig und zermalmend sein. Die kleine Esmeralda – vorher stadtbekannt und stadtbeliebt als singendes und tanzendes Zigeunermädchen – landet im tiefsten Verlies eines Pariser Gefängnisses.

Da sitzt sie nun, die früher so Unbekümmerte. Allein. In der Kälte und Dunkelheit. Verlassen von allem Glück und aller Liebe. Victor Hugos Beschreibung ihrer Situation geht unter die Haut. Hugo hat einfach eine wundervolle Gabe, so viel Gefühl in seine Worte zu legen. Doch hören wir ihn selbst, und schauen wir auf die kleine Esmeralda und auf ihr bemitleidenswertes Schicksal:

Sie schmachtete vergraben, ummauert in der finsteren Tiefe. Jeder der sie einst im Sonnenlicht lachen und tanzen sah, würde geschaudert haben, wenn er sie in diesem Zustand erblickt hätte; nächtliche Todeskälte um sie herum, kein Windhauch, der ihr Haar hob, kein Lichtschein, der aus ihren Augen widerstrahlte, kein menschlicher Laut, der an ihr Ohr schlug.“

Mein Herz zieht sich zusammen. Die Kleine – „ummauert in der finsteren Tiefe“. Kein Weg führt für sie heraus aus dieser Dunkelheit. Dazu „kein Windhauch, der ihr Haar hob, kein Lichtschein, der aus ihren Augen widerstrahlte“. Sie ist abgeschnitten vom Leben. Man hat sie lebendig begraben, sie, die doch einstmals so sehr vom Sonnenlicht und vom Wehen des Windes verwöhnt war. Was hat man dieser unschuldigen Kleinen angetan!

Von Ketten erdrückt, neben sich einen Krug und ein Stück Brot, hockte sie auf einer Schütte Stroh in der Wasserlache, die sich aus der sickernden Feuchtigkeit des Kerkers bildete. Sie rührte sich nicht, sie atmete kaum, sie empfand ihre Leiden nicht mehr. Phöbus, die Sonne, der Tag, die frische Luft, die Straßen von Paris, das Tanzen, der Beifallsjubel, das süße Liebesgeplauder mit dem schönen Offizier, dann der Priester, das alte Weib, der Dolch, das Blut, die Folter, der Galgen, das alles lebte noch in ihren Gedanken teils als klingendes, leuchtendes Traumgesicht, teils als fürchterliches Alpdrücken. Aber die gräßlichen Schrecknisse verloren sich unbestimmt im Nebel, und die goldenen Traumgesichte waren wie eine ferne Musik, die hoch oben auf der Erde ertönte und kaum bis ans Ohr der Unglücklichen drang, die in solche Tiefe gestürzt war.“ (ebd.)

In solche Tiefe gestürzt. Ohne eigenes Verschulden. Von boshaften oder psychopathischen Menschen initiiert. So findet es heute noch tagtäglich statt. Und nicht etwa nur in Romanen, sondern auch wirklich und real. Es gibt heute Millionen von kleinen Esmeraldas, die man in Gefängnisse, Zwangslager, Bordelle, Nähfabriken und Kalksteinbrüche steckt, um möglichst viel Kapital aus ihren Diensten zu schlagen. Wir müssen befürchten, dass das Schicksal dieser Mädchen vielleicht noch um ein vielfaches schrecklicher ist als das der Romanfigur Hugos. In welchem trüben Dämmerzustand und inmitten wie vieler ungeheilter Verletzungen fristen diese kleinen und großen Mädchen ihr Dasein! Die Roman-Esmeralda findet sich wieder in einer Alptraumwelt. Hugo schreibt:

Seit man sie in das Verlies geworfen hatte, wachte sie nicht mehr und schlief nicht mehr. Sie konnte im Elend dieses Kerkers Wachen und Schlafen, Wirklichkeit und Traum ebensowenig unterscheiden wie Tag und Nacht. Alles flutete verwirrt und unbestimmt in ihrem Kopfe auf und ab. Sie fühlte nicht mehr; sie dachte nicht mehr. Sie träumte höchstens. Niemals hatte sich ein lebendes Geschöpf schon vor dem Tode so ins Nichts verloren.“ (ebd.)

Schon vor dem Tode so ins Nichts verloren“. So fühlt sicher auch ein 12-jähriges Mädchen in einem indischen Kinderbordell. Mit wirren Gedanken im Kopf und unheilvollen und unsteten Gefühlen in der Seele. Es mag das Empfinden haben, im tiefsten Verlies des Lebens gelandet zu sein. Da sitzt es, ummauert von dicken Wänden seines inneren Kerkers. „Beifallsjubel“ und echtes „süßes Liebesgeplauder“ hat es vielleicht nie in seinem Leben zu hören bekommen. Kaum ein Lichtschein, der sich in seinen Augen widerspiegelt. Was kann es tun? Wer hilft ihm da heraus, dem kleinen Mädchen?

Ich möchte uns Mut machen. Ich möchte gerne erreichen, dass diese kleinen modernen Esmeraldas aus diesen teuflischen Kerkern befreit werden. Dass sie von freundlichen Frauen in den Arm genommen werden und weinen dürfen. Dass sie ein neues Zuhause finden, frei atmen, lachen und sich munter entwickeln dürfen. Ich will ihnen heute schon sieben Lichtstrahlen in ihre kleinen Seelen senden. Mögen sie Licht sein auf ihrem Wege:

Sieben Lichtstrahlen für alle kleinen Esmeraldas dieser Welt:
  • 1. Du Kleine, Du bist nicht allein – auch wenn Du Dich so fühlst. Wir sind hier und hören Dich.
  • 2. Du Verzagte, wenn auch Deine Hoffnung schwindet – wir werden kommen und Dich retten.
  • 3. Du im Stich Gelassene, auch wir hatten Dein Schicksal vergessen. Bitte vergib uns. Wir wollen umkehren.
  • 4. Du kleine Bedrängte, Deine Kraft ist beschränkt – aber unsere Möglichkeiten werden Dich neu beflügeln.
  • 5. Du kleine Heldin, Du hast so viel ausgehalten und ertragen – wir staunen über Deine Stärke.
  • 6. Du von Menschen Betrogene, wir werden Deine Peiniger hinter Gitter bringen – wir möchten für Deine Gerechtigkeit kämpfen.
  • 7. Du Wartende, wir möchten uns zusammenschließen und alle die unterstützen, die sich schon heute für Dich einsetzen, z.B.:

Wenn Dich diese Worte berührt haben, sei mit dabei. Für eine neue freundlichere Welt!

Literaturverweis:
  • Victor Hugo: Notre-Dame von Paris (1831) (dt. Der Glöckner von Notre-Dame). Aus dem Französischen. Übertragung von Else von Schorn. Nachwort von Rolf Geissler (Leipzig 1952; 2. Auflage 1966). Band 2: aaO., 112).
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