22. Januar: Ich möchte mich gerne an meine eigenen Schwächen erinnern …

Ich glaube, heute muss ich Buße tun. Ich gebe zu: Mein gestriger Beitrag hier war ziemlich bissig. Vielleicht hat er sogar manchen von euch Lesenden getroffen und etwas weh getan. Eigentlich sollte er das auch. Denn es gibt eine Sorte von Menschen, die brauchen wirklich einen Tritt in den Allerwertesten, um mal in die Gänge zu kommen. Und einige von ihnen sind sicherlich auch dankbar dafür – weil sie wissen, dass ihnen ein solcher Tritt ab und zu richtig gut tut. Folgende nette Rückmeldung bekam ich dazu von der Bloggerin kathi84:

Ich musste schmunzeln, als ich den Beitrag las. Es gibt Menschen, die mit dem Ablegen ihrer Ware auf dem Band innerlich bereits mit dem Einkauf abgeschlossen haben. Da kommt der Bezahlvorgang dann doch recht plötzlich und unverhofft!“

Genau, ganz meine Meinung. Für einige kommt der Bezahlvorgang wirklich sehr überraschend, „plötzlich und unverhofft“. Aber ich habe mir seit gestern auch so einige Gedanken gemacht. Denn diese „Trantüten“ (wie ich sie nannte) sind ja nicht immer automatisch böse, faul oder verantwortungslos. Kenne ich sie denn wirklich schon auf den ersten Blick? Weiß ich wirklich, wer das ist, der da an der Kasse steht? An was diese Person gerade denkt? Kenne ich ihre ganze Lebensgeschichte? Nein, das tue ich nicht. Und deswegen muss ich vorsichtig sein. Es gibt eben auch die anderen. Diejenigen, die in ihrer Situation gar keinen Tritt in den Hintern gebrauchen können. Sondern im Gegenteil: Eine Hilfestellung. Ein freundliches Wort. Und Rückendeckung. Ich habe mir noch einmal Gedanken gemacht – und mir vorgestellt, was die erste der beiden jungen Damen von gestern im Stillen gedacht haben mag, als sie an der Kasse stand, und das kam dabei heraus:

Sieben Gründe, warum die junge Mutter an der Kasse so in Gedanken versunken gewesen sein könnte:

1. Sie denkt gerade an ihren langjährigen Ex-Freund, der sie vor ein paar Tagen verlassen hat.

2. Sie fühlt der stillen Einsamkeit in sich nach.

3. Sie sorgt sich um ihre einjährige Tochter, bei der gerade ein chronischer Keuchhusten festgestellt worden ist.

4. Sie denkt an ihre Mietschulden, die sie derzeit einfach nicht begleichen kann.

5. Sie zieht sich innerlich zurück – unter den ständigen Schüben existentieller Ängste.

6. Sie hört tief innen die zermürbenden Beschimpfungen ihrer damaligen Mitschülerinnen.

7. Sie schämt sich still wegen ihres Körpers. Aber sie schafft es einfach nicht, ihren Appetit zu zügeln, und sie weint bitterlich tief innen in ihrem Herzen …

und jetzt rollen mir selbst gleich die Tränen über’s Gesicht … Nein, ein solcher Mensch hat keinen Tritt verdient, sondern eine Umarmung. Wie sehr mag ich mich manchmal in einem Menschen täuschen? Wie weh tue ich ihm, wenn ich ihn herablassend, arrogant und vernichtend beurteile? Was für eine neue schlimme Wunde mag ich ihm schlagen? Dabei sollte ich ihn vielmehr verarzten und ihm meine Hilfe anbieten. Es tut mir so leid. Das wollte ich nicht. Ich selbst brauche Vergebung, wenn ich Unschuldigen weh tue. Ich selbst brauche ein neues Herz und einen neuen Geist in mir. Jeden Tag neu. Ich möchte innerlich umkehren und freundlicher und barmherziger sein. Ausgehend von diesen Gedanken beantworte ich den netten Kommentar von kathi84 mit folgenden Worten:

Hey danke, Kathi, für Deine Rückmeldung! Ja, manche Kunden wirken wirklich etwas schläfrig an den Discounter-Kassen dieser Welt. Aber vielleicht steckt der eine oder die andere auch in einer echten Lebenskrise – und ist deswegen so abwesend, hm. Habe mir eben Deinen Blog „hierreistkathi.wordpress.com“ angesehen. Mensch, echt toll, dass Du nach all den Trennungen im letzten Jahr eine ‚Expeditionsreise ins neue Glück‘ unternehmen willst. Dafür wünsche ich Dir wirklich viel Mut und alles Gute :-)“

Ja, es gibt da wohl eine Menge Leute, die in aller Stille durch ihre Lebenskrisen gehen. Vielleicht habt ihr Lust, Kathi’s Reise mitzuverfolgen. Das könnt ihr auf ihrem Blog http://hierreistkathi.wordpress.com/ tun. Viel Spaß dabei!

Und hier wieder sieben Weisheiten für den Tag:

1. Ich kann mich irren.

2. Ich hinterfrage meine Ersteindrücke von Menschen.

3. Ich versuche, barmherziger zu sein – weil ich auch selbst gerne barmherzig behandelt werden möchte.

4. Ich versuche, zuerst das Positive an und in meinem Gegenüber zu sehen.

5. Ich möchte mit meinen Blicken nicht töten, sondern lieber heilen.

6. Ich will die Hoffnung haben, eine Tür zum Herzen meines Mitmenschen zu finden.

7. Ich will mich gerne an meine eigenen Schwächen erinnern – und auch barmherzig mit mir selbst sein.

Mal sehen, ob ich heute etwas von diesen Weisheiten umsetzen kann. Eine Bekannte von mir, Dagmar, fügte meinen gestrigen sieben Weisheiten eine achte sehr praktische auf Facebook hinzu, und zwar:

8. Mach dein Portemonnais auf und bezahle den Pfirsichjoghurt deiner Vorderfrau und alles ist gut.“

Stimmt! Wäre auch eine echte Option gewesen. Meine Erwiderung darauf:

Hey, Dagmar, danke für Deine hinzugefügte Weisheit Nr. 8 🙂 Tja, so kann das sein, wenn man ungeduldig und auch wütend wird. Da geht mitunter eine gute Portion Kreativität verloren. Das wäre sicherlich eine sehr heitere und entspannende Reaktion gewesen, wenn ich diesen Joghurt einfach bezahlt hätte. Also, ich habe auch noch eine Menge dazuzulernen. Danke für den Tipp! ;-)“

PS. Sehr gefreut habe ich mich noch über den öffentlichen Kommentar von kathi84 zu meinem Blog:

Ein herzliches Dankeschön für Deine Motivation. Ich finde die Grundidee Deines Blogs wirklich toll, und die Umsetzung einfach nur großartig. Man merkt, dass Du eine sehr feine Beobachtungsgabe hast und schreibst sehr leicht, lustig und doch regt es zum Nachdenken an. Klasse! Ich freue mich, mehr von Dir zu lesen.“

Oh, das hast Du aber schön gesagt. Merci!

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2 Antworten zu 22. Januar: Ich möchte mich gerne an meine eigenen Schwächen erinnern …

  1. kathi84 schreibt:

    Ein sehr rührender Beitrag. Wir vergessen viel zu oft, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat, auch wenn man es ihm oder ihr nicht gleich ansieht. Schön, dass Du mit Deinen Weisheiten daran erinnerst, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Nachsicht, Mitgefühl und Rücksichtnahme. Und es ist wirklich nicht schwer das umzusetzen, oft reicht ein ehrliches Lächeln oder ein netter Gruß und schon geht ein Mensch beschwingter durch den Tag und vergisst für den Moment seine Sorgen. Danke!

    • mwehrstedt schreibt:

      Ja, das stimmt. Es ist eigentlich gar nicht so schwer. Wir müssen oft nur einen Anfang finden. Ein bisschen Nachsicht, Mitgefühl und Rücksichtnahme tut uns allen gut. Danke für Deine nette Rückmeldung 🙂

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