[Satire / Humor]: Was haben drei Afrikaner mit Hannover im Sinn?

Afrikaner (2014) 20%Foto: Encourager68 (2014)

Es ist Samstagvormittag. Ich stehe am Bochumer Hauptbahnhof, Gleis 6. Gleich wird mein Zug in Richtung Minden einfahren. Ich habe allerdings noch ca. 20 Minuten lang zu warten. Die Temperaturen sind wunderbar für Winterzeiten. Die Sonne scheint. Alles schön ruhig. Alles bestens.

Da erscheinen plötzlich drei afrikanische Männer im Alter von etwa 30 Jahren. Sie stellen sich vor die Tafel mit den Abfahrtszeiten der Züge und beginnen ein munteres, größtenteils sehr engagiert geführtes Gespräch (um es mal vorsichtig auszudrücken). Wild gestikulierend reden sie alle aufeinander ein. Es könnten mitunter Äthiopier sein – oder Bewohner Eritreas in Ostafrika. Was sie so sehr beschäftigt, kann ich nicht heraushören – sie unterhalten sich in ihrer Landessprache. Allerdings verstehe ich etwa jedes dritte Wort. Es lautet: „Hannover“. Aha. Es geht also in irgendeiner Weise um die schöne Stadt Hannover. Das Gespräch will kein Ende nehmen. Unentwegt wird der Diskurs fortgeführt – fast ganz ohne Atempause. Und jedes dritte Wort: „Hannover“!

Aber um was – um Himmels willen – streiten die sich da? Ich meine: über was diskutieren sie? Ich versuche auf dem Bahnsteig, mich in ihr Gespräch hineinzuversetzen und es in meinen Gedanken zu übersetzen. Es könnte in etwa so gelautet haben:

  • Mann 1: Wo fahren wir jetzt hin?
  • Mann 2: Nach Hannover.
  • Mann 1: Ach so, nach Hannover.
  • Mann 3: Richtig, nach Hannover.
  • Mann 1: Was gibt’s denn schönes in Hannover zu sehen?
  • Mann 2: Alles ist schön in Hannover.
  • Mann 3: Man, wir wollen doch in Hannover meine Schwester besuchen?
  • Mann 1: In Hannover?
  • Mann 3: Ja, natürlich in Hannover. Wo denn sonst?
  • Mann 1: Ich dachte, die wohnt gar nicht in Hannover.
  • Mann 2: Man, das weißt Du doch, dass die in Hannover wohnt.
  • Mann 1: Woher soll ich denn wissen, dass die in Hannover wohnt?
  • Mann 2: Man, wir waren doch letzte Woche schon in Hannover.
  • Mann 1: Stimmt, wir waren in Hannover.
  • Mann 3: Genau, bei meiner Schwester in Hannover.
  • Mann 1: War das wirklich in Hannover?
  • Mann 2: Ja, man! Welche Stadt denn sonst – außer Hannover?!?
  • Mann 3: Man, wir fahren immer nur nach Hannover!
  • Mann 1: Komisch, warum eigentlich immer nach Hannover?
  • Mann 3: Man, weil da meine Schwester wohnt – in Hannover, klar?
  • Mann 1: Ja, eigentlich klar. Deine Schwester wohnt in Hannover. Stimmt.
  • Mann 2: Und weil sie in Hannover wohnt, fahren wir halt nach Hannover.
  • Mann 1: Aber wir könnten doch auch mal woanders hinfahren – ich meine außer Hannover.
  • Mann 3: Wie? Außer Hannover?
  • Mann 1: Ja, z.B. nach Hamburg.
  • Mann 3: Man, meine Schwester wohnt aber nicht in Hamburg. Sie wohnt nun halt mal in Hannover, man!
  • Mann 1: Hast Du denn nur diese Schwester in Hannover?
  • Mann 2: Ja, er hat nur diese eine Schwester – die in Hannover.
  • Mann 3: Und deshalb fahren wir nach Hannover – und nicht nach Hamburg.
  • Mann 1: Ich kann Hannover nicht mehr sehen.
  • Mann 2: Dann fahr doch woanders hin als Hannover.
  • Mann 1: Wohin denn? Ich kenn doch nur Hannover.
  • Mann 3: Fahr doch einfach mal nach … (überlegt) … nach … Ach, mir fällt gerade keine andere Stadt ein.
  • Mann 2: In Hannover kennen wir alles. Also fahren wir nach Hannover.
  • Mann 3: Außerdem ist Hannover die Landeshauptstadt von Niedersachsen.
  • Mann 1: Ach was! Hannover? Ich dachte Braunschweig.
  • Mann 3: Nein Hannover.
  • Mann 1: Bist Du Dir da sicher, dass das Hannover ist?
  • Mann 2: Natürlich ist es Hannover. Braunschweig ist viel zu klein.
  • Mann 1: Aber Braunschweig ist gemütlicher als Hannover.
  • Mann 2: Es geht doch hier nicht um Gemütlichkeit. Hannover ist die größte Stadt in Niedersachsen.
  • Mann 3: Und deshalb ist Hannover die Landeshauptstadt.
  • Mann 1: Ach, dann fahrt doch nach Hannover!
  • Mann 2: Willst Du jetzt nicht mit nach Hannover?
  • Mann 3: Du wolltest doch auch meine Schwester in Hannover sehen?
  • Mann 1: Aber ich kenne Deine Schwester in Hannover doch schon …
  • Mann 3: Aber es würde ich sicher gefallen, wenn Du mit nach Hannover kommst …
  • usw.

Bochum Hbf (23.09.14) 20%Foto: Encourager68 (2014)

Hier will ich mal abbrechen. Ich möchte mich nicht lustig machen über diese drei Männer. Vielleicht ging es Ihnen auch um etwas wirklich wichtiges und wesentliches. Ihre Unterhaltung könnte aber durchaus auch wie oben beschrieben verlaufen sein. Sie hätte vermutlich noch weitere 2-3 Stunden gedauert. Allerdings fuhr dann unser Zug ein. Nach Minden, nicht nach Hannover! Die drei stiegen mit in den Zug ein, aber in einen anderen Waggon. Wahrscheinlich in den, der bis nach Hannover fährt. Deshalb konnte ich ihr leidenschaftlich geführtes Gespräch nicht weiter verfolgen. War aber auch nicht weiter schlimm für mich.

Es wundert mich manchmal, wie Menschen stundenlang miteinander kommunizieren können, ohne je ein Ende zu finden. Verständlich ist ja, wenn sich z.B. ehemalige Klassenkameraden nach 20 Jahren zum ersten Mal wiedertreffen und sich dann eben stundenlang über die vergangenen Zeiten austauschen möchten. Oder wenn sich Gleichgesinnte über das gemeinsame Hobby unterhalten. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass gewisse Menschen einfach nur reden, nur um reden zu können. Und zwar ohne Ende. Ohne Unterbrechung. Ohne Luftholen. Und mitunter ohne andere dabei zu Wort kommen zu lassen. Sie haben anscheinend ihre Lebenserfüllung in der Konversation gefunden.

Nun, so schlimm ist das ja auch gar nicht. Einer schmökert gerne in einem langen Roman. Eine andere wühlt gerne stundenlang in schönen Stoffen zum Stricken oder Häkeln (oder wie man das eben nennt). Wieder ein anderer schreibt fast täglich Blog-Beiträge. Und andere verwirklichen sich eben in endlosen Unterhaltungenin Cafés, in Mensen und am Küchentisch, an Kneipentheken und in netten Wohnzimmerrunden, in Gesprächskreisen und Selbsthilfegruppen, in mündlichen Examina und manchmal auch in Beichtstühlen. Aber warum nicht. Wirklich! Warum sollten sie sich anders verhalten, wenn ihnen diese Lebensweise so gut tut?! Wer sich gerne unterhält, soll das auch gerne tun. Dann aber bitte schön auch mit Gleichgesinnten. Oder mit solchen, die unheimlich gerne zuhören. Denn es macht einer Person, die lieber gerade was ganz anderes unternähme, ganz und gar keinen Spaß, sich stundenlang von einem anderen gewaltsam zutexten zu lassen. Also, meine Damen & Herren des geübten Redeflusses: Konversieren Sie bitte mit denen, die das auch ausdrücklich wünschen! Alle ihre Gesprächspartner werden es Ihnen danken.

Sieben Weisheiten für diesen Tag:
  • 1. Wenn Ihnen Reden gut tut, dann reden Sie.
  • 2. Wenn Ihnen Reden gut tut, reden Sie bitte mit denen, denen Reden auch gut tut.
  • 3. Wenn Sie nicht gerne reden, dann sagen Sie das denen, die auf Sie einreden.
  • 4. Wenn Sie gerne reden, finden Sie auch mal eine Ende – irgendwann.
  • 5. Wenn Sie gerne reden, helfen Sie denen, die gerne etwas sagen möchten, zu Wort zu kommen.
  • 6. Selbstgespräche sind nicht verboten.
  • 7. Schön, dass wir hier miteinander ins Gespräch kommen konnten – und danke für’s Zuhören (bzw. Mitlesen).

Afrikaner (2014) 20%PS. Um es gleich noch anzumerken, bevor kritische Rückfragen kommen: Nein, mein Beitrag hat keinerlei rassistische Hintergründe oder Hintergedanken. Ein solcher Gesprächsverlauf (wie oben dargestellt) wäre natürlich auch bei westeuropäischen Männern grundsätzlich möglich. Bei drei jungen deutschen Damen allerdings wäre er völlig undenkbar. Denn die würden sich niemals so lange über Hannover unterhalten – eher über Düsseldorf, Köln oder München.

© Encourager68 (2014)

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