13. Januar: „Gott beschütze euch vor Schlangen, Würmern und vor Langeweile!“

Gestern berichtete ich von der Leidensgeschichte einer jungen Ärztin, die im September des vergangenen Jahres nach kurzer schwerer Krankheit verstarb. Die anschließende Trauerfeier in Berlin hatte viele der Teilnehmenden zu Tränen gerührt. Besonders bei einigen jungen Familien war das Mitgefühl sehr groß. Denn die Verstorbene war selbst Mutter von vier kleinen Kindern gewesen.

So traurig diese Momente auch für uns alle waren: Wir erinnerten uns dennoch auch gerne an die heiteren und humorvollen Augenblicke der Vergangenheit. Und da gab es so einige, die uns mit dieser abenteuerlichen Familie so sehr verbunden hatten. Ich erinnere mich z.B. noch gerne an einen lustigen und heiteren Weihnachtsbrief. Die damals noch 5-köpfige Familie weilte bereits seit Mitte 2008 im Süden des heutigen Südsudan. Damit sie am 24. Dezember auch ein bisschen deutsche Weihnachten in Afrika feiern konnten, wollten wir ihnen ein richtig hübsches Weihnachtspaket zusammenstellen – mit Schokolade, Lebkuchen, Keksen und diverser kleiner Weihnachtsgeschenke. Wir – das war der sogenannte Hauskreis* in Wittstock, zu dem das Ärzteehepaar einige Jahre lang gehörte hatte.

Also wurde kräftig gebastelt, eingekauft und gepackt. Am Schluss formulierten wir noch den nötigen Weihnachtsbrief. Den wollten wir bewusst und speziell an die älteste Tochter, die damals 5-jährige Deborah, richten. Denn ihre Eltern hatten bereits – lustigerweise – ihren ersten Rundbrief aus dem Sudan aus der Sicht ihrer Tochter verfasst (wahrscheinlich auch zum Teil mit ihr zusammen) – aus Spaß, versteht sich. So kam der Rundbrief noch viel niedlicher und amüsanter rüber 🙂 . Also adressierten wir unseren Weihnachts-Antwortbrief auch an eben diese niedliche 5-Jährige. Am 5. November 2008 schickten wir folgende beherzten Zeilen zusammen mit unserem Weihnachtspaket Richtung Afrika:

Liebe Deborah,

mit diesem Päckchen und diesem Brief möchten wir uns ganz herzlich für Deine Post vom August bedanken! Das finden wir ganz toll, dass Du an uns alle in Wittstock gedacht hast, auch an uns hier im ehemaligen Hauskreis von Deinen Eltern. Echt prima, was Du uns alles über Dein neues Zuhause berichtet hast! Wir konnten gar nicht mehr aufhören, Deinen Brief zu lesen …

Deine Zeilen sind ja später auch hier in unserer Wittstocker Tageszeitung veröffentlicht worden. Jetzt bist Du also schon eine richtig weltbekannte Journalistin – und wahrscheinlich auch die derzeit Jüngste! 🙂 Wir waren ja auch ganz begeistert zu hören, dass sogar der deutsche Botschafter im Sudan zu Deinem 5. Geburtstag gekommen ist! Vielleicht kommt ja zu Deinem 6. Geburtstag die Königin vom Kongo …

Jetzt ist ja bald Weihnachten. Aus diesem Grund schicken wir euch auch dieses Paket. Wir vermuten nämlich, dass es manche Weihnachtssachen im Süd-Sudan nicht zu kaufen gibt. Da haben wir Dir, Deinen beiden Brüdern und Deinen Eltern ein bisschen unter die Arme gegriffen und für euch ein paar dolle Sachen besorgt. Wir hoffen, dass wir euch damit eine kleine Freude machen können! Ihr seid ja so weit weg, und ihr fehlt uns alle sehr …

Wenn ihr Weihnachten feiert, dann vergesst bitte die armen, hungrigen Löwen nicht! Gebt ihnen bitte auch ein Stückchen von der Schokolade ab. Und wenn bei euch ein einsames Zebra vorbeikommt, ladet es doch zu eurer Feier mit ein. Da würden wir uns echt mitfreuen!

Passt bitte auch gut auf eure Eltern auf! Sagt ihnen, sie sollen immer rechtzeitig zuhause sein und immer schön brav bleiben. Und ärgert sie nicht so viel. Sie haben nämlich viel zu tun und brauchen jeden Tag ein bisschen eure Unterstützung. Schade, dass ihr momentan keine Küche habt. Gerne hätten wir euch eine geschickt. Aber unsere Küche hat ganz knapp nicht mehr in das Paket reingepasst … Aber dafür habt ihr ja drei Klos. Könntet ihr uns beim nächsten Mal bitte eines davon nach Deutschland schicken? Das wäre toll.

Was machen eigentlich Deine Freundinnen Grace, Kinisa und Opani? Und wie geht es Deiner Lehrerin Christine? Was macht die Bohnenzucht Deiner Mutter? Und wieviel tausend Patienten hat Dein Vater schon behandelt? Wir hoffen, dass euer Haus in Goli bald fertig wird und ihr dort bald einziehen könnt. Wir bitten unseren Gott, dass er euch beschützt – vor Schlangen, Würmern und vor Langeweile!

Seid lieb gegrüßt von euren Wittstocker Kawazas**!

PS. Bitte erinnere doch Deine Eltern noch an die Worte in Galater 6,9 (steht auch auf der Karte mit unseren Unterschriften): „Lasst nicht nach in eurem Bemühen, Gutes zu tun. Es kommt eine Zeit, in der ihr eine reiche Ernte einbringen werdet. Gebt nur nicht vorher auf!“ (Gal 6,9) Vielen Dank!“

PS. Es ist wahr: Wir sollten nicht vorher aufgeben! Gestern bestand einer meiner Freunde eine wichtige Prüfung. Er weinte und tanzte den halben Abend vor lauter Freude – wow!

* Hauskreis: eine Gemeinschaft christlicher Freunde oder Familien, die sich meist einmal wöchentlich zu Gemeinschaft, Austausch, gemeinsamen Mahlzeiten, Bibelgespräch und Gebet in einem Privathaus trifft.

** Kawaza = „Weißer“ in der entsprechenden südsudanesischen Stammessprache

 

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