7. Januar: Von Quälgeistern, die wir nicht missen möchten …

Nicht nur eigenartige Pflanzenarten, sondern auch recht merkwürdige Tierarten bekommt Diego de Landa im 16. Jahrhundert in Yucatán (auf der heutigen mexikanischen Halbinsel) zu Gesicht. Darunter ist ein sehr munteres und aufgewecktes Wesen, das der spanische Maya-Missionar wie folgt beschreibt:

Es gibt ein Tier, das sie Chic nennen und das ein ausgemachter Schelm ist; es ist so groß wie ein Hündchen und hat eine Schnauze wie ein Spanferkel. Die Indias ziehen diese Tiere auf, und sie verschonen nichts, vielmehr durchwühlen sie ihnen alles und werfen es über den Haufen; unglaublich ist, wie überaus gern sie mit den Indias schäkern, sie suchen ihnen die Flöhe ab und drängen sich ständig zu ihnen, und den Mann können sie genausowenig ausstehen wie den Tod. Es gibt viele von diesen Tieren, und sie laufen immer scharenweise in einer Reihe hintereinander, wobei stets das hintere die Schnauze unter den Schwanz der vorderen steckt; und wo sie eindringen, richten sie große Verwüstungen auf den Maisfeldern an.“ (Diego de Landa [1566])

Ausgemachte Schelme sind diese Tierchen also. Dazu schauen sie noch aus wie eine Mischung aus Hündchen und Spanferkel. Sie sorgen ständig für einigen Wirbel in den Hütten und Häusern der Maya-Frauen, die diese kleinen Witzbolde auch als Haustiere großziehen. Richtig wohl scheinen sich diese quirligen Wesen in der Gegenwart der Mädchen und Frauen zu fühlen. Sie durchstöbern und durchwühlen alles, was sie vor ihre Spanferkelnasen bekommen. Sie lassen nichts unangerührt, untersuchen und beschnuppern dies und das und richten wohl regelmäßig ein außerordentliches Chaos in den kleinen Haushalten an. Sie werfen alles über den Haufen und schrecken vor nichts zurück – nur vor den Männern, die sie damals anscheinend überhaupt nicht ausstehen konnten und um die sie einen weiten Bogen machten; wahrscheinlich deshalb, weil sie von diesen für ihren ständigen Unfug regelmäßig eine gewischt bekamen. Aber die Frauen der Maya nehmen ihnen ihr stetes Unwesen nicht übel. Vielmehr genießen sie es, wie diese kleinen Wirbelwinde mit ihnen herumschäkern, wie sie an ihnen hinaufklettern, sie lausen und ihnen das Ungeziefer aus den Haaren entfernen.

Witzige Gestalten müssen das gewesen sein. Besonders, wenn sie in Reih‘ und Glied „scharenweise in einer Reihe hintereinander“ herliefen und so die gesamte Frauengesellschaft zum Lachen brachten. Eigentlich sollte man ja annehmen, dass sich die Maya-Frauen diese Quälgeister lieber vom Halse gehalten hätten. Da sie so neugierig waren und für ständige Unordnung sorgten, konnte man sie nicht gerade haushaltsdienlich nennen. Aber die Frauen und Mädchen liebten sie und wollten sie anscheinend nicht missen. Die herumwuselnden Vierbeiner zerstörten und zerwühlten wohl ständig neue Sachen. Aber gleichzeitig zauberten diese kleinen Unholde ein Lachen und Schmunzeln auf die Gesichter der Anwesenden, belebten die Hausgemeinschaft und sorgten ständig für neuen Gesprächsstoff. So wurde es den Mädchen und Frauen in den Hütten und auf den Höfen nicht langweilig, und es gab ständig etwas zu kichern wegen dieser süßen Unruhestifter.

Ein wunderschönes Gleichnis auch für das Leben der Kinder in unseren Familien. Nicht nur lebhafte Haustiere, auch lebhafte Kinder können einen ganz schön nerven. Ständig laufen sie in den eigenen vier Wänden umher und schmeißen ohne Unterlass Gegenstände um. Sie sorgen nicht nur für Unordnung, sondern nicht selten auch für einen ordentlichen Schaden. Ständig muss man sie zurechtweisen oder beschäftigen. Ständig muss hinter ihnen hergerufen, hergeräumt und hergeschimpft werden. Und wenn sie nicht wollen, wie man selber will, gibt es schnell Knatsch und Geschrei.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass man diese süßen Unholde trotz allem nicht missen möchte. Sie rauben Eltern und Aufsichtspersonen oft den Verstand. Aber dabei sind sie immer wieder so niedlich und drollig, dass man ihnen für ihren Unfug kaum böse sein kann. Sie bringen einen immer wieder zum Schmunzeln, vertreiben alle Langeweile und machen unser Leben kurzweilig. Ohne sie wäre es mitunter recht trist im Haus. Ohne sie sähe zwar sicher alles viel aufgeräumter aus. Aber ohne sie könnten wir auch nicht so viele Anekdoten erzählen. Und ohne sie würde unser Herz viel ärmer sein. Also tolerieren wir diese Quälgeister mit einem zwinkernden Auge in unseren Wohnungen, Gärten, auf unseren Straßen und wenn sie über uns hinwegpurzeln. Manchmal brauchen sie auch eine deutliche Zurechtweisung oder ein Klapps auf den Po. Aber im Großen und Ganzen mögen wir sie doch über alle Maßen und würden sie niemals weggeben. Jedenfalls unsere Frauen und Mädchen würden das nicht tun. Ach, und unsere Männer und Jungs wohl auch nicht. Denn die heutigen Kinder haben vielleicht doch ein besseres Verhältnis zu ihren Vätern als die damaligen witzigen Maya-Haustiere zu den damaligen Maya-Männern. Da haben sich die Zeiten wohl doch ein wenig geändert – zum Positiven, wie wir hier einmal herzhaft annehmen wollen :-).

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