12. Januar: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten …

Die mit Tränen säen, / werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen / und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden / und bringen ihre Gaben.“ (Psalm 126,5f.)

Heute ist ein trauriger Tag. Wir schreiben Sonntag, den 12. Januar 2014. Heute hätte eine gute Bekannte von mir, eine ehemalige Ärztin, ihren 44. Geburtstag gefeiert. Diesen Tag hat sie leider nicht mehr miterleben können. Am 5. September des vergangenen Jahres verlor sie den Kampf gegen ihre unheilbare Erkrankung. Ein Jahr zuvor hatte ich sie und ihre Familie noch in ihrem brandenburgischen Wohnort besuchen können. Da war die Welt noch in Ordnung. Wir holten einen ihrer kleinen Söhne gemeinsam vom Kindergarten ab, und sie kochte anschließend für uns alle ein leckeres Mittagessen. Aber schon wenige Wochen später kam die bestürzende und völlig überraschende Diagnose. Ein Ringen um Leben und Tod begann. Mit vielen wertvollen Momenten, die sie sich ganz bewusst noch einmal mit ihrer Familie gönnte. Aber auch mit finsteren Stunden der Angst, des Schmerzes und Verzweifelns. Etwa zwölf Monate später wurde sie aus ihrem (sichtbaren) Leben gerissen – und damit aus der Gemeinschaft ihrer Familie, ihres Mannes, ihrer vier Kinder, ihrer Mutter, ihres Bruders und all ihrer Anverwandten und Freunde. So hauchte sie ihren letzten Atemzug aus – und war für immer von uns gegangen …

Auf einmal – von einem Moment auf den anderen – ist ein Leben ausgehaucht, zu Ende, für immer. Erst, wenn ein Mensch, den wir liebgewannen, nicht mehr unter uns ist, spüren wir, wieviel er uns bedeutete. Diese engagierte Ärztin hatte mit Leidenschaft Medizin studiert, im Studium ihren späteren Ehemann kennen- und liebengelernt und geheiratet. Schon früh hegten sie gemeinsam den Wunsch, ihre ärztlichen Fähigkeiten nicht nur auf Patienten in Deutschland zu beschränken. Sie wollten auch da helfen, wo medizinische Betreuung Mangelware ist. So fiel die Entscheidung zu einem mehrjährigen Dienst und Aufenthalt im afrikanischen Uganda. Anschließend kehrten sie nach Deutschland zurück, gründeten eine Familie und machten ihre Facharztausbildungen. In dieser Zeit lernte ich die Familie kennen und schätzen. Ihr Ehemann half mir privat auch ausgiebig beim Kauf und Einrichten eines Notebooks und bei sonstigen technischen Fragen.

Schließlich wollten sie wieder raus, in den afrikanischen Busch. Dort, wo sich Gazelle und Giraffe gute Nacht sagen. Dort fühlten sie sich am wohlsten. Um ihre kleinen Kinder sorgten sie sich schon. Aber sie hofften, dass diese sich noch viel besser an Klima und Kultur der neuen Heimat gewöhnen würden. Also wurde für 2008 die Ausreise geplant. Mit dem gemeinnützigen Verein „Christliche Fachkräfte International“ in Stuttgart. Der Zielort: Der kleine Ort Yei im Süden des Sudan (im heutigen Südsudan). Ein verarmtes und kleines Örtchen am Ende der Welt. Dort nahmen sie ihren Dienst als Ärzteehepaar für eine kleine Gesundheitsstation auf. Viele medizinische Geräte gab es dort nicht. Aber immerhin erste Hilfe, eine ausgiebige Untersuchung und die wichtigsten Medikamente. In weitem Umkreis war das für die Einheimischen die einzige Möglichkeit, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die beiden taten ihre Arbeit mit Leidenschaft und machten aus ihren Möglichkeiten, so viel sie konnten. Ihre (am Ende der Dienstzeit 2011) vier Kinder passten sich ganz der afrikanischen Mentalität an. Sie liebten die Natur, liefen fast immer nur Barfuß durch die Gegend und gewannen das Vertrauen der einheimischen Kinder im Sturm.

Etwa drei Jahre später, im Jahr 2011, kehrten sie nach Deutschland zurück. Ein neuerlicher Kulturschock war zu überwinden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang ihnen das aber auch. Der neue Plan stand bald fest: In Deutschland arbeiten, bis die vier Kinder erwachsen sind – und dann so schnell wie möglich zurück nach Afrika! Doch dieser Plan erfüllte sich nicht. Die plötzliche Erkrankung machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Aber warum? Warum müssen Menschen, die sich so herzhaft und leidenschaftlich für andere einsetzen, manchmal solch schwere Wege gehen? Warum ausgerechnet sie? Hätten sie es nicht verdient, 100 Jahre alt zu werden? Gesund, bewahrt und beschenkt?

Ich und einer meiner guten Freunde fasteten sogar regelmäßig für diese Ärztin. Nicht, um dadurch eine übernatürliche Gesundung zu erzwingen. Vielmehr wollten wir sensibeler sein und klarer hören, auf welche Art und Weise wir sie in ihrem Tal der Tränen immer wieder ermutigen könnten. Vielleicht ist uns das auch hin und wieder gelungen. Ich weiß es nicht. Aber oft können uns in solchen schweren Lebensabschnitten gerade Worte der Bibel und Liedverse ein Anker in der Zeit werden. Am 5. August 2013 – genau einen Monat vor ihrem Tod – bekam ich den inneren Impuls, dieser Ärztin folgende Zeilen aus Psalm 126 zu schicken:

Die mit Tränen säen, / werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen / und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden / und bringen ihre Gaben.“ (Psalm 126,5f.)

Diese Zeilen entstammen einem uralten Wallfahrtslied. Darin wird eine wundersame Heimkehr besungen. Die Heimkehr nämlich derjenigen Israeliten, die Jahrzehnte zuvor – nach Kriegshandlungen – aus ihrer Heimat nach Babylon deportiert worden waren. Als sie dann nach so langer Zeit in ihre Heimat zurückkehren durften, konnten sie ihr Glück nicht fassen. Tränen der Freude kamen über sie. „Wir waren wie Träumende“, heißt es am Anfang des Liedes. Diesem Glück gingen allerdings Jahre des Schmerzes voraus. Ungezählte Wochen und Monate. Der Verlust des Eigentums, der gewohnten Gefilde, der Mitte des Herzens. Sie hatten Freiheit in Gefangenschaft eintauschen müssen. Ihre Zukunft war vollkommen ungewiss gewesen. Würden sie je wieder heimkehren dürfen? Das kleine Wunder geschah. Sie durften. Aber erst nach vielen Jahren des Wartens, des Zweifelns und der inneren Zermürbung.

Vielleicht warten auch einige derer, die gerade diese Zeilen lesen, auf eine Rückkehr in ihre gewohnten Verhältnisse. Endlich wieder gesund leben dürfen. Endlich wieder einen Partner an seiner Seite haben. Endlich wieder einen Freund geschenkt bekommen, mit dem man durch dick und dünn gehen kann. Endlich von der eigenen Sucht befreit werden und wieder Freiheit genießen dürfen. Endlich Vergebung erfahren für die Fehler, die man gemacht hat. Endlich wieder schuldenfrei verdienen dürfen. Womöglich liegt es schon lange Zeit zurück: Dieses befreite und unbeschwerte Dasein. Manchem mag die Erinnerung an diese Zeit gänzlich verloren gegangen sein.

Den damaligen Israeliten erging es wahrscheinlich sehr ähnlich. Viele Tränen mögen die meisten von ihnen geweint und ihr Schicksal betrauert haben. Aber dann kam dieses ungeahnte ‚happy end‘, die Heimkehr. Und plötzlich wurden die Tränen, die nun einmal über Jahre hinweg geweint worden waren, nicht mehr nur negativ gedeutet. Auf einmal verwandelten sie sich – in der Rückschau – in ‚Saatkörner‘ für ein späteres, unverhofftes Glück. „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Will sagen: Die viel Leid und Schmerz haben durchmachen müssen, werden einmal für ihr Unglück entschädigt werden. Einmal wird die Zeit kommen, da werden auch sie zurückkehren dürfen. Da werden ihre Tränen abgetrocknet werden, und ihr Schmerz wird für immer ein Ende nehmen. Sie gingen zwar hin und weinten, so der Psalmdichter. Aber diese Tränen, die heimlich über ihre Wangen rollten, entpuppten sich als Grundlage eines zukünftigen, unermesslichen Trostes. Einmal, ja dermaleinst werden diese vielen kleinen Samenkörner aufgehen und eine Ernte der Freude bringen. Am Ende „kommen sie mit Freuden und bringen ihre Gaben“.

Vielleicht ist für Sie, da Sie in diesem Augenblick diese Zeilen lesen, noch kein ‚happy end‘ in Sicht. Ich kann Ihnen heute auch nicht das Glück des Himmels versprechen. Aber ich glaube, dass es einen Frieden gibt, der über alle unsere menschliche Vernunft geht. Einen Trost, der größer ist als alle Schmerzen dieser Welt. Eine Heimat, die an Geborgenheit nichts zu wünschen übrig lässt. Und eine stille tiefe Gewissheit, die sich mit keinem Geld dieser Welt bezahlen lässt. Die Gewissheit: Ich bin nicht allein! Wenn ich falle, wird es einen geben, der mich auffängt – was immer auch kommen mag. Das glaubte und fühlte auch die schwer erkrankte Ärztin in ihren letzten Stunden. Geben Sie Ihre Hoffnung nicht auf. Ihre Tränen werden einmal eine große Belohnung haben.

Die mit Tränen säen, / werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen / und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden / und bringen ihre Gaben.“ (Psalm 126,5f.)

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2 Antworten zu 12. Januar: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten …

  1. Doris Kühn schreibt:

    Das ist eine sehr ergreifende Geschichte, vor allen Dingen hat mir das Trostwort gefallen: „Die mit Tränen säen, / werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen / und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden / und bringen ihre Gaben.“ (Psalm 126,5f.)
    Oft verstehen wir die Wege des Leids in unserem Leben nicht, aber eines Tages werden wir nichts mehr fragen. Vielleicht kann das dann – wenn sie größer ist – auch die kleine Deborah tief in ihrem Herzen begreifen… was es bedeutet eine persönliche Beziehung zu Jesus zu haben und nach Hause zu kommen, wenn wir auch sterben.

    • mwehrstedt schreibt:

      Danke, liebe Doris, für Deine freundliche Rückmeldung! Ja, die kleine Deborah ist ja inzwischen schon einige Jahre älter geworden und hat sicher durch ihre Mutter vieles für ihr eigenes Leben und ihren eigenen Weg des Glaubens dazulernen können, ganz bestimmt.

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