8. Januar: Besser mal selbst eine Redepause einlegen …

… Ich komme nun zum Ende meiner Ausführungen, da meine Zeit abgelaufen ist, aber bevor ich zusammenfasse, möchte ich noch einige allgemeine Bemerkungen zum Thema selbst machen.“ Hier hob Amitz Dulnikker die Stimme und hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser hüpften. „Unser Kampf um die politische Unabhängigkeit geht weiter! Unser Kampf um die nationale Disziplin geht weiter! Unser Kampf zur Stärkung unserer Macht, zur Stärkung unserer Stärke …“ An diesem Punkt, der eigentlich erst der Beginn seiner Rede war, erlitt Amitz Dulnikker den ersten Herzanfall.(Ephraim Kishon, Der Fuchs im Hühnerstall)

Hm, ich denke, wir kennen sie alle: Die Menschen, die sich selbst gerne reden hören. Eigentlich wollen sie gar nicht viel sagen. Aber dann können sie gar nicht mehr aufhören. Keiner kann sie mehr stoppen. Der Geist des Redeschwalls kommt über sie. Sie vergessen komplett die Welt um sich herum. Sie hören nichts mehr (außer sich selbst), sehen nichts mehr, riechen und fühlen nichts mehr. Die Umwelt verschwimmt vor ihren Augen. Die Flut ihrer eigenen Worte bricht sich Bahn und überspült alles und jeden, der ihr nicht mehr entkommen kann. Sich dieser Flut der Worte entgegenzustemmen, ist ausweglos.

Amitz Dulnikker, die Hauptfigur in Ephraim Kishons herrlichem Satireroman „Der Fuchs im Hühnerstall“ (1972), gehört zu dieser Gattung von (Rede-) Mensch. Als israelischer Staatsmann war er einmal nach einer Koalitionskrise „irrtümlich zum Stellvertretenden Generaldirektor des Gesundheitsministeriums ernannt worden“ (12). In diesem, aber auch in anderen seiner Ämter konnte er seiner Neigung, unendlich viele Politikerworte zu machen, von Herzen nachgehen. Er liebte es, am Ende seiner Rede neben einer Zusammenfassung noch „einige allgemeine Bemerkungen zum Thema selbst zu machen“ (9). Was gleichsam bedeutete, dass seine Rede von neuem begann – ohne ein Ende in Sicht. Ob er das angestrebte Thema mit seinen Ausführungen wirklich traf, schien im völlig zweitrangig. Hauptsache, er hatte etwas zu sagen.

Nun gibt es ja auch freundliche ‚Redemenschen‘. Diese bemerken zumindest irgendwann, dass sie kaum ein Ende finden können – und nehmen sich dann selbst zurück. Aber die richtigen und wirklich schlimmen Schwätzer und Schwätzerinnen sind diejenigen, die ihr eigenes Reden gar nicht mehr bemerken. Sie scheinen resistent zu sein gegen jede Selbstwahrnehmung. Mit dieser Eigenart kommen sie natürlich immer gut an bei ihren Freunden und ZuhörerInnen. Sie lassen ihren ‚Gesprächspartnern‘ häufig nicht einmal die Zeit, einen halben Nebensatz auch nur ansatzweise auszusprechen. Das wirkt natürlich sehr befruchtend, und alle DiskussionsteilnehmerInnen fühlen die besondere Form dieser Wertschätzung.

Schön, wenn man über solche Menschen lachen kann. Aber manchmal ballen sich einem die Fäuste in der Hosentasche. Denn Menschen mit solchen Wortergüssen fördern natürlich nicht Gemeinschaft und einen echten Austausch. Im Gegenteil, sie zerstören das Miteinander, schneiden einem anderen das Wort ab, lassen das Gegenüber verstummen und signalisieren zwischen den Zeilen: ‚Was Du hier sagen möchtest, interessiert niemanden.‘ Wer so dominant redet und die Gesprächsteilnehmenden kaum zu Worte kommen lässt, sollte von allen einen ordentlichen Tritt in seinen Allerwertesten bekommen. Danach könnte man ihn in eine weit entfernte Wüste schicken, wo er sich dann bis zu seinem Lebensende selbst zuhören kann :-).

Eine heutige Ermutigung für uns alle: Besser mal selbst eine Pause einlegen und fragen, was unser Gegenüber zu sagen hat. Das kann nämlich mitunter ungemein wertvoll und aufschlussreich sein. Erst mal gut zuhören. Dann gut nachdenken. Dann gut abwegen. Dann seine eigene Meinung kundtun. Und vor allem: einander wertschätzen. So werden wir es sicher besser machen als Freund Dulnikker und höchst wahrscheinlich unseren ersten Herzanfall vermeiden helfen :-).

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2 Antworten zu 8. Januar: Besser mal selbst eine Redepause einlegen …

  1. Waldfee schreibt:

    Ich werde es versuchen. Menschen ausreden zulassen, ihnen zu zuhören, sie ernst nehmen, sie dort abholen , wo sie sich gerade befinden auch wenn es manchmal schwer ist.

  2. mwehrstedt schreibt:

    Hey, tolle Sache, liebe Waldfee! Versuch es mal – und Du wirst Wunder erleben. Wenn wir unserem Gegenüber gut zuhören, wird uns in der Regel auch gerne zugehört 🙂

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